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Ein Besuch in Winsen
Zu Hause bei AfD-Chef Bernd Lucke

Bernd Lucke: Ein Besuch beim AfD-Chef
Der Vorsitzende der "Alternative für Deutschland", Bernd Lucke (51, l.), im Wohnzimmer seines Hauses im Gespräch mit unserem Redakteur Reinhold Michels. Im Hintergrund hängt ein Bild, das ein Freund der Familie 1995 gemalt hat. Es zeigt das Ehepaar Lucke mit den beiden ältesten ihrer fünf Kinder. FOTO: Martin Schlüter
Winsen. "Professor Seltsam" oder Überzeugungstäter? Bernd Luckes Partei Alternative für Deutschland (AfD) changiert zwischen Rechtspopulismus und radikaler Wirtschaftstheorie. Ein Besuch zu Hause im niedersächsischen Winsen, wo der Parteichef scharfe Kritik an der "profillosen CDU" übt, aber Ursula von der Leyen lobt. Von Reinhold Michels

Erste Szene, vor dem unauffälligen Haus der Familie Bernd und Dorothea Lucke in der kleinen niedersächsischen Kreisstadt Winsen, südlich von Hamburg: vorbei an einer Fahrrad-Unterstellbox (Carport gibt's nicht, Luckes besitzen kein Auto), einem leeren Kaninchenstall - Gustav und Gustel sind vor Kurzem verendet. Im Garten waltet maßvoll das freie Spiel der Kräfte der Natur. Im Eingang: Volkswirtschafts-Professor Bernd Lucke, Mitgründer und Kopf der Partei "Alternative für Deutschland" (AfD). Manche halten sie für eine neue, andere FDP.

Zweite Szene, in der Diele: Geigenklänge aus der oberen Etage. Tochter Elisabeth übt. Sie ist jüngstes von fünf Kindern der Familie, die bald nach Brüssel umzieht, weil der Vater seit Mai Europa-Abgeordneter ist. Eine Mietwohnung ist bereits gefunden, das Heim in Winsen bleibt Rückzugsort. Tochter Charlotte, Abiturientin, wird in Brüssel Volkswirtschaft studieren, Elisabeth (9. Klasse) eine internationale Schule besuchen. Von drei Jungen studiert der Älteste Ingenieurwissenschaft, der Mittlere, Friedrich, Volkswirtschaft, der Jüngste, Konrad, wechselt auf ein Internat nach Freiburg.

Dritte Szene: Dorothea Lucke, promovierte, gelegentlich daheim gutachtende Volkswirtin, und vier ihrer fünf Kinder stellen zum Mittagessen tiefe Teller auf den Gartentisch. Es klappert, und man scherzt. Sympathische Frau, nette Kinder. Der Vater wirkt ernst, nimmt Habacht-Haltung ein, denn die Presse ist im Haus. Mit ihr hat der AfD-Chef gute, aber auch, so wörtlich, erschütternde Erfahrung gemacht.

Vierte Szene: bereit zum politischen Gespräch am wuchtigen Wohnzimmer-Tisch vor ebensolchem, altem Schrank. Kein Sofa, zwei Bücherregale mit sichtbar Gelesenem, zum Beispiel von Grass, Lenz, Thomas Mann, Goethe, Eichendorff, Oriana Fallaci, Selma Lagerlöf. Außerdem: Meyers Enzyklopädie. Der Hausherr - das Wort macht hier Sinn - trägt Jackett, weißes Hemd, Streifen-Krawatte.

Fünfte Szene, die Unterredung mit dem Chef der AfD, die bei der Bundestagswahl knapp an der Fünf-Prozent-Marke scheiterte, jedoch in wenigen Wochen wohl zu den großen Wahlgewinnern in Sachsen, Brandenburg und Thüringen zählen dürfte. Nach 90 Minuten der Eindruck: Lucke, der in Haan aufwuchs und dessen Mutter Gisela dort lebt und für die AfD wirbt, ist kein wild gewordener Professor, der sich die AfD gekapert hat. Manche mögen ihn für einen "Professor Seltsam" halten, weil er weder Auto fährt noch fernsieht (das TV-Gerät wird bei Luckes nur zum Video-Gucken benutzt). Mit "Überzeugungstäter" scheint er richtig beschrieben. Seine sozial-marktwirtschaftliche, wertkonservative Weltsicht als Kopf der Anti-Euro- und Pro-Familienpartei AfD lässt ihn dies sagen: "Eher lässt sich Ananas in Alaska züchten, als einen Staat Vereinigte Staaten von Europa schaffen." - "Deutsche wollen Deutsche, Franzosen wollen Franzosen, und Portugiesen wollen Portugiesen bleiben." - "Die AfD ist pro-europäisch, sie bejaht Europa, aber nicht die Einheitswährung für starke und schwache Länder." - "Staaten in der Krise, die ihre Schulden nicht bezahlen können, in denen Unternehmen pleitegehen und Arbeitslose Schlange stehen, müssen den Euro-Raum verlassen."

Lucke weiß, dass er gut reden hat, nie in elend langen Brüsseler Krisensitzungen um Wohl und Wehe der EU und ihrer Leitwährung kompromissbereit kämpfen musste. Er ist der Theoretiker und Protest-Politiker, der ökonomische Fehlentwicklungen brandmarkt und nicht begreift, warum die etablierten Parteien ihm nicht Gehör schenken.

Die CDU, aus der viele AfDler stammen und deren Mitglied Lucke bis zum Austritt 33 Jahre lang gewesen ist, will von ihm nichts wissen. Lucke straft seinerseits die CDU als "profillos geworden" mit Verachtung. "Nicht ich habe die CDU, die CDU hat mich verlassen", sagt der, der mit 14 der Jungen Union beitrat und an der Uni Bonn im Ring Christlich-Demokratischer Studenten gegen Linksradikale aufbegehrte.

Die CDU versuche auch deshalb, ihn wechselweise als rechtspopulistisch oder gar reaktionär zu diskreditieren, weil die AfD Positionen vertrete, welche die CDU früher vertreten, aber plötzlich aufgegeben habe. Lucke nennt Beispiele: die Aufgabe des Verbots der Schuldenübernahme im Euro-Raum oder die Preisgabe der Wehrpflicht, damit verbunden des sozialen Ersatzdienstes für junge Männer. Es sei wichtig, dass ein Staat, der Rechte und Möglichkeiten biete, auch Pflichten einfordere. Als drittes Beispiel geißelt Lucke das plötzliche Ja der Union zum Mindestlohn, den sie doch jahrelang zu Recht als arbeitsplatzgefährdend abgelehnt habe. Die AfD sei keinesfalls natürlicher Bündnispartner der CDU. Die AfD beziehe sowohl konservative, als auch Positionen aus dem eher linken Spektrum. Beispiel: Nein zum Erpressungspotenzial von Großbanken, Ja zu mehr direkter Demokratie.

Er ist gegen den Politikertypus, der ohne Berufserfahrung gleich Karriere machen will. Das nimmt ihn für CDU-Frau Ursula von der Leyen ein; er zündet ihr ein Feuerwerk der Komplimente: "Sie hat das super gemacht, war Ärztin, hat ihren Beruf ausgeübt, sieben Kinder gekriegt, ist dann in die Politik gegangen. Sie finde ich gut."

Sie findet Lucke aber nicht gut. Hauptwürfe: Nein zur Euro-Rettung, rückwärts gewandte Gesellschaftspolitik. Der Mann, der zweimal für je ein Jahr als Vater Erziehungszeit beansprucht hat, bestreitet, er und einige explizit konservative AfD-Leute wollten Frauen zurück an den Herd verbannen:"Ich will, dass Frauen beruflich erfolgreich sein können und gleichzeitig viel Zeit für ihre Kinder haben. Ich bin für mehr Flexibilität im Arbeitsleben, Teilzeit-Regelungen inklusive der Chance, Säuglinge mit an den Arbeitsplatz bringen zu können."

Lucke sagt ungeschminkt: "Die Deutschen, vor allem Akademikerinnen, müssen viel mehr Kinder bekommen; solange das nicht der Fall ist, brauchen wir Zuwanderer, aber sie sollen Berufsqualifikationen haben, um nicht Sozialfälle zu werden." Er wirbt dafür, dass Politiker und andere Prominente öffentlich viel stärker durch gelebtes Vorbild oder mit Argumenten für das Positive, Erfüllende einer Mutter-Vater-Kinder-Familie werben."

Zum Einwand, in der AfD gebe es hässliche, abwertende Töne etwa gegen Zuwanderer in die Sozialsysteme oder buntere familienpolitische Vorstellungen, räumt Lucke ein: "Wer auf das Volk hört, hört sicherlich auch mal politische Rülpser, die nicht salonfähig sind. Aber entscheidend ist doch, was durch die AfD daraus gemacht wird. Entscheidend ist, dass die AfD in ihren Beschlüssen eine vernünftige Politik fordert."

Ist der Mann ein Deutschnationaler? Der Schwarz-Rot-Gold-Hype um unsere Fußballer ließ ihn kalt, er hat nur mal kurz via Internet den letzten Teil des WM-Finales geguckt. Lucke sagt nicht, er sei stolz auf Deutschland, aber als sehr schön empfindet er seine Heimat mit ihren kulturellen, technischen, wirtschaftlichen Leistungen und dem vorbildlichen Umweltbewusstsein. Dass die AfD Sachsens für eine deutsche Musikquote im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eintritt, hält er als Instrument der Kulturförderung für berechtigt. Ein Herzensanliegen ist ihm so etwas persönlich nicht, denn: "Um mich herum ist so viel Geräusch, da will ich nur meine Ruhe und nicht noch von Radiomusik, ob deutscher oder englischer, bedudelt werden."

Schluss-Szene: Lucke hat es jetzt eilig, die Familie wartet am Gartentisch, hat längst mit dem Essen begonnen. Er trägt dem Fotografen aber noch eine schwere Ausrüstungstasche zum Auto.

Quelle: RP
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