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Massentierhaltung
Was für ein Sauleben

Buch von Anton Hofreiter "Fleischfabrik Deutschland" Massentierhaltung
Die Fleischproduktion habe sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt, schreibt Hofreiter in seinem Buch. FOTO: dpa, mac vfd fux
Berlin. In den vergangenen 20 Jahren haben deutsche Bauern ihre Fleischproduktion fast verdoppelt, obwohl die Deutschen heute weniger Fleisch essen. Grüne und Konservative streiten über Massentierhaltung in der Landwirtschaft. Von Birgit Marschall

Peter Altmaier liebt das Essen, wie man sieht. Er mag Pasta, er mag Gemüse, aber gern auch ein Stück Fleisch. Am Dienstag hat er auch schon einen Hamburger aus "hundert Prozent Rindfleisch" verspeist, wie er freimütig berichtet.

Der Kanzleramtsminister von der CDU ist der Einladung seines Duz-Freundes Anton Hofreiter gern gefolgt. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende hat ein Buch mit dem Titel "Fleischfabrik Deutschland" geschrieben und Altmaier darum gebeten, es der Öffentlichkeit vorzustellen. Auch Hofreiter ist kein Kostverächter. Gemeinsam hätten die beiden "schon manches gute Filetsteak" genossen, erzählt Hofreiter.

Wenn ihm aber einer vorschreiben wolle, was er essen dürfe und was nicht, habe er das "nicht so gerne", betont Altmaier. Diesen Seitenhieb auf die Grünen kann er sich nicht verkneifen. Denn unvergessen bleibt, dass die Grünen kurz vor der Wahl 2013 einen wöchentlichen Veggie-Day in öffentlichen Kantinen vorschreiben wollten und mit diesem Fehler dazu beitrugen, dass sie am Ende nur 8,4 Prozent der Wähler von sich überzeugen konnten.

Es geht nicht um Essensvorschriften 

Doch diesmal geht es Hofreiter nicht um Essensvorschriften, sondern um das Anprangern von Missständen. Der promovierte Biologe beschreibt auf über 250 Seiten, wie sich die deutsche Fleischproduktion in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt hat, obwohl die Deutschen ihren Fleischkonsum reduziert haben. Wie Massentierhaltung unter schlimmsten Bedingungen, Lebensmittel- und Futtermittelskandale, Umweltbelastungen und der Verlust bäuerlicher Kleinbetriebe heute das Bild der deutschen Landwirtschaft prägen.

Um international im Wettbewerb zu bestehen, habe sich die ehedem bäuerliche deutsche Struktur grundlegend gewandelt - hin zu einer "Agroindustrie" mit riesigen Mastbetrieben, viel zu engen Ställen, Tieren, die nie im Leben Tageslicht sähen und mit Antibiotika vollgepumpt würden. Mit Fließband-Schlachtereien, in denen Dumpinglöhne gezahlt würden, und Kükenschreddereien, die es noch Jahre geben werde. Im Ergebnis ist Deutschland seit einiger Zeit der drittgrößte Exporteur von Fleisch nach den USA und Brasilien.

Hofreiter malt das Bild eines schrecklichen Tierquäler-Systems, das viele Deutsche ablehnen. Längst hat sich unter dem Oberbegriff "Agrarwende" eine breite Protestbewegung gegen die industrielle Landwirtschaft mit ihrer Massentierhaltung formiert, an deren Spitze sich die Grünen gerne setzen.

Altmaier spricht von "ethisch vertretbarer Landwirtschaft"

Dem CDU-Politiker Altmaier geht das alles zu weit. Er verteidigt die konventionelle Landwirtschaft gegen zu harte und pauschale Kritik. Deutschland brauche auch künftig eine wettbewerbsfähige Agrarwirtschaft. Schon der Titel "Fleischfabrik Deutschland" habe so einen "negativen Charakter", meint Altmaier, den er nicht teile. Die "Wurstfabrik", über die er als Kind gelesen habe, habe er nur "in guten Erinnerungen". Auch mit modernen Methoden könne man eine "ethisch vertretbare Landwirtschaft" betreiben. Ohnehin hätten die Bauern Probleme, man erinnere sich der Milchkrise. Weltweit müsse die Agrarproduktion zudem eher zunehmen, weil die Bevölkerung wachse.

Doch das sind eher schwache Argumente gegen die Fülle von Material, die Hofreiter zusammengetragen hat. 1994 ist demnach in Deutschland noch weniger Schweine- und Geflügelfleisch produziert worden, als konsumiert wurde. Doch nach der deutschen Einheit wurde die Produktion mit riesigen Betrieben vor allem in Ostdeutschland ausgeweitet. Knapp 60 Millionen Schweine, 3,5 Millionen Rinder, 716 Millionen Hühner, Puten und Enten seien 2015 in Deutschland geschlachtet worden.

Stall mit 40.000 Masthühnern keine Seltenheit

Schweineschwänze werden früh abgeschnitten, damit sich die Tiere in den engen Ställen nicht beißen. Ein Stall mit 40.000 Masthühnchen, die sich ihr Leben lang nicht bewegen könnten, sei keine Seltenheit. Während die Zahl der Tiere seit 1970 enorm gestiegen ist, ging die der Betriebe um über 90 Prozent zurück. Nur durch Massenproduktion gelang es den restlichen zehn Prozent, im gnadenlosen Preiswettbewerb weiter zu bestehen. Massentierhaltung war in den USA und Lateinamerika schon immer Standard. Das Tierwohl gilt außerhalb Europas zudem erst recht nicht viel. Die Preise für Fleisch sinken vor allem durch noch mehr Masse, verfütterte Antibiotika und Wachstumshormone, enger werdende Ställe, frühes Schlachten. Auch EU-Subventionen und nationale Hilfen für die Landwirtschaft haben geholfen, die Produktion auszuweiten. Vor allem aber die Marktmacht der großen Discounter, die Fleisch zu Niedrigstpreisen anbieten, löst Preisdruck nach unten aus.

Um noch mehr Fleisch zu produzieren, müssen Landwirte noch mehr Futter importieren. Sie kaufen Soja und Mais, oft genverändert, in Lateinamerika, wo für die Felder massenweise Regenwald abgeholzt wurde, was schlecht fürs Weltklima ist. Landwirte produzieren Gülle in Massen, die das Grundwasser verseucht. Billige deutsche Fleischprodukte werden nach Westafrika exportiert, wo auf diese Weise Bauern vom Markt gedrängt werden, die dann als Flüchtlinge nach Europa kommen. Rinder und Schweine produzieren zudem massenhaft Methangas, erhöhen so den Anteil an Treibhausgasen in der Luft und zerstören dadurch ebenfalls das Klima.

Um hier ein Gegengewicht zu schaffen, setzen Hofreiter und andere vor allem auf die Verbraucher: Sie würden durchaus mehr Geld für Fleisch ausgeben, wenn auf der Verpackung stehen würde, dass das geschlachtete Schwein oder Rind frei hat herumlaufen dürfen. Hofreiter fordert eine "Fleischkennzeichnung wie bei Eiern". Das würde auch die Mehrheit der Bauern befürworten. Altmaier ist zumindest nachdenklich geworden. So weit seien Union und Grüne ja gar nicht auseinander, sagt der Kanzleramtschef. "Uns verbindet, dass wir beide die Schöpfung bewahren wollen", sagt Altmaier. Vielleicht reicht es ja für Schwarz-Grün 2017.

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