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Barbara Hendricks im Interview
"Wer SUV fährt, sollte sich beim nächsten Auto anders entscheiden"

Barbara Hendricks im Interview: "Wir haben am Montag in Kleve geheiratet"
Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD). FOTO: imago
Berlin . Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) spricht im Interview mit unserer Redaktion über die Zukunft des Verbrennungsmotors, Stürme in Deutschland und ihre Erwartungen an die Bonner Klimakonferenz.

Wir treffen Barbara Hendricks (SPD) in ihrem Ministerbüro. Die Bonner Klimakonferenz, die am kommenden Montag beginnt, wird noch einmal ihre volle Aufmerksamkeit binden. Im Ressort laufen die Vorbereitungen, für Hendricks ist das internationale Treffen ein Höhepunkt am Ende ihrer Amtszeit.

Frau Hendricks, wir haben in diesem Jahr sowohl in Deutschland als auch in anderen Erdteilen katastrophale Unwetter erlebt. Schärft das ein Bewusstsein für den Klimawandel bei den Menschen?

Hendricks Das glaube ich schon. Bei uns treten Wetterphänomene auf, die wir hier bislang nicht kannten. In Mitteleuropa gibt es deutlich häufiger Starkregen und Überflutungen und als anderes Extrem die Hitzetage. Das sind definitiv Auswirkungen des Klimawandels.

Hurrikans hat es aber schon immer gegeben.

Hendricks Natürlich, aber auch diese Stürme werden heftiger. Wetter und Klima sind nicht dasselbe, aber das Wetter wird sich mit der globalen Erwärmung drastisch ändern.       

Wird es also künftig noch häufiger diese Wetterkapriolen geben?

Hendricks Davon müssen wir alle ausgehen und uns entsprechend vorbereiten. Die Niederlande befestigen bereits ihre Küstenlinie im großen Stil neu. Starkregen wird zunehmen, ebenso Stürme oder auch Dürreperioden. Glücklicherweise haben das die Menschen in Deutschland verstanden und halten den Klimaschutz für wichtig.

Und sie sind auch dazu bereit, tiefer in die Tasche zu greifen?

Hendricks Auch das gehört dazu. Es gibt die Energiewende gerade in der Übergangszeit nicht zum Nulltarif, aber für den Klimaschutz ist sie unabdingbar. Menschen, deren Existenz von Braunkohlestandorten abhängt, müssen wir schlüssige Alternativen aufzeigen. Dazu sind wir als Politik verpflichtet. Ich bin dafür, mehr Bundesgelder für Regionen wie das Rheinland oder die Lausitz aufzuwenden, um sie bei diesem Strukturwandel zu unterstützen.

Das Verständnis der Menschen hört aber oft dann auf, wenn es konkret um ihre Gewohnheiten geht. Das Fahren großer Autos etwa.

Hendricks Wer einen SUV fährt und in der Stadt lebt, sollte sich beim nächsten Autokauf möglichst anders entscheiden, das wäre mein Rat. Von einem hohen ADAC-Funktionär habe ich bereits die Äußerung gehört, dass künftig Fahrer großer Autos in Städten wahrscheinlich so schief angeschaut werden dürften wie heute Raucher in Innenräumen.

Und Sie teilen die Prognose?

Hendricks Ich fand es zumindest interessant, dass das vom ADAC kam. Aber bitte verstehen Sie mich jetzt nicht als Verzichtspredigerin falsch. Die Leute sollen frei entscheiden können, aber bitte über ihr Tun nachdenken.

In einer knappen Woche startet die Bonner Klimakonferenz. Was kann sie bewirken?

Hendricks Ich bin schon mal froh, dass alle Länder bis auf die Vereinigten Staaten zusammenbleiben. Es gibt selbst bei großen Emittenten...

...also jenen Ländern, die einen hohen CO2-Ausstoß haben...

Hendricks ... genau, wie China, die Bereitschaft, ihre Investitionen in den Klimaschutz aufzustocken. Zwar bauen die auch noch neue Kohlekraftwerke, um ihren wachsenden Energiebedarf zu decken, aber längst nicht mehr in dem noch vor wenigen Jahren geplanten Umfang. Die erneuerbaren Energien wachsen dort rasant. Und selbst Erdöl-Riesen wie Saudi Arabien denken um. Das stimmt mich optimistisch.

Und was sollte die Konferenz leisten?

Hendricks Wir haben mit dem Klimavertrag von Paris ein Gesetz für die gesamte Welt beschlossen. Das muss jetzt aber noch ausgelegt, also mit Leben gefüllt werden. In Bonn wird es darum gehen, wie wir die Fortschritte der einzelnen Länder messen und vergleichen können. Und auf welchem Weg wir es schaffen können, die globale Klimaschutzlücke zu füllen, um die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Denn zu diesem Ziel haben wir uns in Paris gemeinsam verpflichtet. Gut ist, dass die Länder nicht hinter ihre Zusagen zurück dürfen. Und ich bin sicher, dass wir durch technologischen Fortschritt mit der Zeit immer ehrgeiziger werden können. Zumal die reichen Länder des Nordens dem sich entwickelnden Süden Hilfe zugesagt haben.

Nach der Bundestagswahl präsentierten Sie für Deutschland eine negative Bilanz, was den CO2-Ausstoß angeht. Haben Sie als Ministerin alles richtig gemacht für weniger Emissionen?

Hendricks Zunächst muss ich feststellen, dass meine Kritik an den gestiegenen Emissionen nicht parteipolitisch war.

Neben den CSU-Ressorts für Agrar und Verkehr schoben Sie auch dem SPD-geführten Wirtschaftsministerium Verantwortung zu.

Hendricks Natürlich sind die Interessen unterschiedlich. Trotzdem muss ich als Umweltministerin voranschreiten, ehrgeizige Ziele benennen und es aushalten, dass die anderen dagegen schießen. Ich weiß aber, dass meine Politik Früchte tragen wird. Ich habe dafür gesorgt, dass wir uns endlich ehrlich machen und den einzelnen Ressorts individuelle CO2-Einsparziele abgerungen, die sie auch künftig einhalten müssen. Bisher ist nämlich insbesondere in der Landwirtschaft und beim Verkehr so gut wie nichts passiert.

Und Sie haben keine Fehler gemacht?

Hendricks In meinem Verantwortungsbereich als Bauministerin war ich nicht erfolgreich genug. Da haben wir gegen den Widerstand der Länder nicht durchsetzen können, dass es eine steuerliche Förderung der energetischen Gebäudesanierung gibt. Das ging zu langsam, ich will mir da keinen schlanken Fuß machen. Aber als Umweltministerin bin ich eben nicht für Verkehr, Agrar und Wirtschaft zuständig. Sonst hätte die Bilanz anders ausgesehen.

Wie finden Sie eigentlich die Forderung der Grünen, den Verbrennungsmotor bis 2030 abzuschaffen?

Hendricks Gerade bei der individuellen Motorisierung wird das vom Markt getrieben deutlich schneller gehen, als wir es jetzt noch annehmen. Da müssen wir gar nicht mit Verboten kommen.

Der Markt kann das aus Ihrer Sicht ernsthaft bis 2030 alleine regeln?

Hendricks  Die Autoindustrie rechnet ja selbst schon vor, dass wohl bis 2025 rund 25 Prozent ihrer dann verkauften Autos einen Elektroantrieb haben. Das ist eine knallharte Wettbewerbsfrage: Wer hat auf den Elektroauto-Märkten der Zukunft die Nase vorn? Wie gesagt: Verbote brauchen wir nicht. 

Sie haben jüngst ein umfassendes Konzept für die Stärkung ländlicher Räume gefordert. Das wäre bei vollen Kassen doch Ihre Aufgabe gewesen!

Hendricks Ich habe das zu Beginn der Legislatur sehr wohl angemahnt, allerdings wurde es dann kein Bestandteil des Koalitionsvertrags. Und in den vergangenen vier Jahren hat der Zuzug in die Städte auch erst dramatisch zugenommen.

Trauen Sie einem Jamaika-Bündnis einen großen Wurf zu?

Hendricks Allein ein Heimatministerium reicht jedenfalls nicht. Wir brauchen Breitbandanschlüsse, andere Mobilitätskonzepte für Menschen auf dem Land, bessere ärztliche Versorgung und vieles mehr. Dafür sind hohe Bundesinvestitionen nötig. Und die will die FDP bestimmt nicht.

Was muss die Antwort auf das rasante Insektensterben sein?

Hendricks Das ist wirklich ein riesiges Problem, das nicht nur wegen des Bienenrückgangs dramatische Folgen für unsere Lebensgrundlagen haben kann. Wir brauchen dringend eine andere Art der Landwirtschaft: Landwirte sollen nicht mehr für Massenproduktion mit Monokulturen belohnt werden, sondern für das, was sie für das Allgemeinwohl leisten – und dazu gehören auch die Insekten. Das geht nur über eine grundlegende Reform der EU-Agrarförderung. Außerdem muss sich der Umgang mit Pflanzenschutzmitteln ändern, die Landwirtschaft braucht Alternativen zu Mitteln, die alles töten. 

Die Entscheidung über eine Verlängerung der Glyphosat-Lizenz wurde nun vertagt. Können Sie sich einen Kompromiss mit dem Agrarminister für ein deutsches Ja vorstellen?

Hendricks Nein, ich bleibe bei meiner Haltung. Es ist unbestritten, dass Glyphosat gravierende negative Folgen für die biologische Vielfalt hat, gerade auch für Insekten. Das darf so nicht bleiben. Sonst geht das Insektensterben rasant weiter.

Die Klimakonferenz wird in Bonn sein. Wann sollten alle Ministerien vollständig nach Berlin umziehen?

Hendricks Ich habe mich immer dafür eingesetzt, die Aufgaben vernünftig zwischen Bonn und Berlin aufzuteilen. Meine Empfehlung wäre eine strukturelle Reform in allen Ministerien, um Aufgaben an Bundesämter abzugeben. Dafür gibt es schon viele Beispiele und Bonn hat davon mit zahlreichen Arbeitsplätzen profitiert. Die Entscheidung über den Zeitpunkt liegt beim Bundestag.

Der hat als eine der letzten Amtshandlungen in der vergangenen Wahlperiode die Ehe für Alle durchgebracht. Sie haben angekündigt, Ihre Lebenspartnerin heiraten zu wollen. Verraten Sie uns den Termin?

Hendricks Wir haben am Montag in Kleve geheiratet.

Jan Drebes und Eva Quadbeck führten das Interview.

Quelle: RP
 
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