Christian Wulff als Präsident vereidigt: "Erfolg braucht einen langen Atem"
VON DANA SCHÜLBE - zuletzt aktualisiert: 02.07.2010 - 14:16Berlin (RPO). Niedersachsens ehemaliger Ministerpräsident Christian Wulff ist am Freitagmittag als neuer Bundespräsident im Bundestag vereidigt worden. Dazu kamen Bundesrat und Bundestag in einer Sondersitzung in Berlin zusammen.
Mit der Urschrift des Grundgesetzes in den Händen ließ Lammert Wulff den Eid sprechen. Die Nervosität bei dem ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten schien groß, denn schon im ersten Satz versprach er sich, wofür er sich sofort entschuldigte.
Mit Freude und Zuversicht erfülle ihn diese Aufgabe, sagte Wulff zu Beginn seiner Antrittsrede. "Ich bin dankbar dafür, in diesem Amt dienen zu dürfen." Wullf unterließ es nicht, seinen Gegenkandidaten Joachim Gauck und Luc Jochimsen für den "fairen Wettstreit" zu loben. An Gauck gerichtet erhob er die Bitte, dieser solle seine Liebe zur Freiheit und seine Erfahrungen mit der SED-Dikatur weiter erzählen. Ebenso würdigte er Altpräsident Horst Köhler und dessen Arbeit sowie seine Gattin Eva-Luise und ihr Engagement.
Bildnis der Verhüllung des Reichstages
Der neue Amtsträger erinnerte an die Verhüllung des Reichstags durch den Künstler Christo. "Ein großer Erfolg braucht oft einen langen Atem", sagte er dazu und nahm dies als Bildnis für die Demokratie. Demokratie lebe von Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen. "Mir ist es wichtig, Verbindungen zu schaffen" zwischen Alt und Jung, zwischen Ost und West. Helfen Brücken zu bauen, das sehe er als seine Aufgabe an.
Dass er auf die Integration von Migranten setzen will, wie zuvor schon angekündigt, legte er auch in seiner Rede dar. "Wann wird es bei uns endlich selbstverständlich sein, dass unabhängig von Herkunft und Wohlstand alle Menschen gleich behandelt werden?", so Wulff. "Wenn wir weniger danach fragen, wo einer herkommt statt wo er hin will", dann werde das Zusammenleben leichter. Bildungs- und Chancengleichheit, das ist es worauf, Wulff setzen will.
Ebenso würdigte er das Engagement der Ehrenamtlichen, vor allem das der Senioren. "Diese Älteren wissen bereits, was die Jungen noch lernen müssen." Es sei wichtig, Verantwortung zu übernehmen und die Freiheit, die das Volk habe, zu nutzen.
"Bürger mehr beteiligen"
Gleichzeitg mahnte er die Parteien, die Menschen mehr an der Politik zu beteiligen. Auch die Bürger müssten wissen, wie spannend die politische Arbeit sein könne, denn genau das geschehe jeden Tag. Das zeige vor allem die Wirtschafts- und Finanzkrise, wo die Regierung mit raschen Entscheidungen gehandelt habe. Darauf könne die Koalition Stolz sein.
Jetzt müsse man dafür sorgen, dass sich die Krise in diesem Ausmaß nicht wiederhole und die Banken in die Pflicht genommen werden - was großen Applaus der Anwesenden auslöste. Gleichzeitig stehe man vor gigantischen Problemen, die Deutschland nicht allein lösen könne, vom Klimawandel bis zum Kampf gegen den Terrorismus.
Für die Gestaltung des Globalisierungsprozesses gebe es nur einen Anker, und das sei die Europäische Union. Und dieses Projekt sollte Deutschland weiter als fairen Partner haben. "Unsere Vielfalt ist zwar manchmal anstrengend, aber sie ist auch Quelle und Kraft." Dies zu nutzen, dazu wolle er in den nächsten fünf Jahren beitragen.
Köhlers Arbeit gewürdigt
Bundestagspräsident Norbert Lammert eröffnete die Sitzung mit einer Ansprache an den bisherigen Bundespräsidenten Horst Köhler, der mit ernster Miene nebst seiner Frau neben Wulff und Gattin saß. Eine Rede selbst hielt Köhler nicht, da er mit sofortiger Wirkung zurückgetreten war. Das übernahm Interimspräsident Jens Böhrnsen, der Köhler wie Lammert würdigte.
Offen und unbequem, wie er es sein wollte, sei Köhler gewesen, sagten beide. Und er habe sich auf Dinge konzentriert, die gelegentlich außerhalb der allgemeinen Aufmerksamkeit lagen, so der Bundestagspräsident. Lammert meinte damit Themen wie die Bedeutung der Zivilgesellschaft oder die Gerechtigkeit in der Welt.
Sein unzweifelhafter Verdienst sei, dass das Bild von Afrika nun mehr ist, als das eines Krisengebietes, Austragungsort der WM oder Urlaubsziel, sondern dass es auch als Handelspartner ernst genommen werde. Zudem habe er schneller als manch anderer die Krise erkannt. Lammert unterließ es auch nicht, Eva-Luise Köhler, der Präsidentengattin, für ihr Engagement zu danken.
Der Präsident selbst habe es sich selbst und auch der politischen Klasse nicht immer einfach gemacht. Kleine Gesten seien es gewesen, mit denen er Wirkung erzielt habe - wie etwa seine Rede in der israelischen Knesset auf Hebräisch. "Horst Köhler hat sich für unser Land verdient gemacht", schloss Lammert - begleitet von Applaus und Standing Ovations des Hauses. "Sie sind ein großartiges Team", erklärte zudem Böhrnsen im Hinblick auf das Präsidentenpaar.
Wulff im Schloss Bellevue angekommen
Der neue Bundespräsident Christian Wulff und seine Frau Bettina sind am Mittag im Schloss Bellevue offiziell mit militärischen Ehren empfangen worden. Das Paar wurde zuvor von Bundesratspräsident Jens Böhrnsen (SPD), seinem Amtsvorgänger Horst Köhler sowie dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, begrüßt.
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