Colibri-Manöver (2): Auf der Suche nach "Dirty Harry"
VON HELMUT MICHELIS - zuletzt aktualisiert: 25.04.2009 - 11:53Düsseldorf (RPO). "Die Bombe heißt "Harry", was wohl auch nur Soldaten einfallen kann. Film-Freaks ahnen natürlich, woher diese schräge Idee kommt: vom Action-Streifen "Dirty Harry", weil "schmutzige Bombe" auf englisch "dirty bomb" heißt. Vielleicht wollte der unbekannte Namensgeber dem Schrecken mit Humor die Spitze nehmen. Die vorgegebene unheilvolle Manöverlage, hier in unmittelbarer Nähe der malerischen Saarschleife durchgespielt, wird hoffentlich niemals Wirklichkeit.
Mein "Navi" im Privatauto werde ich nach "Colibri" übrigens für viel Geld den Geheimdiensten verkaufen: Es führte mich auf dem Weg von Mönchengladbach zur Kaserne auf der Ell in Merzig schnurstracks über den benachbarten Standortübungsplatz der Bundeswehr (merke: "Durchfahrt verboten!") und fast unmittelbar zu jenem "Dirty Harry".
Das Labor der Terroristen, das es in den nächsten Tagen zu stürmen gilt, befindet sich also in dem einzigen Gebäude dort, das zu allem Überfluss mit etwas Böswilligkeit als Latrine bezeichnen werden könnte. Wer sich das nun wieder ausgedacht hat! Ach so, verraten Sie es bitte der übenden Truppe nicht. Die sucht zurzeit diese "geheime Bombenwerkstatt".
Im Presse- und Informationszentrum in Merzig herrschte dezente Hektik, als ich am Nachmittag endlich eintraf: Das belgische Hercules-Transportflugzeug aus unserer "Colibri-Luftflotte" war überraschend abgesagt worden, was den Zeitplan der Fallschirmsprung-Einsätze ordentlich durcheinander warf.
Jetzt sind plötzlich Absprünge und das spektakuläre Übersetzen per Schlauchbooten über den Losheimer Stausee bei Dunkelheit geplant – für die zahlreichen Fernsehsender und Fotojournalisten, die sich als Gäste angesagt haben, ein mittlerer Albtraum. Das Team um den engagierten Presseoffizier der Luftlandebrigade 26, Hauptmann Claus-Peter Schulz, muss immer wieder umplanen und telefonieren - Improvisation ist Trumpf!
Sieht irgendwie dramatisch aus
Aber das übt, so wäre es im Ernstfall schließlich auch. Also, Vorhänge zu! Wir testen, ob uns "Lucie" helfen kann: die Nachtsichtbrille der Bundeswehr. Tatsächlich lässt sich durch die Linse des Fotoapparats schemenhaft etwas in Grün-Schwarz darstellen. Sieht irgendwie dramatisch aus. Aber ob das fürs Fernsehen oder die Tageszeitung reicht? Ich bin skeptisch. Wir experimentieren noch...
Diese internationale Fallschirmjäger-Gemeinschaft und ihr Umfeld sind eine große Familie. Der Umgang ist auch zwischen den Dienstgradstufen wohltuend kameradschaftlich. Denn ob Gefreiter oder General: "Alle müssen durch die selbe Tür", so lautet der Spruch – gemeint ist der Sprung aus dem Flugzeug, der mit Grummeln im Magen für alle gleich ist.
Und die Feiern zum 50-jährigen Bestehen der Luftlandebrigade 26, dem diesjährigen Colibri-Gastgeber, waren im vergangenen Jahr durch Anschläge und Unglücksfälle überschattet: Am 27. August 2008 starb ein 29-jähriger Hauptfeldwebel bei einem Attentat nahe dem Feldlager in Kundus in Afghanistan; bei diesem und weiteren Anschlägen gab es mehrere teils schwer Verletzte. Kurz zuvor waren zwei Soldaten bei einem Hubschrauberabsturz in Bosnien-Herzegowina ums Leben gekommen. Dieses Wissen um die Gefahr verbindet.
Ein sympathischer Versicherungskaufmann
Gemeinschaftlich, das weiß jeder, bewältigt man die lebensgefährlichen Herausforderungen des Auslandseinsatzes besser, die im geregelten Alltagsleben der Bundesrepublik ohnehin die wenigsten nachvollziehen können. Aber die Soldaten hier pendeln nun einmal ständig zwischen Extremen: Die Spanier, die wie die Belgier erstmals bei "Colibri" dabei sind, müssen zum Beispiel heute Mttag schon wieder mit ihrer alten Boeing 707 zurück nach Madrid. Afghanistan? Ein anderer gefährlicher Einsatz? Wir erfahren es nicht.
Wir Reservisten gehören hier in Merzig traditionell wie selbstverständlich dazu: So treffe ich auch Hauptmann d.R. Michael Reimsbach (41) wieder. Mit dem sympathischen Versicherungskaufmann aus Wadgassen bei Saarlouis habe ich an "Colibri 40" teilgenommen.
"Meine Frau und meine Tochter haben viel Verständnis für mein Bundeswehr-Engagement", meint Reimsbach, dessen zweites Hobby noch viel ungewöhnlicher ist: In der historischen Darstellungsgruppe des Infanterieregiments 30 "Graf Werder", dessen Rekrutierungsbereich einst das Rheinland war, tritt er mit anderen Geschichtsinteressierten bei zahlreichen Veranstaltungen in der Uniform des Jahres 1895 auf – jedes kleinste Detail muss stimmen. Reimsbach wird am 30. August mit seiner Truppe sogar durchs Brandenburger Tor in Berlin marschieren – eine außergewöhnliche Touristenattraktion.
"Ich führe Auftrag weiter fort"
Ein anderer alter Bekannter ist Feldwebel d.R. Carl Schulze, ein Fachbuchautor aus Westfalen, der gerade den französischen Journalisten Yves Debay begrüßt. Yves hat mehr Einsatzerfahrung als die meisten Soldaten hier in Merzig: Für seine Reportagen war er unterwegs in allen Krisengebieten, in denen die französische Armee Frieden zu schaffen versuchte – seine brutalen Schilderungen aus Afrika, denen ich erstmals 1998 in Toulouse lauschte, sind zutiefst erschütternd.
Wir dürfen dankbar sein, in einer anderen Welt zu leben, und – so meine tiefe Überzeugung – wir müssen diese Werte und diese Sicherheit verteidigen.
Der sprachliche Übergang mag etwas platt sein: Dafür nehme ich es gern auf mich, morgen wieder um 6.40 Uhr im Dienst zu sein. Dass "Colibri" mal wieder Schlafentzug bedeutet, wusste ich schon vorher. Wie heißt das so schön militärisch: "Ich führe Auftrag weiter fort" – und berichte an dieser Stelle bald weiter von "Colibri 42".

dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.