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Studie der Bertelsmann-Stiftung
Der moderate deutsche Populismus

Bertelsmann-Stiftung: Der moderate Populismus in Deutschland
"Von einer Wiederbelebung der Flüchtlingsfrage kann nur eine Partei profitieren": Demo der AfD. FOTO: dpa, tha htf sja cul
Berlin. Populismus in Deutschland? Halb so wild – das ist grob zusammengefasst die Antwort einer Studie der Bertelsmann-Stiftung auf die Frage, ob die Deutschen für politische Rattenfänger anfällig sind. Für Populismus empfänglich sind allerdings Bürger mit niedriger Bildung und niedrigem Einkommen. Von Eva Quadbeck

Mit dem Brexit und der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten sahen viele schon das Jahrhundert der politischen Rattenfänger angebrochen. Doch in Europa lehnt sich die bürgerliche Mitte gegen die Populisten von rechts und links auf. In Frankreich mobilisierte der Pro-Europäer Emmanuel Macron. Die Deutschen sind mehrheitlich nicht für populistische Parolen anfällig und wenn, dann hängen sie nur einer moderaten Form dieser Polit-Strömung an. Dies zeigt eine am Dienstag veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung. Die repräsentative Online-Befragung zwischen Juli 2015 und März 2017 übernahm das Meinungsforschungsinstitut Infratest Dimap.

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Anhand von acht Fragen ermittelten die Wissenschaftler, wie populistisch gesinnt die Deutschen sind. Ergebnis: unpopulistisch sind 36,9 Prozent, teils populistisch eingestellt weitere 33,9 Prozent und 29,2 Prozent lassen sich als populistisch gesinnt einstufen. Wer zum Beispiel denkt, dass wichtige Fragen nicht von Parlamenten, sondern in Volksabstimmungen entschieden werden sollten, oder meint, die Parteien interessierten sich nicht für die Ansichten der Wähler oder auch sagt, dass Politiker mit Kompromissen ihre eigenen Prinzipien verraten, der gilt tendenziell als populistisch gesinnt. Allerdings wurde als populistisch nur eingestuft, wer allen acht Testfragen zustimmte. Als Grundlage des Populismus nennen die Autoren folgende Einstellungen: "Anti-Establishment", "Anti-Pluralismus" und "Pro-Volkssouveränität".

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"Wir haben in Deutschland keine allgemein populistische Stimmung vor der Bundestagswahl", sagt Studienautor Robert Vehrkamp, der auch darauf verweist, dass der Populismus in Deutschland "moderat" sei. Auch von populistisch eingestellten Menschen stimmten 85 Prozent der Aussage zu, dass die Demokratie das beste System für Deutschland sei. Sie seien aber mit dem Funktionieren der Demokratie nicht zufrieden. Eine Kampagne, wie Trump sie im US-Wahlkampf fuhr, hätte demnach im Bundestagswahlkampf keine Chance. Wer die Entmachtung politischer Eliten fordert, verliere bei unpopulistisch wie populistisch eingestellten Menschen.

Wer ist am ehesten offen für populistische Parolen? Dazu ist der Befund aus Sicht der Bertelsmann- Autoren eindeutig: Bildung und Einkommen spielen die entscheidende Rolle. Wer maximal über einen Hauptschulabschluss verfügt und weniger als 1500 Euro Nettohaushaltseinkommen im Monat hat, sympathisiert deutlich häufiger mit populistischen Positionen als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Interessante Parallele: Die gleiche Gruppe findet sich auch überdurchschnittlich stark bei den Nicht-Wählern wieder. Bürger mit einem Netto-Haushaltseinkommen von mehr als 3500 Euro monatlich hingegen gelten mehrheitlich als unpopulistisch gestimmt. "Die etablierten Parteien müssen versuchen, den Anschluss an prekäre Milieus wieder zu finden", fordert Vehrkamp daher.

Ost oder West, Alter und Geschlecht spielen nach Angaben der Studien-Autoren keine relevante Rolle bei der Frage, ob jemand populistisch tickt. Bei den Parteipräferenzen sieht man aber durchaus Unterschiede: So finden sich bei den Wählern von Union und Grünen am wenigsten populistische Einstellungen. Wobei die Populismus-Neigung bei CSU-Wählern höher ist als bei CDU-Wählern. Den höchsten Anteil hat – was nicht überrascht – die AfD, mit großem Abstand gefolgt von Linken, SPD und FDP. Bei Wählern, die sich als politisch rechts einstufen, ist die Populismus-Neigung höher als bei Linken.

Vehrkamp betont, der Linkspopulismus sei nicht annähernd so mobilisierend für Linke wie der Rechtspopulismus für die AfD. Bei der AfD wiederum sieht der Autor als einziges mobilisierendes Thema die Flüchtlingsfrage. Er warnt: "Von einer Wiederbelebung der Flüchtlingsfrage kann nur eine Partei profitieren. Das ist die AfD."

(qua)
 
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