Diskussion über Jugendgewalt: Boot Camp: In den USA ein Auslaufmodell
VON FRANK HERRMANN - zuletzt aktualisiert: 03.01.2008 - 17:57Düsseldorf (RP). In Deutschland geht die Diskussion über den Umgang mit straffälligen Jugendlichen unvermindert weiter. Immer wieder werden Forderungen nach Erziehungs-Camps amerikanischer Prägung laut. In den USA selbst sind die Boot Camps umstritten. Und auf dem besten Wege, ein Auslaufmodell zu werden.
Ein Blick in die USA: Sie werden geschunden, geschlagen, in Ketten gelegt, in Zwangsjacken gesteckt, so lange kujoniert und erniedrigt, bis ihr innerer Widerstand bricht. Jugendliche Straftäter in Amerika müssen auf das Schlimmste gefasst sein, wenn sie in ein Boot Camp kommen. Die Lager operieren nach der Philosophie, dass Delinquenten zunächst ihres eigenen Willens beraubt werden müssen, bevor man darangehen kann, sie umzuerziehen.
Oft überschreitet der militärische Drill die Grenzen zu menschenverachtender Quälerei. Daher wachsen die Zweifel, ob der Versuch, halben Kindern mit resolutesten Mitteln Disziplin einzubläuen, überhaupt etwas bringt. Nach einem vor drei Jahren veröffentlichten Bericht einer US-Expertenkommission trägt der Ansatz zwar kurzfristig Früchte, bewirkt aber auf lange Sicht nichts. Teenager, die man in Boot Camps gebracht hatte, werden zu 62 Prozent rückfällig.
In die Negativschlagzeilen geriet eine der Anstalten, das Bay County Camp in Florida, als dort im Januar 2006 ein 14-Jähriger seinen Verletzungen erlag. Sieben Aufpasser, komplettiert durch eine teilnahmslos zuschauende Krankenschwester, hatten auf Martin Lee Anderson eingeprügelt. Als der dunkelhäutige Junge beim Laufen zusammenbrach, glaubten sie, er simuliere, um sich die Übungen zu ersparen.
Unter anderem zwangen ihn die Männer, zur Wiederbelebung Ammoniak zu inhalieren. Überwachungskameras zeichneten die Gewaltorgie auf. Der Prozess gegen die Täter endete mit einem Freispruch, was der Anwalt der Hinterbliebenen bitter kommentierte. „Wenn du einen Hund tötest, kommst du ins Gefängnis. Tötest du einen schwarzen Jungen, passiert nichts.“
Bereits 1999 berichteten Insassen in Maryland, ihre „Pädagogen“ hätten sie durch Fenster geworfen und ihnen schmerzhaft den Daumen ins Auge gedrückt. 2000 starb der zwölf Jahre alte Michael Wiltsie, kaum 40 Kilogramm schwer, nach der Ruhigstellung in einer Ganzkörper-Zwangsjacke.
In ihrer Boomphase, den späten 80er- und frühen 90er Jahren, zählten die Lager rund 7000 Insassen. Die zentrale US-Gefängnisverwaltung bewertet das Programm inzwischen als kontraproduktiv. Einzelne Bundesstaaten betreiben aber noch Boot Camps.
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