Ziercke erwartet Anschläge nach bin-Laden-Tod: BKA verstärkt Überwachung radikaler Islamisten
zuletzt aktualisiert: 08.05.2011 - 09:13Berlin (RPO). Nach der Tötung von Osama bin Laden rechnen die deutschen Sicherheitsbehörden mit Reaktionen radikaler Islamisten. "Al-Qaida wird jetzt beweisen wollen, dass es als Netzwerk weiter funktioniert", sagte Jörg Ziercke, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), in einem Interview.
Möglicherweise könnten Anschlagspläne, die seit Langem in der Schublade liegen, jetzt vorgezogen werden. "Wir haben unsere Sensoren ausgefahren", sagte Ziercke gegenüber der "Welt am Sonntag". "Die Sicherheitsbehörden haben an vereinzelten Brennpunkten die Sicherheitsmaßnahmen erhöht und die Überwachung der Gefährder verstärkt." Über laufende Ermittlungsverfahren habe man einen guten Einblick in die Szene und bekomme mit, "wenn das berühmte Grundrauschen lauter werden sollte". In den nächsten 14 Tagen werde man wissen, wie es weitergeht, sagte Ziercke.
"Deutschland ist Teil eines Gefahrenraums"
Mögliche Attentate erwartet der BKA-Chef am ehesten in Pakistan. "Im Übrigen dürfen wir nicht vergessen, dass Deutschland seit geraumer Zeit Teil eines weltweiten Gefahrenraums ist." Nach Erkenntnissen des BKA wachse die Zahl der Personen mit einem Bezug zu Deutschland, die in Ausbildungslagern im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet eine terroristische Ausbildung erhalten hätten. "Uns liegen Informationen zu rund 250 Personen vor, die seit Beginn der neunziger Jahre eine paramilitärische Ausbildung erhalten haben sollen oder eine solche beabsichtigen", sagte Ziercke. Aktuell existierten zu rund 70 dieser Personen konkrete Hinweise, die für eine absolvierte Ausbildung in einem Terrorcamp sprechen würden. Die Zahl der Gefährder bezifferte Ziercke auf 130: "Ein Gefährder ist eine Person, von der wir begründet annehmen, dass sie politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung begehen könnte."
Die Tötung Osama Bin Ladens nannte Ziercke "einen bedeutenden Schlag gegen Al-Qaida". Keiner seiner Stellvertreter werde die Rolle einer Identifikationsfigur des globalen Dschihad je wieder ausfüllen können. "Die Geldgeber Al-Qaidas waren auf seine Person fixiert, die Kämpfer haben ihren Eid auf ihn abgelegt. Kurz- und mittelfristig sehe ich also eine Schwächung."
Der BKA-Präsident wies allerdings darauf hin, dass der operative Einfluss Bin Ladens zuletzt eher gering gewesen sei. Der Terrorführer habe kaum noch selbst Aufträge erteilt, kleine Gruppen oder Einzeltäter agierten zunehmend selbstständig. "Aus meiner Sicht geht von fanatisierten Einzeltätern ein besonderes Bedrohungspotenzial aus." Weil diese sich sehr schnell radikalisierten, sei die Planungsphase, in der die Sicherheitsbehörden eingreifen könnten, mitunter sehr kurz.
Al-Qaida: Keine Beteiligung an Anschlag in Marokko
Das Terrornetzwerk Al-Qaida hat eine Beteiligung an dem Anschlag auf ein Cafe in Marokko Ende April bestritten. "Wir waren an dem Attentat nicht beteiligt und wir haben damit auch nichts zu tun", hieß es in einer Stellungnahme des nordafrikanischen Arms der Extremistenorganisation, die die mauretanische Nachrichtenagentur Nouakchott am Samstag verbreitete. Bei der Explosion in Marrakesch vor einer Woche waren 16 Menschen getötet worden, darunter auch viele Ausländer.
Am Donnerstag hatte das marokkanische Innenministerium die Festnahme von drei Marokkanern im Zusammenhang mit dem Anschlag bekanntgegeben. Der Hauptverdächtige soll nach Angaben des Ministeriums Verbindungen zu Al-Qaida haben.
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