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Helmut Schmidt in Hamburg: Auftritt eines großen Alten

VON REINHOLD MICHELS - zuletzt aktualisiert: 26.05.2007 - 17:29

Hamburg (RP). Als der Bundeskanzler a.D., Hamburger Ehrensenator, "Zeit"-Herausgeber, Helmut Schmidt, hinter dem Vorhang hervortrat, war das vom äußeren Eindruck her ein wenig so, als käme der Alte Fritz daher. Die Zuhörer im Börsensaal der Hamburger Handelskammer erhoben sich beim Anblick des 88-Jährigen, der sich, von den Jahren gebeugt, auf einen Stock stützte und aus seinen vorstehenden großen, runden Augen energisch blickte.

Animiert durch "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo kam der deutsche Parade-Elder-Statesman zu Wort. Er sprach über Banales, Entscheidendes, über Merkel, Beck, Gott und die Welt. Hier einige Kostproben:

Rauchen Ich rauche seit 70 Jahren, meine Frau raucht noch länger. Warum sollte ich mit dem Rauchen aufhören? Ich habe das nie in Erwägung gezogen.

Grundeinkommen für alle Eine zwar nicht utopische, aber verrückte Idee. Grundeinkommen für jedermann, das sehe ich nicht ein. Dadurch würde der Wille des Menschen zu arbeiten, erlahmen.

Wirtschaftsaufschwung Viele bei uns neigen zu dem Irrtum, als habe die Bundesregierung den Aufschwung herbeigeführt. Der Aufschwung erfasst die gesamte Welt: Europa, Nordamerika, große Teile Lateinamerikas, fast ganz Asien und sogar auch Afrika. Solch eine Welt-Konjunktur gab es noch nie.

Was gefährdet den Aufschwung? Erstens: Wenn irgendjemand wieder einen kleinen Irakkrieg anfinge. Zweitens: Wenn künstlich eine Öl- und Gaspreisexplosion erzeugt würde. Drittens: Wenn bestimmte Fonds- und Investmentmanager großen Blödsinn machten und weltweit die Börsen in Mitliedenschaft zögen.

Politik und Wirtschaft Die europäischen Regierungen können die Konjunktur und die Geldpolitik in ihren Ländern nicht mehr steuern. Die deutsche Volkswirtschaft hängt zu 40 Prozent ihres Bruttoinlandprodukts vom Export ab. Wir sind dreimal mehr von der Weltwirtschaft abhängig als die USA oder Japan. Ginge unser Export um die Hälfte zurück, hieße das: fünf Prozent plus bei Arbeitslosigkeit.

Jugend in der Politik Um Bundespräsident zu werden, muss man mindestens 40 Jahre alt sein. Bundetagsabgeordneter können Sie mit 23 oder sogar mit 19 sein. Gott sei Dank ist das nicht die Regel.

Geburtenrückgang Vielleicht ist neben den drei Gründen "Emanzipation der Frau, Pille, ungewöhnlicher Wohlstand" grundsätzlich ein Abfall der Vitalität in Europa dafür verantwortlich.

Von der Leyen/Krippenausbau Wenn sie es hinkriegt, dass Frauen zugleich im Beruf Erfolg haben und zwei oder mehr Kinder großziehen können, dann geht’s wieder nach oben mit der Geburtenrate.

Benedikt XVI. Er sollte für Lateinamerika eine große Sozial-Enzyklika ausarbeiten lassen, so wie Anfang des 20. Jahrhunderts zwei Sozialenzykliken auf das europäische Industrie-Proletariat zielten. Sie hatten gewaltigen Einfluss auf die anschließende Sozialpolitik.

Johannes Paul II Ein wunderbarer Mensch, verehrungswürdig, aber theologisch altmodisch.

Gottesglaube So wie ich, eher nicht an einen Gott zu glauben, aber dennoch das Vaterunser zu beten, zeigt: Weil ich ein Mensch bin, bin ich voller Widersprüche.

Tod/Sterben Ich habe keine Angst vor dem Tod. In meiner Brieftasche ist eine Patientenverfügung, weil ich als Sterbenskranker nicht künstlich am Leben gehalten werden will.

Angela Merkel Mein Bild von ihr ist besser geworden, ganz allgemein, ich könnte das nicht spezifizieren.

SPD-Chef Beck Dass er weithin unbekannt ist, muss nicht heißen, dass er ein schlechter Politiker ist.

Große Koalition Der Teufel soll sie holen, wenn sie nichts Vernünftiges zustande bringt.

Klimapolitik Die Klima-Hysterie finde ich ein bisschen übertrieben. Es hat über Millionen von Jahren auf der Erde den ständigen Wechsel von Warm- und Kaltzeiten gegeben. Eines ist aber klar: Durch Abholzen tropischer Wälder, durch Verbrennen von Benzin, Kohle usw. trägt der Mensch dazu bei, dass sich der Erwärmungsprozess der Atmosphäre beschleunigt. Aber zu glauben, der Mensch könne das Klima insgesamt verändern, dazu muss man Amerikaner sein.


 
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