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Proteste gegen Asylbewerber
Warum hassen wir sie so?

Asylbewerber - woher kommen unsere Vorurteile?
Gegner der Flüchtlingsunterkunft stehen am 26. Mai in Freital in der Nähe des ehemaligen Leonardo-Hotels. FOTO: dpa, oki skh
Meinung | Düsseldorf. Nicht nur in Freital sind Anwohner dagegen, dass in der Nachbarschaft Flüchtlinge untergebracht werden. Das hat auch mit Griechenland zu tun – ein Versuch zu erklären, warum sich viele von uns wie Idioten aufführen. Von Sebastian Dalkowski

In der zweiten oder dritten Klasse beging ich die einzige rassistische Handlung, an die ich mich erinnern kann. Plötzlich waren da diese drei Mädchen mit der etwas dunkleren Hautfarbe. Viel mehr, als dass es Flüchtlinge aus dem Balkan waren, erfuhren wir nicht. Eines dieser Mädchen wurde auf den Platz neben mir gesetzt. Mir gefiel das gar nicht. Ich fand, dass sie roch, und achtete penibel darauf, dass sie niemals mehr als die Hälfte des Zweier-Tisches in Anspruch nahm. Tat sie es doch, wies ich sie darauf hin, und sie rückte wieder ein Stückchen zur Seite. Niemals in meiner Schulzeit habe ich andere Tischnachbarn darauf hingewiesen, dass sie die Grenze überschritten hatten.

Mir fiel diese Geschichte wieder ein, als ich von den Ereignissen in Hamburg und Freital las. Im Hamburger Stadtteil Jenfeld soll ein Zeltlager für Flüchtlinge entstehen, viele Anwohner stellen sich dagegen. Es gibt sogar eine Facebook-Gruppe mit dem Namen "Gegen Flüchtlinge im Jenfelder Moorpark". Die "Taz" berichtete von einer Frau, die sagte: "Ich kann noch hundert Mal erklären, dass ich nichts gegen diese Kanaken habe. Aber das hier ist einfach der falsche Ort." In der sächsischen Stadt Freital gab es vor dem Flüchtlingsheim, einem ehemaligen Hotel, tagelang Kundgebungen, die in Krawalle umschlugen.

Es gibt sehr viele Gründe für so ein Verhalten, von simpler Dummheit bis zu nicht ausreichender Kommunikation durch die Städte. Aber ein weiterer hat auch mit meinem Verhalten in der Grundschule zu tun. Ich war damals ja kein Rassist, weil man mit sieben Jahren einfach kein Rassist sein kann. Ich wusste es bloß nicht besser und folgte meinem ersten Reflex: Diese Fremde nimmt mehr als 50 Prozent des Tisches in Anspruch, das geht auf keinen Fall.

Den ersten Reflex reflektieren

Doch irgendwann wurde ich alt genug, um den ersten Reflex zu reflektieren: "Junge, niemand nimmt dir das weg. Jetzt sei nett zu den Leuten, sie haben dir nichts getan und außerdem haben sie wirklich viel durchgemacht." Niemand kann etwas für den ersten Reflex, aber jeder ist dafür verantwortlich, dem nicht sogleich nachzugeben und sein Verhalten nochmal zu überdenken.

Warum aber passiert das bei einigen erwachsenen Menschen nicht, zum Beispiel bei den Anwohnern in Jenfeld und Freital? Warum geben sie ihrem Instinkt nach? Warum hassen sie so?

Weil sie von vielen Seiten in ihrem Reflex bestätigt werden: "Wir sind die fleißigen Deutschen, und die faulen Ausländer wollen bloß unser hart erarbeitetes Geld." Nein, niemand von Bedeutung sagt das so deutlich in der Öffentlichkeit, aber auch die abgeschwächte Form reicht aus.

Im Juni sagte Horst Seehofer in einem Interview mit dem "Münchner Merkur" Sätze wie "Die Rückführung abgelehnter Asylbewerber muss noch stärker stattfinden als bisher" und "Die EU-Kommission, die sich ja so intensiv um unsere Maut kümmert, sollte sich in gleichem Ausmaß lieber mal um den Schutz von Europas Grenzen bemühen". Horst Seehofer ist kein rechter Spinner, sondern der bayerische Ministerpräsident. Markus Söder will das Taschengeld für Asylbewerber abschaffen, wenn sie aus so genannten sicheren Herkunftsländern kommen, zum Beispiel den Balkan-Staaten. Auch Markus Söder ist kein rechter Spinner, sondern Finanzminister Bayerns. Hat er noch nie von der Verfolgung gehört, denen Sinti und Roma dort noch immer ausgesetzt sind?

Aus solchen Aussagen lässt sich lesen, dass die Ausländer mal wieder auf Kosten der fleißigen Deutschen leben. Also, so könnte der Gedankengang der Asylheim-Gegner lauten, ist mein erster Reflex ja richtig: "Weg mit den Schmarotzern."

Wo ist der Beweis für die Faulheit der Griechen?

Der Gedanke "Fleißige Deutsche vs. faule Ausländer" wird noch verstärkt durch Teile der Griechenland-Berichterstattung, angeführt von Deutschlands größter Boulevardzeitung. Auch dort entsteht der Eindruck, der Grieche, der Ausländer, lebe ausschließlich von deutschen Steuergeldern. Jeder Redakteur, der mal einen Schritt zurücktritt und auf die Schlagzeilen blickt, sollte zu dem Ergebnis kommen: Da haben wir schon ziemlichen Mist verzapft.

Dabei dürfte es schwer sein, einen Beweis zu finden, dass die Deutschen fleißig und die Griechen faul sind. Die Wirtschaftsleistung sagt darüber noch gar nichts aus. Wenn ich nach dem Zehn-Finger-System auf der Tastatur tippe, schaffe ich in derselben Zeit mehr Seiten, als jemand, der jeden Buchstaben suchen muss. Ich bin dann zwar produktiver, aber nicht unbedingt fleißiger.

Das heißt nicht, dass Seehofer und Söder und die Griechenland-Berichterstattung verantwortlich sind für das Verhalten der Leute in Freital und Hamburg und anderswo. Aber sie schaffen ein Klima, in dem so ein Verhalten gedeiht. Gefährlicher als ein Idiot ist ein Idiot, der sich nicht mehr wie ein Idiot fühlt. Zum Beispiel, weil er glaubt, nicht alleine zu sein.

Irgendwann traf ich das Mädchen aus dem Balkan wieder. Lange nach Ende meiner Schulzeit. Sie arbeitete in einem Schnellimbiss und sie bereitete meinen Döner zu und alles war ganz normal. Mir fällt jetzt ein, dass sie mich nie darauf hingewiesen hat, wenn ich mehr als die Hälfte des Tisches beanspruchte.

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