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Bildungsföderalismus
16 Länder, 16 Schulsysteme - muss das wirklich sein?

Bildungsföderalismus: 16 Systeme - muss das sein?
Oft heißt es in der Schulpolitik, jedes Land koche sein eigenes Süppchen. FOTO: dpa, jg fpt
Düsseldorf. In Deutschland sind Bildung und Schulsystem Ländersache. Das bedeutet: 16 verschiedene Modelle. In Umfragen spricht sich regelmäßig eine Mehrheit dafür aus, die Verantwortung dem Bund zu übertragen. Auch in unserer Redaktion wird gestritten. Ein Pro und Contra. Von Frank Vollmer und Stefan Weigel

16 Schulsysteme - muss das sein?

Frank Vollmer ist der Meinung: Ja.

Frank Vollmer argumentiert: Der Föderalismus garantiert Wettbewerb. FOTO: Andreas Krebs

Auf den Bildungsföderalismus zu schimpfen, ist beliebt. Billig ist es auch. Dass zwischen den 16 Bundesländern manches unrund läuft, bestreitet niemand. Daher alles zentralisieren zu wollen, ist ein fataler Fehlschluss. Dass die Bundesländer die Schulpolitik machen, ist ein Segen. Am Bildungsföderalismus scheitern die Allmachtsfantasien der Technokraten. Oder will jemand ernsthaft, dass Entscheidungen über die Schule seiner Kinder am Niederrhein in einem Berliner Ministerium getroffen werden, nach denselben Kriterien wie für Hamburg und Vorpommern?

Und auch wenn man es sich kaum noch zu sagen traut (es klingt ja so böse ökonomisch): Der Föderalismus – und nur er – garantiert Wettbewerb. Als NRW 2013 im Länder-Leistungsvergleich, nun ja, bescheiden abschnitt, erzeugte das direkt Druck auf die Landespolitik. In einem Zentralsystem, was sollte man da vergleichen? Ein Gymnasium in Gera mit einem in Goch? Und die Schuld an schlechten Leistungen dann galant den Lehrern zuschieben, weil die Politik ja dieselbe ist, nämlich Schema F für alle?

Zentralismus verwischt Verantwortung. Vergleichbarkeit ist wichtig, kein Zweifel, und da gibt es noch viel zu tun, zum Beispiel beim Schulwechsel. Es müsste eine Art Punktesystem geben, in das die Heimatschule einen Schüler nach dessen Leistungen einordnen könnte. Gemäß dieser Skala müssten ihn dann Schulen in anderen Bundesländern in ihren Lehrbetrieb übernehmen.

Das war es dann aber auch – Vergleichbarkeit. Einheitlichkeit kann in einem Bundesstaat nicht das Ziel sein. Föderalismus ist der Garant gegen die Übermacht einer Mode. Umso absurder ist es, dass die am lautesten über ihn wehklagen, die am anderen Ende der Republik ein schönes, renommiertes Gymnasium für ihre Sprösslinge suchen. Ohne Bildungsföderalismus gäbe es gar keine Gymnasien mehr – da hätte sich in den 70ern längst irgendein Einheitsschul-Apostel durchgesetzt. Wer die Bildung zentralisiert, schafft über kurz oder lang das gegliederte Schulsystem ab. Das kann man wollen (auch wenn es Unfug ist). Man muss sich nur darüber klar sein.

16 Schulsysteme - muss das sein?

Stefan Weigel ist der Meinung: Nein.

Stefan Weigel erkennt in der Schulpolitik Nachteile für Eltern. FOTO: Schaller,Bernd

Mal angenommen, lieber Leser, Sie hätten ein weißes Blatt Papier vor sich und sollten aufzeichnen, wie Sie sich ein Schulsystem wünschen für ein Land mit 80 Millionen Menschen. Würden Sie dann a) ein Modell malen, in dem eine zentrale Behörde einen Rahmen vorgibt, und den Rest den Schulen vor Ort überlassen? Oder würden Sie b) das Land in 16 regionale Einheiten in Größen zwischen 500.000 und 18 Millionen Einwohnern aufteilen, 16 eigenständige Bildungsministerien einrichten, mit 16 unterschiedlichen Lehrplänen und mehr als 700.000 Lehrern, die zum größten Teil als Beamte jeweils 16 unterschiedlichen Landesgesetzen unterliegen, und diesen Landesministerien dann per Gesetz jegliche Form der Zusammenarbeit mit der Bundesregierung untersagen?

Wenn Sie sich für Möglichkeit b) entscheiden – viel Spaß mit den anderen Insassen Ihrer Anstalt! Für alle anderen gilt: willkommen auf der Seite der Vernunft. Denn es gibt keinen einzigen guten Grund dafür, das Schulsystem in Deutschland so zu organisieren, wie das Schulsystem in Deutschland organisiert ist.

Die Befürworter eines föderalen Bildungssystems argumentieren mit einem Wettbewerb der unterschiedlichen Modelle, in dem sich am Ende das beste durchsetzt. Das klingt marktwirtschaftlich gut und ist oft auch richtig, etwa bei der Produktion von Autos oder Handys. Wenn es um Schule geht, aber eher nicht. Denn was nützt Eltern aus Bremen ein gutes Bildungssystem in Sachsen? Nichts. Es sei denn, sie zögen nach Leipzig. Und selbst das müssten sie schnell tun. Nach der Einschulung wird ein Wechsel über Ländergrenzen nämlich schwierig.

Noch schwieriger als für Schüler ist es übrigens für Lehrer, von einem Bundesland in ein anderes zu wechseln. Dafür gibt es extra eine "Verfahrensabsprache zur Durchführung der Vereinbarung der Kultusministerkonferenz zur Übernahme von Lehrkräften aus anderen Ländern" und lange Wartelisten. Aber das hätten Sie sicher auf ihrem weißen Blatt auch so aufgemalt – vorausgesetzt, Sie hätten sich doch für Möglichkeit b) entschieden.

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