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Berliner Bühne: Ein Besuch in Nordkorea

VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 23.12.2011 - 20:51

Überwachungswahn, Führerkult und Isolation. Nordkorea ist ein Atomstaat im Schatten der Weltöffentlichkeit. Westliche Journalisten dürfen nur selten ins Land. Im April vergangenen Jahres gelang es unserem Korrespondenten dennoch. Szenen einer bizarren Reise durch den Steinzeit-Staat des 21. Jahrunderts.

Noch im Flugzeug geben wir die Freiheit ab. Kurz bevor die Chartermaschine aus Peking auf der holprigen Piste in Pjöngjang landet, sammelt der chinesische Pilot unsere Handys ein. Ab nun ist Redefreiheit unerwünscht.

Telefone dürfen westliche Gäste nur im Ausnahmefall mit nach Nordkorea nehmen. Die Angst des kommunistischen Regimes ist groß, dass wir den Einwohnern helfen könnten, "nach draußen" zu telefonieren. Das nordkoreanische Telefonnetz funktioniert nur national, Telefone sind in der Hand einiger Parteifunktionäre. Westliches Gedankengut gilt im isoliertesten Staat der Welt als gefährlich. Willkommen im Steinzeitstaat des 21. Jahrhunderts.

Für ausländische Journalisten ist ein Blick in das kommunistische Land normalerweise schwierig. Visa werden kaum erteilt, die Grenzen gehören zu den bestbewachten der Welt. An diesem Apriltag dürfen dennoch zwölf Medienvertreter ns Land, als Teil einer Delegation des Deutschen Fußballbundes im Vorfeld der Frauen-Fußball-WM. Ich gehöre dazu.

15 Beamte der regierenden Arbeiterpartei stehen in blauer Uniform am Rollfeld des Flughafens bereit. Sie lächeln, als wir die Treppe des Flugzeugs hinabsteigen. Am Revers der grauen Anzüge der Funktionäre glänzt das Konterfei des Staatsgründers Kim Il Sung. Wer das Emblem nicht trägt, bekommt Ärger, berichtet ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft. Bis zum Abflug werden uns die Parteivertreter nicht mehr von der Seite weichen. Offiziell sind sie "Mitarbeiter des Komitees für internationale Beziehungen". In Wirklichkeit sind sie Aufpasser. Allein darf sich kein Ausländer in Nordkorea bewegen. Der Flugplatz ist verwaist. Zwei russische Tupolew verrosten in Sichtweite. Zweimal pro Woche fliegt eine Maschine Funktionäre und wenige Touristen von Peking nach Pjöngjang. Die Landesgrenzen sind besser bewacht als die grüne Grenze zwischen Texas und Mexiko. Nordkorea liegt im Abseits der Weltöffentlichkeit.

Auf der Schwelle zur "prosperierenden Nation"

Der jetzt gestorbene Kim Jong Il wollte es so, als er 1994 nach dem Tod seines Vaters die Macht übernahm und den Inselstaat auf Isolationskurs brachte. Autarkie ist das Prinzip der Kim-Diktatur. Ein tödliches, wie geflüchtete Regimegegner berichten. Knapp 150 000 Nordkoreaner sollen in Gefangenenlagern im Landesinneren festsitzen. Wir sehen davon nichts. Unsere Begleiter wollen uns ein Nordkorea zeigen, das angeblich auf "der Schwelle zu einer prosperierenden Nation" steht. Der Weg in die Hauptstadt zeigt indes Tristesse. Es geht vorbei an trockenen Feldern, auf denen gebückte Männer mit Schaufel und Pflug ernten, wie im 18. Jahrhundert. Unverputzte Häuser ohne Elektrizität erscheinen vor den Toren der Hauptstadt. In Pjöngjang herrscht eine düstere Atmosphäre, ein grauer Schleier liegt über der Stadt. Wenig Autos auf den breiten Straßen, Männer in Uniformen auf Fahrrädern (Frauen ist Fahrradfahren nicht erlaubt) und Hunderte Fußgänger, die in Einheitskleidung scheinbar ziellos umher laufen wie die grauen Herren bei "Momo". Wir blicken in leere Gesichter, Augenkontakt vermeiden die Passanten. Mit ihnen sprechen dürfen wir nicht.

Gezielt werden wir zu sozialistischen Prunkbauten geführt. Zum "Kulturpalast", in dem sich vorrangig Parteikader bejubeln lassen, zum steinernen Großmonument Mansudae, einem 240 000 Quadratmeter-Areal mit einer 20 Meter hohen Bronzestatue des "ewigen Führers" Kim Il Sung (1912 –1994) und zu den neuen U-Bahn-Stationen im Zentrum. In jedem  der Waggons, die aus alten DDR-Beständen nach Nordkorea gebracht wurden, hängen Fotos des "großenFührers" Kilm Il-Sung und seines Sohnes, dem "geliebten Führer" Kilm Jong-Il, der nun verstorben ist. Die einheimischen Fahrgäste müssen die Wagen verlassen, bevor die deutsche Delegation einsteigt. Die Propaganda der Partei fährt mit. Die U-Bahn-Stationen heißen "Sieg" oder "Triumphale Wiederkunft". Über der Erde werden die grauen Betonsilos der Hauptstadt immer wieder von bunten Plakaten verziert, auf denen Soldaten heroisch in den Kampf ziehen. Den Personenkult hat das Regime perfektioniert. Ein 105 Meter hohes. pyramidenförmiges Hotel wird gerade im Stadtzentrum gebaut, es soll die Fortschrittlichkeit des Systems demonstrieren. Allein, es fehlt an Baumaterial. Ein ägyptischer Investor soll das gigantische Hotel nun zu Ende bauen. Wer dort irgendwann einmal wohnen soll? "Touristen natürlich", sagt Herr Kim, unser Begleiter.

Nordkorea gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Wir können dies bei unser sorgsam vorbereiteten Fahrt durch die Stadt nur erahnen. Zwischen den Häusern sehen wir Frauen, die Sack Reis oder Kartoffeln in kümmerliche Behausungen tragen. Oft fehlen Fensterrahmen oder Stromleitungen an den Häusern. Vor der Stadt sollen viele Nordkoreaner in einfachen Lehmhäusern und von staatlich verteilten Essensrationen leben. Das Durchschnittseinkommen liegt bei unter einem Dollar pro Monat. Die Landbevölkerung  ist auf die staatlichen Essens-Gutscheine angewiesen. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsbehörde erhält jeder nordkoreanische Haushalt 200 Gramm Reis pro Tag. Auf dem Land essen die Menschen, wenn es sein muss, Gras oder abgemagerte Hunde, wird in der deutschen Botschaft erzählt. Reis wird mit gespendetem Milchpulver vermischt an unterernährte Kinder gereicht. Von einer "proserierenden Nation" ist nichts zu hören.

Gleichzeitig verfügt Nordkorea über eine Atombombe und beschäftigt mit 1,2 Millionen Soldaten die fünftgrößte Armee der Welt. Dass Menschen hungern, dementieren die Regimevertreter an unserer Seite. "Wir kommen gut zurecht. Es gibt keine Probleme", sagt  Herr Kim. Bei Mitarbeitern der Deutschen Botschaft hört sich das so an: "Auf dem Land  herrscht Elend." Es ist eine perfide Zweiteilung, die das Regime vorgenommen hat. Die oben in den Parteibüros leben gut, gerne auch mit westlichen Konsumgütern. Der einfache Nordkoreaner darbt. Führende Parteifunktionäre besitzen Handys und Computer, Rolex-Uhren und schicke Anzüge wird erzählt. Der verstorbene Diktator Kim Jong-Il soll kürzlich noch 200 S-Klasse Mercedes am UN-Embargo vorbei ins Land geschleust haben. US-Filme und französischer Cognac sollen es ihm besonders angetan haben. Sein Sohn, der neue  nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un soll nicht weniger konsumfreudig sein. Das Volk erfährt von all dem nichts.

Wir bleiben bis zum Abflug unter Bewachung. Im Hotel werden wir abgehört, erklärt uns ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft. Das sei nicht ungewöhnlich. Einmal können wir auf unserer Etage einen Raum erblicken, in dem Monitore und Computer stehen. Als wir vorbeilaufen, schließt ein Nordkoreaner die Tür. In dem Hotel, das eigens für die wenigen offiziellen ausländischen Delegationen gebaut wurde, gibt es einen Souvenirladen und sogar eine Karaoke-Bar. Die Illusion der Normalität. Einmal versuche ich, das Hotel zu verlassen um mich auf eigene Faust umzuschauen. Weit gefehlt. Nach wenigen Minuten eilt mir ein Parteibeamter hinterher. "Ich gehe mit ihnen spazieren", sagt er, lächelt und erzählt munter von seinen deutschen Fußballidolen ("Uwe Seeler") und deutschem Bier. Es wird ein kurzer Spaziergang. Ich frage ihn, ob es stimmt, dass 150 000 Gefangene in Straflagern leben. "Eine Lüge des Westens", sagt er. Und ergänzt: "Wollen wir wieder zurückgehen?"

Quelle: RP/csi


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