Berliner Bühne: Linker setzt auf Kapitalismus
VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 19.01.2011 - 18:54Berlin (RPO). Während Linken-Chefin Gesine Lötzsch den Weg zum Kommunismus sucht, hat Linken-Außenpolitiker Wolfgang Gehrcke eine andere Richtung eingeschlagen: Er macht sich für den Kapitalismus stark.
Politik kann abseits der Ausschuss- und Plenarsitzungen durchaus kurzweilig daherkommen. So hatte die altehrwürdige Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik am Rande des Tiergartens in Berlin offenbar das richtige Näschen für einen anregenden Abend: Der große Vortragssaal an der Rauchstraße war gerappelt voll, als sie zwei Politiker in den Ring bat, die konträrer kaum sein konnten.
Philipp Mißfelder, 31jähriger Historiker, Bundesvorsitzender der Jungen Union und jüngstes CDU-Präsidiumsmitglied aller Zeiten, auf der einen Seite. Und auf der anderen Wolfgang Gehrcke, 67jähriger Journalist, ehemals Mitglied der (verbotenen) KPD, Mitbegründer der DKP und seit 1990 führend bei der PDS und der Linken aktiv. Beide eint eigentlich nur eines: Sie sind die Außenpolitiker ihrer Fraktionen. "Duett oder Duell?" Die Frage als Überschrift des Abends konnte nur rhetorisch sein. Und so dauerte es nur wenige Minuten, bis sich die beiden Parlamentarier in den Haaren lagen.
"Ich vermisse bei den Linken ein Bekenntnis zum jüdischen Staat", schloss Mißfelder sein Eingangsstatement, worauf Gehrcke in Sekundenbruchteilen ein gepfeffertes "Das werden Sie auch nicht bekommen!" erwiderte. Schon bei der Grundausrichtung kamen die beiden nicht zusammen. "Wertegebunden, interessengeleitet, zielorientiert" - so wünschte sich Mißfelder die deutsche Außenpolitik. Nichts für Gehrcke. Er wollte sie in "selbstbewusster Bescheidenheit".
"Stolz" sei er, unterstrich Gehrcke, bislang keinem einzigen Bundeswehreinsatz zugestimmt zu haben. "Und das wird auch so bleiben", setzte er hinzu. Dagegen hob Mißfelder hervor, für den "Atalanta"-Einsatz der Bundeswehr zur Piraterie-Bekämpfung eine große Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu wissen. Wenigstens konnten beide Politiker sich mit einem Abzug aus Afghanistan anfreunden. "Aber nicht kopflos", wie Mißfelder mehrfach betonte.
Zur Verblüffung des Publikums hielt Gehrcke eine völlig überraschende Lösung des Afghanistan-Problems bereit. Es komme darauf an, das Land "vom Mittelalter in die Neuzeit" zu bringen. Zu diesem Zweck müsse die Stammesgesellschaft "aufgebrochen" werden. Und das gelinge am besten durch die "Einführung des Kapitalismus". Erstauntes Nachfragen: Der Linke (!) setzt ernsthaft auf den Kapitalismus? "Ja, ich bin dafür, in Afghanistan den Kapitalismus einzuführen", wiederholte Gehrcke. Doch der gelernte Kommunist wusste schon, wie er dort wieder rauskam.
Schon Karl Marx habe analysiert, dass der Kapitalismus zwangsläufig die Entwicklung zum Kommunismus fördere. Deutsche Außenpolitik als dialektisches Konzept - mal eine originelle Variante auf den eingefahrenen Wegen politischer Kommunikation im Berliner Alltag.
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