Im Urlaub mit der NRW-Schulministerin: Barbara Sommer im Interview
VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 01.08.2009 - 17:16Travemünde (RP). NRW-Schulministerin Barbara Sommer (CDU) erholt sich mit ihrer Familie an der Ostsee vom politischen Tagesgeschäft. Wir haben die Bielefelderin in Travemünde besucht. Im Gespräch auf der Hotel-Terrasse erklärt Sommer, wie sie die Schüler vom Hausaufgaben-Stress entlasten will.
Der Frühstückssaal des Hotels Grand-Spa Arosa im Seebad Travemünde. "Püppi, bringst Du mir einen Tomatensaft mit?", ruft ein rüstiger alter Herr seiner Tochter zu. Am Nachbartisch wird getuschelt. Ist sie das? Ja, sie ist es. Barbara Sommer, die Schulministerin von NRW, kommt mit dem Saft vom Buffet zurück.
Zusammen mit ihrem Vater Alfred Quelle, der 96 Jahre alt ist, und ihrem Mann Herbert (64) verbringt die Bielefelderin derzeit ihren Sommerurlaub an der Ostsee. Ein munteres Trio. "Normalerweise macht meine Frau um diese Zeit schon den Politikersport", scherzt Herbert Sommer. Politikersport? "Sie schwimmt, weil sie trainieren muss, sich über Wasser zu halten." Die Ministerin lacht. Eigentlich redet sie im Urlaub nicht gerne über ihren Job. Jetzt macht sie eine Ausnahme.
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FDP-Innovationsminister Andreas Pinkwart steht angeblich bereit, nach der Wahl auch das Schulministerium zu übernehmen. Was halten Sie davon?
Sommer Diese Gerüchte sind nicht besonders geistreich. Mein Kollege Pinkwart und ich sitzen am Kabinettstisch nebeneinander. Wir haben ein gutes Verhältnis und bei vielen Projekten erfolgreich zusammengearbeitet – zuletzt bei der Erneuerung der Lehrerausbildung.
Was macht denn einen guten Schulminister aus?
Sommer Man muss vor allem mit Herz und Seele dabei sein und wissen, wie Schüler, Eltern und Lehrer ticken. Das ist für mich genauso wichtig wie politisches Gespür.
Kritiker in der Union werfen Ihnen vor, Sie würden sich mit Ihrem Plädoyer für die Einführung von Verbundschulen in städtischen Randgebieten vom dreigliedrigen Schulsystem verabschieden.
Sommer Das kann ich nicht nachvollziehen. Schule ist ein lebendiger Organismus, der sich stets verändert. Deswegen gilt auch hier: Stagnation ist Rückschritt. Es ist wichtig, auch über Optimierungen diskutieren zu können. Beim Verbundmodell bleibt die Identität von Hauptschulen und Realschulen erhalten, aber die Lehrer können ihr Know-how austauschen. Davon profitieren die Schüler. Und deren Interessen stehen im Vordergrund.
Ist die Hauptschule ein Auslaufmodell?
Sommer Nein. Aber auch die Hauptschule muss sich den veränderten gesellschaftlichen Realitäten anpassen. Deswegen versuche ich dort ein Konzept mit mehr Berufsorientierung und mehr lebenspraktischen Ansätzen umzusetzen. Hierzu gehört: Wie können die Jugendlichen einen selbstbestimmten Weg einschlagen? Wie bekommt man seine Handy-Kosten in den Griff? Mit dieser Orientierung haben Hauptschulen eine Zukunft.
Fürchten Sie einen Lehrermangel wegen der Schweinegrippe?
Sommer Das kann ich nicht ausschließen. Die Gesundheit von Schülern und Lehrern hat absolute Priorität. Deswegen raten wir dazu, im Zweifel lieber nicht in die Schule zu gehen, um ein Ansteckungsrisiko auszuschließen. Das kann an der ein oder anderen Stelle zu Engpässen führen.
Viele Gymnasiasten beklagen sich darüber, sie hätten durch das Turboabitur kaum noch Freizeit...
Sommer Ich bin sicher, dass sich das einrenkt. Die Gymnasien müssen ihren Unterricht natürlich auch verändern. Hierzu gehört etwa, sich von lieb gewonnenen Inhalten zu trennen. Auch die Vergabe der Hausaufgaben muss angepasst werden. Ein gutes Konzept ist es, die veranschlagte Zeit zur Lösung einer Hausaufgabe ins Klassenbuch einzutragen. Der Lehrer in der fünften oder sechsten Stunde sieht dann, ob er noch Hausaufgaben aufgeben kann oder ob die Zeitgrenze bereits erreicht wurde.
Auch in den Ferien müssen viele Kinder büffeln. Ist das richtig?
Sommer Zur Schule zu gehen, ist ein harter Job. Deswegen brauchen auch Schüler Zeiten, in der sie entspannen und nicht arbeiten. Ich glaube, es ist nicht sinnvoll, in den Ferien durchzupauken. Auch wenn man sich auf eine Nachprüfung vorbereiten muss, sollte man sich das Pensum gut einteilen. Zwei bis drei Stunden pro Tag halte ich für ausreichend. Der Rest sollte Freizeit sein. Auch kommerzielle Nachhilfe über einen langen Zeitraum halte ich nicht für richtig. Die Schüler müssen es aus eigenem Antrieb schaffen, den Anschluss zu halten.
In vielen Kommunen gibt es schwarz-grüne Bündnisse. Kann das im Land funktionieren?
Sommer Jedenfalls nicht in der Bildungspolitik. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass da Kompromisse möglich wären. Ich stünde für eine Politik, die auf eine Einheitsschule hinausläuft, jedenfalls nicht zur Verfügung.
Die SPD hat schlechte Umfragewerte – tun Ihnen die Genossen leid?
Sommer Ich habe durchaus Sympathien für manchen SPD-Politiker. Und ich weiß auch wie es ist, wenn man persönlich angegriffen wird. Daher kann ich verstehen, dass dieSituation an den Nerven zehrt. Es ist aber nicht gut, wenn daraus Angriffe entstehen, die unter der Gürtellinie sind.
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Barbara Sommers Vater nickt. Der 96-Jährige hatte seiner Tochter 2005 davon abgeraten, Ministerin zu werden. Damals fragte er. "Püppi, warum tust Du Dir das an?" Die Entscheidung kann er bis heute nicht verstehen. "Es könnte doch jeden Tag so entspannt zugehen wie im Urlaub", sagt der agile Senior. Barbara Sommer will nach dem Interview schwimmen gehen. 60 Bahnen schafft sie in einer Stunde. Was die Fitness angeht, kann sie sich Politik noch lange antun.
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