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| 17.41 Uhr

Athen
Der Platz der zerstörten Träume

Athen. Am Victoriaplatz in Athen stranden jeden Tag neue Flüchtlinge. Das Elend in dem provisorischen Camp ist groß. Ein Ortsbesuch. Von Christian Schwerdtfeger

Faizah ist eine der ersten, die wach wird. Sie ist froh, dass sie die Nacht gut überstanden hat. Es war kalt, und um sie herum lagen Hunderte fremde Männer. Die 23-Jährige schlüpft aus ihrem Schlafsack, steht auf und schaut sich um. Es sind während der Nacht noch einmal mehr Flüchtlinge geworden. Sie liegen kreuz und quer unter freiem Himmel auf dem Victoriaplatz in Athen. Die meisten von ihnen schlafen noch. Faizah kampiert seit zwei Tagen dort. Sie sagt, sie sei aus Syrien geflohen. Ihre Familie sei bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Sie will nach Schweden. Dort hätte sie Verwandte.

Voller Hoffnung am Morgen

Es ist kurz nach halb sieben, Athen erwacht. Es wird schnell laut und hektisch. Autofahrer hupen, Sirenen heulen. Der Verkehrslärm weckt die Flüchtlinge, wenn es nicht schon der Hunger getan hat. Faizah ist voller Hoffnungen, dass es ein guter Tag werden wird. Vielleicht, sagt sie, machen sie heute die Grenzen auf. "Ewig können die uns ja nicht hier einsperren", meint sie. Zwei Tage will sie noch maximal in Athen bleiben, dann weiter Richtung Mazedonien. Auch wenn die Grenzen bis dahin noch geschlossen sein sollten. Aber hier, betont sie und zeigt auf die vielen Flüchtlinge, werde es langsam unangenehm. Zu viele Menschen, die nicht wüssten, wie es mit ihnen weitergehen soll - viele ohne Hoffnung und Perspektive. Afghanen, Iraner, Iraker, Syrer, Libanesen, Christen und Moslems. Die meisten sind junge Männer, dazu einige Familien. Nur wenige Frauen, die allein reisen wie Faizah. "Und das ist gefährlich", sagt sie.

Einige Flüchtlinge kommen mit der U-Bahn direkt vom Hafen zum Victoriaplatz, mit der historischen Linie Eins von Piräus, der Hafenstadt, wo seit Monaten täglich Hunderte neue Flüchtlinge zum ersten Mal griechisches Festland betreten. Die, die es übers Meer geschafft haben, sind erschöpft, hungrig, durstig. Die meisten haben nichts außer der schmutzigen Kleidung, die sie tragen. Und der Zustrom über die Ägäis reißt nicht ab. Auf den Inseln Lesbos, Chios und Kos kommen täglich im Durchschnitt 2000 neue Flüchtlinge an.

100.000 Flüchtlinge im Land

Bald schon, sollten die Grenzzäune nicht geöffnet werden, meint die griechische Regierung, werden mehr als 100.000 Flüchtlinge im Land festsitzen, viele auf den Straßen Athens. Die meisten zieht es zum Victoriaplatz in den südlichen Athener Stadtteil Agios Pandeleimon, seit jeher Anziehungspunkt für Asylsuchende aus den fernen Ländern Arabiens, Afrikas und Asiens. Viele Migranten sind im Laufe der Jahre auch geblieben, leben in einer Grauzone zwischen Illegalität und Legalität.

Dennoch kommen normalerweise auch Touristen in die Gegend um den Victoriaplatz, das archäologische Nationalmuseum liegt nur wenige Straßenecken entfernt. Doch seit die Flüchtlinge ihre Lager dort aufgeschlagen hätten, sagt Nicos, der ein kleines Straßencafé betreibt, verirre sich kaum noch ein Tourist dorthin. "Die Flüchtlinge sind nicht gut für das Geschäft", sagt er. Er verhehlt nicht, dass es auch schon vorher, bevor die Flüchtlinge kamen, nicht gut lief. "Aber jetzt verkaufe ich so gut wie gar nichts mehr. Die Laufkundschaft ist weg", klagt er. Eigentlich habe er seinen Laden nur noch für die Polizisten geöffnet, die den Platz bewachen. "So geht das nicht weiter. Uns geht es selbst nicht gut."

"Stimmung ist extrem aggressiv"

Doch trotz der eigenen wirtschaftlichen Misere helfen die Athener den Flüchtlingen in ihrer Stadt. Magdalena wohnt direkt am Victoriaplatz. Sie bringt den Flüchtlingen jeden Morgen frisches Brot vom Bäcker, obwohl sie als Rentnerin selbst kaum genug zum Leben hat. Ihr Nachbar Christos (71) besorgt Kaffee. Mittags kommt Dimitri und liefert Oliven, Fleischspieße und Gyros. Und was sonst noch vom Vorabend in seinem Restaurant "Kreta" übriggeblieben ist. Dimitri, der vor 20 Jahren aus Rüsselsheim nach Athen gezogen ist, kommt schon seit Wochen jeden Tag zum Victoriaplatz. Aber seit die Grenze zu Mazedonien dicht sei, sagt er, habe sich das Klima dort erheblich verschlechtert. "Die Stimmung ist extrem aggressiv geworden. Früher haben sich alle gefreut, wenn ich kam, haben sich bei mir bedankt. Jetzt stürzen sie sich auf mich, wenn ich mit meinem Wagen halte. Es kommt schon mal zu Handgreiflichkeiten", berichtet er. "Aber irgendwer muss ihnen doch helfen. Wenn es nicht der Staat macht, müssen wir Bürger es eben tun."

Polizei vor Ort

Wegen der wachsenden Spannungen auf dem Platz stehen dort mittlerweile Polizisten. Sie sollen aufpassen, dass die Situation nicht wieder eskaliert. So wie vor einigen Wochen, als mehrere Flüchtlinge in einer Verzweiflungsaktion versuchten, sich das Leben zu nehmen. Die Beamten sind aber auch da, um die kriminellen Schlepper fern zuhalten. Die sind derzeit in Athen so aktiv wie nirgends sonst in Europa. Sie bieten den Flüchtlingen an, sie auf anderen Wegen als der klassischen Balkanroute nach Deutschland zu bringen. "Die versprechen den Menschen, dass sie sie für 3000 Euro nach Mazedonien schmuggeln", sagt einer der Polizisten. "Nicht selten kassieren sie das Geld und hauen dann einfach ab."

Faizah ist froh, dass die Polizisten da sind. Sie geben ihr zumindest ein kleines Gefühl von Sicherheit. Es ist abends, kurz nach 20 Uhr. Der Tag lief schlecht für sie. Eine Gruppe hat sie nicht gefunden, der sie sich hätte anschließen können. Und auch die Grenzen zu Mazedonien sind weiterhin geschlossen. "Aber jeder Tag hier ist besser als in Syrien", sagt sie. Dann schlüpft sie in ihren Schlafsack und versucht zu schlafen. Vielleicht träumt sie von Schweden.

Quelle: RP
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