Ex-"First-Lady" geht in die Offensive: Bettina Wulff und der Streisand-Effekt
VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 12.09.2012 - 02:30Im Internet erntet die Ex-First-Lady Hohn und Spott. Zahlreiche Nutzer in sozialen Netzwerken unterstellen ihr Geltungssucht. Wulffs Klage gegen die Verbreitung von Gerüchten bei Google halten Experten für richtig. Eine Düsseldorfer Firma hilft beim Kampf um den Ruf im Netz.
Das Netz kennt keine präsidiale Zurückhaltung. Bettina Wulffs Autobiografie "Jenseits des Protokolls", in der die frühere First Lady den juristischen Abwehrkampf gegen die im Internet verbreiteten Gerüchte über ihr angebliches Vorleben als Escort-Dame begründet, wird beim Internet-Buchhändler "Amazon" angeboten.
Unter der Seite können Kunden inhaltliche Stichworte benennen, mit denen sie das Buch verbinden ("Tags"). Also etwa "Politik", "Biografie" oder "Bundespräsident". Stattdessen stehen dort Worte wie "Maßlos", "Unverschämtheit" oder "Geltungssucht".
Mit ihrer medialen und juristischen Offensive beweist Bettina Wulff, dass sie um ihren Ruf kämpfen und die Deutungshoheit über ihr Leben zurückgewinnen will. Doch die mediale Offensive erzeugt auch Widerstände. Von einer "PR-Kampagne" ist in sozialen Netzwerken die Rede. Die Gerüchte, nach denen die Ex-Präsidentengattin früher angeblich als Prostituierte gearbeitet haben soll, sind nun erst recht der Öffentlichkeit bekannt geworden.
"Streisand-Effekt", nennen das Experten. Das Gerücht oder die Information, die unterdrückt werden soll, wird erst recht bekannt. Die US-Schauspielerin Barbara Streisand hatte vor Jahren einen Fotografen auf 50 Millionen Dollar verklagt, weil der in einer Fotoreihe über Küstenerosionen auch ihr Haus ablichtete. Erst durch die Klage wurden Medien und Fans auf die Villa und den Standort aufmerksam.
Bettina Wulffs Klage gegen den Internetkonzern Google und ihre Medienoffensive wird nun heftig diskutiert. Beim Internetnachrichtendienst Twitter war Bettina Wulff gestern Top-Thema. In sozialen Netzwerken kursieren schlüpfrige Witze. Das Satire-Magazin "Titanic" verbreitete ein Formular, mit dem Internetnutzer "an Eides statt" versichern sollen, dass sie nie mit Bettina Wulff Sex hatten. Doch die 38-Jährige nimmt den Kampf an.
An der Klage gegen Google halte sie fest, sagt sie. Noch immer sollen auf 15000 Seiten die Rotlicht-Gerüchte kolportiert, aufgegriffen oder angedeutet werden werden, heißt es in ihrem Umfeld. Bei Google werden als Ergänzungsvorschläge zu ihrem Namen weiter die Begriffe "Escort" oder "Prostituierte" angezeigt. Genau dagegen wehrt sich Bettina Wulff. Ihre Anwälte sehen den Tatbestand der Beleidigung, ja sogar Mittäterschaft zu Rufmord, erfüllt. Google entgegnet, die Begriffe seien das algorithmisch erzeugte Resultat mehrerer Faktoren, inklusive der Popularität der eingegebenen Suchbegriffe durch die Nutzer.
Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar unterstützte gestern die Ex-First Lady. Es sei nur "recht und billig", dass Betroffene die Möglichkeit hätten, bei Eingabe ihres Namens ehrverletzende Assoziationen auszuschließen. Internet-Aktivisten verweisen darauf, dass Google in anderen Fällen die Suchsystematik durchaus manipuliert habe, etwa um Begriffe zu unterdrücken, die zu kinderpornografischen Inhalten führen. Ein US-Blogger berichtet, dass Google auch Verlinkungen unterdrückt, die sich als geschäftsschädigend herausstellen könnten.
Die Düsseldorfer Firma Revolvermänner hat sich auf das "Reinigen" der Internet-Reputation von Betroffenen, meist Prominenten, spezialisiert. "Wer verleumderische Gerüchte im Netz löschen will, muss versuchen, die unerwünschten Begriffe durch andere Inhalte zu ersetzen. Das ist je nach Weiterverbreitung der Gerüchte ein mühsamer Prozess, aber es ist technisch möglich", sagt Geschäftsführer Christian Scherg.
Betroffene sollten so früh wie möglich gegen Gerüchte vorgehen, rät er. Der Fall Wulff sei indes komplex. "Durch die neue Öffentlichkeit bei dem Thema werden die unerwünschten Begriffe jetzt erst recht bei Google eingegeben, sie treiben die Klickzahlen in die Höhe und setzen das Thema auf die Agenda." Ein Teufelskreis. Die Klage hält Scherg für aussichtslos.
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