Nordafghanistan: Attentäter tötet drei Bundeswehrsoldaten
zuletzt aktualisiert: 19.02.2011 - 14:28Berlin (RPO). Bei einem Anschlag auf die Bundeswehr in Nordafghanistan sind am Freitag drei deutsche Soldaten ums Leben gekommen. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sagte am Freitag in Berlin, ein afghanischer Soldat habe "völlig überraschend aus kurzer Distanz" aus einer Handfeuerwaffe auf die Bundeswehrsoldaten gefeuert. Sechs Soldaten wurden den Angaben nach verletzt, zwei von ihnen schwer.
Der Anschlag ereignete sich in der Provinz Baghlan an einem Außenposten, den Guttenberg erst am Vortag besucht hatte. Es sei das erste Mal, dass deutsche Soldaten bei einem solchen Angriff getötet wurden, sagte der Minister. Der Schütze sei bei dem nachfolgenden Gefecht ums Leben gekommen. Nach Informationen unserer Redaktion gehörten die getöteten Soldaten, ein Hauptfeldwebel (30), ein Stabsgefreiter (22) und ein Hauptgefreiter (21), dem Panzergrenadierbatallion 122 in Regen (Bayerischer Wald) an.
Guttenberg warnte zugleich davor, das bislang "sehr erfolgreiche Partnering", also die Zusammenarbeit von deutschen und afghanischen Streitkräften, jetzt grundsätzlich in Frage zu stellen.
Noch zwei Soldaten in Lebensgefahr
Nach dem tödlichen Anschlag auf denn Bundeswehr-Außenposten befinden sich am Samstag noch zwei deutsche Soldaten in einem kritischen Zustand. Die beiden Schwerverletzten sollten am Wochenende mit einem Spezialflugzeug nach Deutschland geflogen werden, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos des Bundeswehr in Potsdam.
Die Maschine werden voraussichtlich am Sonntag am Flughafen Köln-Bonn landen. Mit den beiden Schwerverletzten würden auch die vier leicht verwundeten Soldaten zurückkehren.
Taliban in afghanischer Uniform
Wie die Internationalen Schutztruppe Isaf mitteilte, trug der Angreifer im Bereich des vorgeschobenen Postens "OP North" nahe Pol-e Khomri eine Uniform der afghanischen Streitkräfte ANA und gehörte zum 209. Korps. Bei dem Feuergefecht wurde der Angreifer den Angaben zufolge getötet.
Die Verwundeten wurden laut Bundeswehr inzwischen mit einem US-Rettungshubschrauber zur medizinischen Behandlung nach Pol-e Khomri ausgeflogen. Sie sollten später im Feldlazarett von Kundus behandelt werden. Drei schweben in akuter Lebensgefahr.
Guttenberg hatte erst am Donnerstag überraschend die nordafghanische Region und auch den Bundeswehr-Außenposten besucht. Allein in der Provinz Baghlan sind rund 600 deutsche Soldaten stationiert. Es war bereits die neunte Reise Guttenbergs zu den deutschen Truppen in Afghanistan seit seinem Amtsantritt im Oktober 2009.
Seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes sind 48 Bundeswehrsoldaten am Hindukusch ums Leben gekommen.
Mit Wartungsarbeiten beschäftigt
Die Nato-Truppe Isaf in Kabul erklärte, die deutschen Soldaten seien mit Wartungsarbeiten an ihrem Schützenpanzer "Marder" beschäftigt gewesen, als der junge Schütze gegen 12 Uhr (Ortszeit, 08.30 Uhr MEZ) von hinten auf die Gruppe schoss. Ein 30-jähriger Hauptfeldwebel sei kurz nach dem Angriff seinen Verwundungen erlegen, teilte das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam mit.
Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) verurteilte "diesen hinterhältigen Terrorakt auf das Schärfste". Westerwelle erklärte, er habe die Nachricht vom Tod des deutschen Soldaten "mit großer Erschütterung und tiefer Trauer" aufgenommen.
Der Außenposten im Bezirk Pul-i-Chumri gilt als einer der gefährlichsten Einsatzorte der Bundeswehr in Nordafghanistan. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte den Stützpunkt erst am Mittwochabend besucht und dort die Nacht verbracht. Nach "Bild"-Informationen wird der Außenposten seit November massiv ausgebaut. Deswegen hätten sich zeitweise "mehrere hundert Afghanen" auf dem Gelände befunden.
Zunächst hatten deutsche Soldaten den Ausbau übernommen, wie "Bild" am Freitag vorab meldete. Später habe der Kommandeur vor Ort entschieden, die "lokale Wirtschaft mit einzubeziehen und zu stärken" und afghanische Arbeiter anzuheuern. Die deutschen Soldaten vor Ort hätten sich massiv über dieses Vorgehen beschwert, weil sie gegenüber den afghanischen Arbeitern Sicherheitsbedenken hatten. Auch soll es nach Informationen der "Bild" in der Vergangenheit bereits zu einem Zwischenfall gekommen sein, bei dem ein afghanischer Arbeiter einen deutschen Wachposten im "OP North" ausspähte. Der Afghane wurde kurzzeitig festgesetzt, später aber wieder freigelassen.
Die Isaf kündigte eine Untersuchung des Angriffs an. Der Isaf-Sprecher, der deutsche General Josef Blotz, bestätigte im Gespräch mit "Spiegel Online", dass der Angreifer eine Uniform der afghanischen Armee getragen habe. Offenbar habe er zu einer Gruppe afghanischer Soldaten gehört, die der Bundeswehr beim Ausbau des Außenpostens helfen. Bisher sei aber noch unklar, ob der Schütze tatsächlich ein Soldat war oder ob er die Uniform als Tarnung trug.
Bei zwei Anschlägen nahe der pakistanischen Grenze kamen in Afghanistan am Freitag mindestens zwölf Menschen ums Leben. In der östlichen Provinzhauptstadt Chost griff ein Attentäter in einem mit Sprengstoff beladenen Auto eine Polizeiwache an, nach Behördenangaben starben neun Menschen. In der Provinz Nangahar wurden drei Polizisten getötet, als ihr Fahrzeug über einen versteckten Sprengsatz fuhr.
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