Luftangriff auf Tanklaster in Afghanistan: Bomber-Besatzung zweifelte an Befehl
zuletzt aktualisiert: 05.12.2009 - 12:43Berlin (RPO). Vor dem von der Bundeswehr angeforderten Luftangriff auf zwei Tanklaster in Afghanistan hat die Besatzung des Flugzeugs den Auftrag offenbar mehrmals hinterfragt. Unterdessen hat Volker Kauder den ehemaligen Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zur Mithilfe bei der Aufklärung des Angriffs aufgefordert.
Von den Zweifeln der Bomberbesatzunge berichtete der "Spiegel" unter Berufung auf den Nato-Abschlussbericht zu dem Angriff nahe dem nordafghanischen Kundus, bei dem bis zu 142 Menschen getötet wurden, darunter auch viele Zivilisten. Demnach forderte der Fliegerleitoffizier von Oberst Georg Klein, der den verheerenden Luftangriff vom 4. September befohlen hatte, die Besatzung des F-15-Jagdbombers auf, sechs Bomben auf die Tanklaster abzuwerfen, die von zahlreichen Menschen umringt waren.
Die Besatzung widersprach daraufhin, dass nur zwei Bomben nötig seien, sagte dem Bericht zufolge der Kommandeur der 335th Fighter Squadron Unit, Oberstleutnant Lance Bunch, bei seiner Vernehmung. Darüber hinaus zeigen laut "Spiegel" Auszüge des Funkverkehrs zwischen dem US-Piloten "Dude" und dem deutschen Fliegerleitoffizier "Red Baron", dass die Besatzung insgesamt fünfmal Tiefflüge als Warnung vorschlug. Doch "Red Baron" antwortete demnach: "Negativ. Das Ziel soll angegriffen werden."
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte den Luftangriff nahe dem nordafghanischen Kundus nach seinem Amtsantritt im November zunächst als "militärisch angemessen" bezeichnet, zugleich aber Fehler eingeräumt. Inzwischen wertete der Minister das Vorgehen als "militärisch nicht angemessen". Der Umgang mit den Informationen über den Angriff hatte den Rücktritt von Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) als Arbeitsminister ausgelöst.
Kauder: Steinmeier muss an Bombenangriff-Aufklärung mitwirken
Der Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Volker Kauder (CDU), hat Oppositionschef Frank-Walter Steinmeier (SPD) aufgefordert, an der Aufklärung des umstrittenen Bombenangriffs bei Kundus mitzuwirken. "Wir werden den früheren Außenminister im Untersuchungsausschuss befragen, was er und das Auswärtige Amt wussten", sagte Kauder der "Passauer Neuen Presse". Die "restlose Aufklärung" verlange auch nach einer Beantwortung dieser Frage, so der CDU-Politiker: "Schließlich ist für die Auslandseinsätze der Bundeswehr das Auswärtige Amt ebenso zuständig wie das Verteidigungsressort."
Steinmeier schließt mangelnde Information nicht aus
Der frühere Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat nicht ausgeschlossen, dass auch das Auswärtige Amt nicht ausreichend über die näheren Umstände des verheerenden Bombenangriffs auf zwei entführte Tanklaster bei Kundus informiert wurde. Der SPD-Politiker sagte der "Welt am Sonntag" laut Vorabmeldung, die Regierung habe früh mit möglichen Opfern des Bombardements gerechnet, bei dem bis zu 142 Personen getötet wurden.
"Wir alle wussten, dass es viele Opfer gab", sagte Steinmeier und fügte hinzu, er sei damals "weder gegenüber dem Parlament noch in der Öffentlichkeit mit der Gewissheit aufgetreten, dass Zivilisten nicht ums Leben gekommen sind". Vielmehr habe er "schon am Morgen des 8. September im Bundestag gesagt, dass wir noch nicht genau wüssten, wie viele Menschen ums Leben gekommen sind, und auch nicht, wie viele Zivilisten unter den Opfern waren."
Mit Verweis darauf, dass dem Auswärtigen Amt der Feldjägerbericht zum Hergang des Angriffs auf die Tanklastwagen erst am 27. November zugestellt wurde, stellt Steinmeier die Frage, "ob dem Auswärtigen Amt Informationen vorenthalten worden sind". Dies müsse der Untersuchungsausschuss genauso klären wie die Frage, "was das Kanzleramt wann wusste".
"Die Bundeskanzlerin hat nichts verschwiegen"
Kauder wies den, so wörtlich, "untauglichen Versuch" zurück, den Fall Kundus "nahe ans Kanzleramt heranzurücken". Bundeskanzlerin Angela Merkel habe nichts verschwiegen. Wenn sie im Untersuchungsausschuss gehört werden sollte, werde sie dies noch einmal klar machen. Ausdrückliches Lob hatte der Unions-Fraktionschef für Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) übrig. Die Erklärung Guttenbergs im Bundestag, wonach dieser den umstrittenen Luftangriff mittlerweile für unangemessen hält, sei "bemerkenswert" gewesen.
Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat seine Neubewertung des Luftangriffs bei Kundus in Afghanistan am 4. September vor allem auf einen internen Bericht des Kommandeurs Oberst Georg Klein gestützt, der das Bombardement angeordnet hatte. Der Bericht macht nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Focus" deutlich, dass sich der Oberst auf die Bekämpfung der Taliban und der von ihnen entführten Tanklaster konzentriert hatte. Die Gefahr, dass auch Unbeteiligte dabei getroffen werden könnten, spielte dabei keine Rolle.
Den Bericht Kleins habe Guttenberg erst in den vergangenen Tagen erhalten. Das Papier sei Teil der Dokumente, die Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert dem neuen Ressortchef nach Amtsantritt zunächst nicht vorgelegt hatten. Guttenberg habe deshalb den beiden Spitzenleuten des Ministeriums den Rücktritt nahegelegt, den beide daraufhin auch einreichten.
Ursprünglich hatte dem Minister nur der Endbericht der Nato-Schutztruppe Isaf vorgelegen, dem zufolge bei dem Luftangriff bis zu 142 Menschen getötet wurden, darunter auch Unbeteiligte. Guttenberg hatte daraufhin am 6. November das Bombardement verteidigt und als "militärisch angemessen" verteidigt. Am Donnerstag legte der Minister nach Kenntnis der weiteren Berichte eine neue Bewertung vor und erklärte, der Luftschlag sei "aus heutiger, objektiver Sicht... militärisch nicht angemessen" gewesen.
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