| 14.57 Uhr

Bierzeltrede in München
Merkel sieht in USA keinen verlässlichen Partner mehr

Merkel und Seehofer stoßen bei Bierzeltauftritt an
Merkel und Seehofer stoßen bei Bierzeltauftritt an FOTO: dpa, shp axs
München . Nach dem enttäuschenden G7-Gipfel will sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) offenbar nicht mehr auf die USA als Partner verlassen. "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei. Das habe ich in den letzten Tagen erlebt."

Das sagte Merkel am Sonntag in einer Bierzeltrede in München-Trudering. "Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen." Merkel bezog sich mit ihren Worten auf die neue US-Regierung von Donald Trump, sie bezog aber auch den bevorstehenden Brexit Großbritanniens mit ein. Es müsse natürlich bei der Freundschaft zu den USA und Großbritannien bleiben. "Aber wir müssen wissen, wir müssen selber für unser Schicksal kämpfen." Dabei gab sie einem guten Verhältnis zu Frankreich unter dem neuen Präsidenten Emmanuel Macron eine besondere Bedeutung. Die 2500 Zuhörer im Zelt klatschen minutenlang Beifall.

Beim G7-Gipfel in Italien hatten die Staats- und Regierungschef am Freitag und Samstag kaum Fortschritte erzielt. Die großen Industrienationen scheiterten mit dem Versuch, Trump ein Bekenntnis zum Pariser Klimaschutzvertrag abzuringen. Eine endgültige Entscheidung dazu will er nächste Woche treffen. Gesichtswahrende Formulierungen fanden die G7 in letzter Minute zum Thema Handel.

Merkel und Seehofer beschwören Zusammenarbeit

Merkel holte mit ihrer Bierzeltrede am Sonntag einen eigentlich für Dienstagabend geplanten Termin mit CSU-Chef Horst Seehofer nach; dieser war wegen des Anschlags von Manchester kurzfristig abgesagt worden.

Beim Einmarsch ins Truderinger Festzelt überließ Seehofer seinem Gast das Händeschütteln. Merkel kämpft sich durch die engen Reihen, nimmt den Applaus der CSU-Basis entgegen, prostet nach ihrer Rede begeistert in die Menge und lässt sich bei Salutschüssen und Blasmusik feiern. Hier scheint sich jemand wohl zu fühlen. Und am Schluss stehen die beiden Parteichefs einträchtig auf der Bühne.

Gerade einmal gut drei Monate ist es her, dass CDU und CSU einen Versöhnungsgipfel brauchten, um ihre Differenzen in der Flüchtlingspolitik zu überwinden. Wobei der Versuch damals noch gründlich schiefging: Die miesepetrige Mimik Merkels bei der gemeinsamen Pressekonferenz ist auch bei Seehofer unvergessen. Beim Wahlkampfauftritt im Bierzelt in München ist die Mission vier Monate vor der Bundestagswahl nun klar: Einigkeit demonstrieren.

Merkel macht, was sie so oft bei Reden in Bayern macht, nur diesmal fast noch häufiger, noch demonstrativer als sonst: Sie lobt Seehofers Regierungsarbeit in den allerhöchsten Tönen. "Schaut nach Bayern", das habe sie CDU-Wahlkämpfern in den vergangenen Monaten empfohlen. Und als sie dann noch CSU-Übervater Franz Josef Strauß zitiert, bei dem sie sich Rat hole, ist das proppenvolle Zelt komplett begeistert.

Demonstrative Einigkeit kommt an

Seehofer will zum zurückliegenden Flüchtlings-Krach mit Merkel eigentlich gar nichts sagen. Er halte sich an den Rat einer engen Mitarbeiterin, einer Juristin: "Wer sich verteidigt, klagt sich an." Später schiebt er hinterher: "Die Bayern sind prinzipiell ein friedfertiges Volk. Der bayerische Löwe braucht nur regelmäßig Futter." Er spielt dabei auf die Reform des Länderfinanzausgleichs an, von der sich Bayern eine Milliarden-Entlastung erwartet.

Klar aber ist auch: Sollte die Union die Wahl gewinnen, wird er von Merkel eine gehörige Portion "Futter" verlangen. Denn ein Jahr später steht mit der bayerischen Landtagswahl Seehofers wichtigste Prüfung an - und da wird er der CSU-Basis liefern wollen. Darüber kann auch die demonstrative Einigkeit mit Merkel im Bierzelt nicht hinwegtäuschen. Die Obergrenze für Flüchtlinge dürfte er nicht bekommen - aber was ist mit der Mütterrente und anderen CSU-Projekten?

Erst einmal herrscht aber große Eintracht - auch wenn der Auftritt im Bierzelt vor 2500 Zuschauern bei hochsommerlichen Temperaturen zu einer schweißtreibenden Angelegenheit wird. "Wir arbeiten für die Menschen in Deutschland, für die Sicherheit der Menschen und für den Wohlstand der Menschen", sagt Merkel. Seehofer kündigt einen "Deutschlandplan 2025" an, "in dem allen Menschen Sicherheit und Wohlstand zugesichert werden".

Sarkasmus aus den Reihen der SPD

"Mich erinnern diese Versöhnungstreffen von Merkel und Seehofer an das Comeback von Modern Talking: Die waren auch komplett zerstritten und haben das übertüncht, um weiter Platten zu verkaufen", kommentiert SPD-Generalsekretärin Katarina Barley aus der Ferne.

(felt/AFP/dpa)
 
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