Gastbeitrag von Klaus Bölling: Bericht eines Vertrauten
zuletzt aktualisiert: 23.12.2008 - 16:53Düsseldorf (RP). Unser Gastautor gehörte als Regierungssprecher zum „Kleeblatt“, zum kleinsten Kreis um Helmut Schmidt. Bölling beschreibt den hanseatischen Stil des Kanzlers und analysiert, warum dessen Urteil heute fast noch gefragter als früher ist.
Ohne den Krückstock, den man heutzutage schonungsvoll eine Gehhilfe nennt, kann sich Helmut Schmidt nicht mehr so gut bewegen. Die Zeiten, da er bei einem Juso-Kongress 1968, damals schon Vorsitzender der Bundestagsfraktion der SPD, vom Rednerpult mit einer Sprung sicher auf dem Parkett landete, in der linken Hand einen Glimmstängel, sind lange vorbei, ziemlich genau vierzig Jahre.
Dabei ist Schmidt zu keiner Zeit besonders sportlich gewesen, Ausnahme Segeln. Das hatte er gelernt. Das konnte er, am besten das Ruder in der Hand. Ja, man darf sagen: immer schon eine Begabung zum Steuermann, ein Navigator auch bei heraufziehenden Gewittern. Nur vom Wind ist jeder Segler abhängig. Sonst ist Schmidt, zeitlebens, nicht gern abhängig gewesen. Doch ohne seine Partei, die älteste mit anderthalb Jahrhunderten Geschichte, wäre er nicht zum politischen Skipper der Republik aufgestiegen, kein Sozialist, ein sozialer Demokrat.
Schmidts kleine Bosheit
Lang ist’s her, da hat ihm sein Freund Pierre Trudeau, damals Kanadas Premierminister, ein winziges Segelboot geschenkt. Damit schipperte Schmidt über den Brahmsee, von dem, außer den Holsteinern, kein Deutscher wusste, wo er auf der Karte zu finden sei. Das war der Schmidt-See, der gelegentlich sogar ziemlich ungemütlich werden konnte.
Sport, sagt man, hält gesund. Schmidt hat es ins „biblische“ Alter geschafft. Nebenbei, er hat sich von seiner Kirche in den letzten Jahren mehr und mehr entfernt und ist doch kein schlechterer Bibelkenner als früher Johannes Rau. Gut, am Wandern hatte er Freude. Immer, fast immer, an der Seite seiner Frau Hannelore, in die er sich schon im reifen Knabenalter verguckt hatte. „Loki“, nur wenige Monate jünger als ihr Mann, konnte ihm dann die Blumen am Wegesrand beim Namen nennen. Der Ehemann wusste dafür die verschiedenen Vogelarten im Garten seines bescheidenen Ferienhauses zu benennen. Solche Ehen wie die der Schmidts sind inzwischen eine Seltenheit. Auf einem SPD-Parteitag in Leipzig konnte er sich, mit dem Blick auf die Mehrfach-Ehen der Genossen Schröder und Lafontaine, eine kleine Bosheit nicht verkneifen. Die Genossen haben schallend gelacht.
Die RAF und die Schuld
Seit Wochen ist der Hamburger in aller Deutschen Munde. Muss man da nicht von einem Phänomen sprechen? Muss man nicht darüber staunen, dass junge Kameraleute, die ihn im Gespräch mit seiner Vorzugs-Interviewerin Sandra Maischberger filmen, nachher, wenn Schmidt das Studio schon verlassen hat, staunen: „Und der soll neunzig sein? Nicht zu glauben.“ Und so viele Bürger, beiderlei Geschlechts, die ihn als Kanzler gar nicht mehr erlebt haben.
Das muss etwas mit dem unbewussten oder ganz bewussten Verlangen der Deutschen nach einer Persönlichkeit zu tun haben, der man besondere Führungskraft und Weitsicht zutraut. Die Deutschen standen, fast ausnahmslos, hinter Helmut Schmidt, als er nach der Entführung von Hanns-Martin Schleyer den Kampf gegen die nur noch kriminelle „Rote Armee-Fraktion“ aufnahm. Die Terroristen hatten schon eine lange Blutspur hinter sich gelassen. Der Kanzler, damals von einigen der „Eiserne“ genannt, wusste zu jeder Stunde, dass durch seine Unnachgiebigkeit das Leben des BDI-Präsidenten gefährdet sei. Und er weiß bis heute, dass er, der zum Handeln genötigt war, in die Schuld an Schleyers Tod moralisch verwickelt worden ist.
Finanzkrise - Schmidt hat gewarnt
Wie oft habe ich, der ihm mehr als sieben Jahre als sein Sprecher zur Seite gestanden hat, letzthin Freunde und Nachbarn sagen hören: „So einen wie Schmidt, nur eben vierzig Jahre jünger, brauchten wir heute.“ Das sind nicht schnelle Lobredner. Das sind nicht nur traditionelle SPD-Wähler, das sind Deutsche, die der Kanzlerin durchaus Respekt entgegenbringen. Das sind nicht bloß Leser von Helmut Schmidts Artikeln in der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“, zu deren Herausgebern er seit einem Vierteljahrhundert gehört.
Seine Aufsätze zur Weltfinanzkrise waren, kaum eine Übertreibung, mit das Klügste, was zu dem für die meisten von uns nicht wirklich durchschaubaren Thema gesagt worden ist. Es ist Schmidt gewesen, der vor mehr als einem Jahrzehnt vor einem dräuenden Chaos auf den Geldmärkten der Welt gewarnt und Rezepte gegen den „Raubtierkapitalismus“ empfohlen hat.
Warum Ikone?
Nebenher bemerkt, der Kurs von Peer Steinbrück, den die Kanzlerin unterstützt, findet die ausdrückliche Zustimmung des ehemaligen Finanzministers. Dann und wann ist Steinbrück, auch der ein echter Hamburger, sein Partner beim Spiel der Könige. Es macht Schmidt nichts aus, dass Steinbrück noch etwas besser Schach spielt als er selber. Eigentlich verliert er gar nicht so gern.
Mich verwundert, dass Schmidt von vielen Journalisten, die zu seiner Regierungszeit noch in die Schule gingen, als „Ikone“ gefeiert wird. Wieso denn Ikone? Man muss das ja nicht wörtlich nehmen, weil es sonst die Bezeichnung für die Heiligenbilder der orthodoxen Kirche ist. Da hauchen die Gläubigen, neuerdings sogar Putin und Medwedew einen Kuss auf das schön bunt bemalte Holz. Ikonen werden angebetet. Das wird sich Schmidt verbitten.
Die Bürden des Alters
Vor gut dreißig Jahren Mitglied des von ihm geschaffenen „Kleeblatts“, auch heute noch in lebendigem Kontakt mit ihm, kann auch ich die ungebrochene Urteilskraft des Mannes bezeugen.
Die Bürden des Alters drücken ihn schwer. Selbstmitleid kennt er nicht. Ganz ohne Eitelkeit ist er schon als junger Abgeordneter („Schmidt-Schnauze“) im Bundestag nicht gewesen. Wo findet man große Politiker, die das nicht sind?
In dem vierblättrigen Kleeblatt (mit dem gemeinsamen Freund Hans-Jürgen Wischnewski „Ben Wisch“, dem Kanzleramtschef Manfred Schüler und mir) fühlte sich Helmut Schmidt so gut wie in keinem anderen politischen Gremium. So steht es in Schmidts neuem Bestseller „Außer Dienst“.
Kein Termin für Schröder
Allwöchentlich haben wir in seinem Arbeitszimmer im Bonner Palais Schaumburg, dem ersten Dienstsitz von Konrad Adenauer, mit einer Offenheit über Menschen und Probleme geredet, wie das dem Kanzler auch im Parteivorstand der SPD nicht möglich gewesen wäre. Ein Beispiel: Gerhard Schröder, damals Juso-Vorsitzender und frischgebackener Bundestagsabgeordneter, bat mich, ein Gespräch mit Schmidt zu bewerkstelligen. Schröder kannte ihn bis dahin nur aus der Distanz. „Bewerkstelligen“ ist das richtige Wort, denn Schmidt hatte bekanntlich keine gute Meinung über die Nachwuchsorganisation seiner Partei („Die meisten sind karrieresüchtige Streber“). Bei meinem ersten Versuch, für Schröder einen Termin zu machen, bin ich gescheitert. Etwas später versuchte ich es noch einmal, sekundiert von „Ben Wisch“, dem Kenner der sozialdemokratischen Seele. Der half mir. „Helmut, Du musst auch mal mit den Jungen in der Partei reden.“ Wenig später saß Schröder dem Kanzler zum ersten Mal gegenüber.
Am Abend fragte ich meinen „Dienstherrn“, wie es so gelaufen sei. Eine unverwechselbar Schmidt’sche Antwort: „Der wird allmählich erwachsen.“ Für die Begriffe des Hamburger war das beinahe „allerhöchstes“ Lob. Die Agenda 2010 hält Schmidt unverändert für richtig. Schon, er sieht die Fehler, die bei dem Reformwerk gemacht worden sind. Dass seine Partei den Kanzler aus Niedersachsen im Stich gelassen hat, ließ ihn an der SPD-Führung zweifeln. Das war nicht das erste Mal.
Eine offene Wunde
Das erste Mal – und das hat ihn im Herbst 1982 tief niedergedrückt – wurde er von der Bundestagsfraktion der SPD allein gelassen. Die Abgeordneten stellten sich aus Mangel an Einsicht gegen den „Doppelbeschluss“, den Schmidt wegen der Aufrüstung der Sowjetunion mit den die Bundesrepublik unmittelbar bedrohenden SS-20-Mittelstreckenraketen für zwingend hielt. Durch eine Stationierung von US-Raketen des Typs „Pershing“ wollte der deutsche Kanzler Moskau zu neuen Abrüstungsverhandlungen drängen. Genscher wiederum wollte nicht länger mit einem geschwächten Kanzler zusammengehen. Dass sich der FDP-Vorsitzende bereits im Sommer 1982 heimlich mit Helmut Kohl zu einer neuen Koalition verabredet hatte, wollte Schmidt zunächst gar nicht glauben. So ist seine Enttäuschung über die Kehrtwende seines Vizekanzlers bis heute nicht verwunden. Eine Versöhnung hat es niemals gegeben.
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