Rückblick: Auszüge aus den emotionalsten Reden von Johannes Rau
zuletzt aktualisiert: 27.01.2006 - 17:09Berlin (rpo). Während seined politischen Laufbahn ist sich Johannes Rau vor allem durch seine Wortgewandheit und emotionale Reden bei den menschen beliebt geworden. Wir haben Auszüge seiner weltweit beachteten Rede vor der Knesset in Jerusalem, seiner Rede zum Gedenken an den 9. November 1938, sowie seiner Abschiedsrede vor dem Bundestag zusammengestellt.
REDE VOR DER KNESSET, 16. FEBRUAR 2000
"Herr Staatspräsident, Herr Vorsitzender, meine Damen und Herren,
ich weiß, was es für manchen von Ihnen bedeutet, in diesem Hohen Hause heute die deutsche Sprache zu hören. Ihre Entscheidung, mich einzuladen, erfüllt mich mit Dankbarkeit. Ich empfinde sie als Zeichen des Willens, Geschichte niemals zu verdrängen, und des Mutes, die Schreckenslähmung dieser Geschichte dennoch zu überwinden.
Im Angesicht des Volkes Israel verneige ich mich in Demut vor den Ermordeten, die keine Gräber haben, an denen ich sie um Vergebung bitten könnte. Ich bitte um Vergebung für das, was Deutsche getan haben, für mich und meine Generation, um unserer Kinder und Kindeskinder willen, deren Zukunft ich an der Seite der Kinder Israels sehen möchte.
(...)
Heute sorgen wir uns darum, wie die Nachgeborenen mit der Schuld ihrer Väter umgehen werden. Wir müssen unseren Kindern diese Zusammenhänge immer wieder erklären. Darum ist die Schärfung des historischen Bewusstseins eine der wichtigsten politischen und kulturellen Aufgaben im deutsch-israelischen Verhältnis. Wenn die Zeitzeugen gestorben sind, muss das Wissen sicher in die Hände der Jugend übergeben worden sein. Das sind wir auch denjenigen Deutschen schuldig, die sich damals, als es darauf ankam, gerecht verhalten haben.
Oft wird gefragt, ob es für Deutsche und Israelis angesichts der Vergangenheit Normalität geben kann. So undifferenziert gestellt, kann ich diese Frage nur mit "nein" beantworten. Das Verhältnis zwischen unseren Ländern wird für immer ein besonderes sein. Im Wissen um das Geschehene halten wir die Erinnerung wach. Mit den Lehren aus der Vergangenheit gestalten wir gemeinsame Zukunft. Das ist deutsch-israelische Normalität."
REDE ZUR REICHSPROGROMNACHT VOR DEM BRANDENBURGER TOR, 9. NOVEMBER 2000
"Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Wir alle wären froh, wenn diese Demonstration nicht notwendig wäre. Aber leider ist sie notwendig. Darum ist es gut, dass wir alle hier stehen. Darum sagen wir: Wir stehen auf für Toleranz und Menschlichkeit.
(...)
Wer andere verfolgt oder erschlägt, der ist ein Feind des eigenen Landes. Patriotismus kann nur da gedeihen, wo Rassismus und Nationalismus keine Chance haben. Wir dürfen Patriotismus niemals mit Nationalismus verwechseln. Ein Patriot ist einer, der sein eigenes Vaterland liebt. Ein Nationalist ist einer, der die Vaterländer der anderen verachtet.
Wir sagen heute: Wir stellen uns der Gewalt und dem Hass entgegen. Jeder an seinem Platz. Wir stehen für die unantastbare Würde jedes Menschen. Wir wollen, dass jeder Mann und jede Frau überall in Deutschland sicher sein kann vor Einschüchterung und vor Gewalt. Wir sind ein Land der Toleranz und der Freiheit. Deshalb wollen und werden wir Barbarei und Gewalt nicht tolerieren. Das klingt selbstverständlich. Das ist auch selbstverständlich. Aber das Selbstverständliche muss immer wieder neu gesagt und allen klar gemacht werden.
(...)
Häufig wird gesagt: Bei uns in Deutschland gibt es nicht mehr Fremdenhass und Antisemitismus, nicht mehr Ausländerfeindlichkeit als in anderen Ländern auch. Das stimmt ja - aber das entschuldigt gar nichts. Wir müssen uns gegen Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit im eigenen Land wehren. Und es kommt hinzu: Wegen unserer Geschichte, wegen des 9. November, müssen wir ganz besonders wach und wachsam sein. Jeder Anschlag auf eine Synagoge, jeder Anschlag auf eine jüdische Einrichtung ist ein Anschlag auf uns alle."
ABSCHIEDSREDE VOR DEM BUNDESTAG, 1. JULI 2004
"Ich will keine Bilanz der vergangenen fünf Jahre ziehen. Aber zwei Gedanken sind mir doch wichtig. Im kommenden Jahr erinnern wir uns an den 60. Jahrestag des Kriegsendes. Viele Menschen haben inzwischen ein sehr nüchternes Verhältnis zu solchen Gedenktagen. Für mich und für viele Menschen meiner Generation ist das anders. Ich habe die Befreiung von der Diktatur noch selber erlebt und ich habe erfahren, wohin diese Diktatur geführt hat.
(...)
Ich bin dankbar für das Vertrauen, das mir so viele Menschen entgegengebracht haben und für die Offenheit, mit der sie mir begegnet sind. Ich wünsche Ihnen, Herr Bundespräsident (Horst Köhler), dass Sie die gleiche Offenheit und das gleiche Vertrauen erfahren. Bei aller Kritik - es ist ein wunderbares Land, in dem wir leben. Ich wünsche unserem Land Mut, Zuversicht und Gottes Segen."
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