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Migration Integration Panorama Berlin
  Foto: AFP, AFP
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Studie zur Integrationsdebatte: Ausländische Abschlüsse oft nicht anerkannt

zuletzt aktualisiert: 18.10.2010 - 07:55

Düsseldorf (RPO). Behörden und Unternehmen lassen Beschäftigungspotenziale von in Deutschland lebenden Migranten häufig ungenutzt. Das geht aus einer Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und der Bensheimer Ifok GmbH im Auftrag von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hervor.

Demnach haben "Zuwanderer mit ausländischen Abschlüssen häufig Qualifikationen erworben, die potenziell wichtig für den deutschen Arbeitsmarkt sind". Die Anerkennung der ausländischen Abschlüsse durch die Behörden und Kammern sei aber unübersichtlich und teilweise nicht geregelt, so die Gutachter.

Nicht-EU-Bürger hätten "kaum Zugang zu formalen Bewertungsverfahren", heißt es in der Studie, die Brüderle am Montag vorstellen will. Insgesamt verfügten die in Deutschland lebenden Migranten über gut 2,8 Millionen im Ausland erworbene Abschlüsse, so die Studie. Knapp die Hälfte davon seien der Fachrichtung "Ingenieurwesen und Technik" zuzuordnen.

Deutschland leidet insbesondere unter einem Mangel an Ingenieuren und Fachkräften mit technischen Ausbildungen. Brüderle plane deshalb ein Informationsportal im Internet, das Behörden und Unternehmen helfen solle, brachliegende Potenziale bei den Migranten besser auszuschöpfen und den Fachkräftemangel zu bekämpfen.

Schavan verspricht 300.000 Fachkräfte

Brüderle plädierte im ZDF angesichts des erwarteten Fachkräftemangels für ein Punktesystem für Einwanderer. Der FDP-Politiker verwies auf Erfahrungen in Kanada oder Australien. Entscheidend müsse sein, wo es Engpässe in der Wirtschaft gebe. Die Punkte könnten etwa nach Schul- oder Berufsausbildung vergeben werden. Gefragt, ob es das System in Deutschland noch in dieser Legislaturperiode geben werde, antwortete Brüderle: "Ich hoffe sehr."

Zugleich wandte sich Brüderle gegen die Vorstellung, wegen des Fachkräftemangels nur auf die Qualifizierung von Arbeitslosen zu setzen. Man müsse sie zwar einbeziehen. Man könne aber nicht aus jedem Schulabbrecher einen IT-Spezialisten machen. Auch habe man viele deutsche Fachkräfte und Wissenschaftler in den vergangenen Jahre verloren.

Derweil verspricht die Bundesregierung der deutschen Wirtschaft Hunderttausende neue Arbeitskräfte durch eine bessere Anerkennung ausländischer Abschlüsse. "Unsere Volkswirtschaft kann sich auf bis zu 300.000 neue Fachkräfte freuen", sagte Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) der "Financial Times Deutschland". So groß schätzt sie die Zahl der Migranten, deren Qualifikation in Deutschland ungenutzt bleibt.

Sie verspreche sich vor allem Fachkräfte in Natur- und Ingenieurswissenschaften, Pflegeberufen und der Medizin, sagte Schavan. Ein Gesetzentwurf aus ihrem Haus gibt jedem, der im Ausland gelernt hat, einen Anspruch darauf, seine Qualifikationen in Deutschland bewerten zu lassen. Die dafür zuständigen Kammern oder Behörden müssen die Anträge innerhalb von drei Monaten bearbeiten.

"Es ist allemal einfacher, den versteckten Schatz im eigenen Land zu heben als neue Fachkräfte in fernen Ländern zu suchen", sagte die Ministerin. Das Gesetz sei auch ein Beitrag zur Integration und ein Signal für mehr Zuwanderung: "Dieses Gesetz setzt ein Zeichen, dass qualifizierte Fachkräfte in diesem Land willkommen sind."

DIW für Zuwanderung auch aus islamischen Ländern

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, forderte unterdessen mehr Zuwanderung und schloss dabei muslimische Zuwanderer ausdrücklich ein. "Es gibt massive Handlungsnotwendigkeiten", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

"Im Augenblick kommen 700.000 Menschen pro Jahr rein, aber mehr als 700.000 Menschen verlassen uns auch wieder. Wir sind ein Auswanderungsland." Das sei eine gefährliche Entwicklung, die in den nächsten 20 bis 30 Jahren zu erheblichen Anpassungsschwierigkeiten führen werde, sagte Zimmermann. Nötig seien "jährlich 500.000 Menschen netto mehr im Land".

Der DIW-Präsident erwies darauf, dass alle Partnerländer Deutschlands einen hohen Fachkräftemangel haben. Daher könnte man nicht darauf setzen, "dass aus den immer leerer werdenden osteuropäischen Beitrittsländern die Menschen ausgerechnet zu uns kommen". Zimmermann forderte, das Zuwanderungsgesetz um ein Punktesystem zu ergänzen. Das Gesetz sei bisher nur eine Hülle. Es müsse die Zuwanderung besser regeln.

Zimmermann fügte hinzu: "Die Aufnahmefähigkeit von Migranten aus muslimischen Ländern ist nicht automatisch schlechter als die von anderen Migranten. Denn Menschen mit einem größeren kulturellen Abstand haben auch eine größere Bereitschaft, diesen Abstand zu vermindern." Von daher sei es falsch, eine entsprechende Debatte zu führen.

Kritik von Grünen

Niedersachsens Sozialministerin Aygül Özkan (CDU) zeigte sich besorgt darüber, dass derzeit mehr Menschen aus Deutschland ab- als zuwandern. Da spiele die derzeitige emotionale Debatte um Zuwanderung eine gewisse Rolle, sagte sie der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse". Özkan sagte, es gebe viele, gut ausgebildete Menschen, die angesichts mancher Debattenbeiträge nicht wüssten, ob sie wirklich willkommen seien. "

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast wies derweil die jüngste Kritik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vehement zurück. "Mit solchen Aussagen versucht Merkel nur von den Problemen ihrer Partei abzulenken", sagte Künast der "Berliner Zeitung". Auf dem Deutschlandtag der Jungen Union in Potsdam hatte Merkel am Wochenende "Multikulti" für gescheitert erklärt.

Grünen-Chef Cem Özdemir forderte Bundespräsident Christian Wulff, sich bei seinem Staatsbesuch in der Türkei von CSU-Chef Horst Seehofer zu distanzieren. Die Debatte dürfe nicht von "Rechtspopulisten" dominiert werden, sagte Özdemir dem "Hamburger Abendblatt". Seehofer hatte erklärt, die Union trete für die deutsche Leitkultur und gegen Multikulti ein.

Durchgreifen gegen Integration

Die Koalition will einem Zeitungsbericht zufolge noch in diesem Monat ein Gesetzespaket auf den Weg bringen, mit dem ein härteres Durchgreifen gegen Integrationsverweigerer ermöglicht werden soll. "Wir werden die Träger von Integrationskursen gesetzlich verpflichten, den Sozial- und Ausländerbehörden sofort zu melden, wenn Migranten trotz Teilnahmepflicht Kursen fernbleiben", sagte der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl (CSU) der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Auch ein "lückenloser Datenaustausch zwischen Arbeitsagenturen und Ausländerbehörden" sei geplant.

CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt sagte dagegen im ZDF, auch angesichts von vier Millionen in Deutschland lebenden Muslimen sei der Islam kein Teil der deutschen Leitkultur. Er widersprach einer "ungezügelten Zuwanderung" und sprach sich dafür aus, mit bestehenden Möglichkeiten Integrationsdefizite abzubauen. Bei drei Millionen Arbeitslosen in Deutschland brauche das Land "eine Qualifizierungsoffensive und keine Zuwanderungsoffensive."

Dobrindt widersprach damit Forderungen der Bundeskanzlerin sowie der Bildungs- und der Arbeitsministerin, die mehr Fachkräfte ins Land holen wollen.

Quelle: RP/dapd/AFP/das

 
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