Die Wahl des Bundespräsidenten: Joachim Gauck – Außenseiter mit Strahlkraft
VON REINHOLD MICHELS - zuletzt aktualisiert: 09.06.2010 - 12:33(RP). Die beachtliche politische Leuchtkraft des Rostocker Bundespräsidenten-Kandidaten strahlt plötzlich übers ganze Land. Einer aktuellen Umfrage zufolge würde eine deutliche Mehrheit lieber Joachim Gauck im Schloss Bellevue sehen. Was ist dran an diesem Mann, in dem parteiübergreifend viele den Idealtyp eines Staatsoberhauptes zu erkennen glauben?
Es gab 1954 bei der Fußball-WM das "Wunder von Bern"; 1989/90 berauschte das Wunder von Mauerfall und Deutscher Einheit; ein "Wunder von Berlin" indes dürfte am 30. Juni ausbleiben, denn anders als beim legendären Außenseiter-Sieg damals in Bern wird sich in drei Wochen bei der Bundespräsidenten-Wahl mit hoher Wahrscheinlichkeit der Favorit Christian Wulff durchsetzen.
Die politischen (Macht-)Verhältnisse sind so. Im übrigen bildete der Ministerpräsident von Niedersachsen – die Seriosität in Person – gemeinsam mit seiner klugen und attraktiven Frau Bettina ein Paar, mit dem sich trefflich Staat machen ließe.
Neue Umfrage
Joachim Gauck ist in der Bevölkerung einer Umfrage zufolge deutlich beliebter als der Bewerber von Schwarz-Gelb, Christian Wulff. 42 Prozent der Bundesbürger würden für den früheren Stasiakten-Beauftragten votieren, wenn sie den Bundespräsidenten selbst wählen könnten, wie aus der am Mittwoch vom Hamburger Magazin "Stern" veröffentlichten Forsa-Umfrage hervorgeht. 32 Prozent würden sich für Wulff entscheiden.
Wullf ist gut, Gauck ist famos
Alles wäre also auf gutem, geordnetem Weg, gäbe es da nicht die wundersame Leuchtkraft des Außenseiter-Kandidaten Joachim Gauck, ja, die weit verbreitete Überzeugung, Wulff sei gut, aber Gauck sei famos. Gauck ein Phänomen, einen Star zu nennen, wäre unangebracht, auch ungerecht gegenüber der politisch-moralischen Tiefe, dem echten, von Lebenserfahrung getränktem Freiheitspathos Gaucks.
Wir haben es bei ihm eben nicht mit der um fünf Jahrzehnte älteren, männlich-ernsten Variante des fröhlichen Schlager-Schätzchens Lena zu tun. Gauck hat das Zeug, die politischen Lager aufzuwühlen, zumindest ins Grübeln zu bringen und in dem Land, dessen Volk nach rhetorischer Führung lechzt, die Frage aufzuwerfen, warum, zum Donnerwetter, man auf diesen Idealtyp eines Staatsoberhaupts nicht schon früher gekommen sei.
1999 hatte die CSU die Präsidenten-Idee namens Joachim Gauck; aber seinerzeit besaß die SPD im Wahlgremium die Mehrheit, so dass Johannes Rau, wahrlich keine schlechte Wahl, zum Bundespräsidenten gewählt wurde; auch dies ein kalkulierter Favoritensieg.
"Unverbesserlicher Antikommunist"
Was ist nun dran an diesem Mann, an diesem Theologen Gauck, der Germanistik studieren und Journalist werden wollte, es aber nicht durfte? Die DDR-Diktatoren hatten entschieden: unverbesserlicher Antikommunist, aus unverbesserlich antikommunistischer Familie. Gauck, ein bürgerlich-freiheitlich gesinnter Christenmensch, wählte daraufhin das theologische Fach, und er wurde evangelischer Pastor im Mecklenburgischen.
Mutiger und kräftiger als andere DDR-ler, die nach der Wende Karriere machten, schlug er ab Mitte der achtziger Jahre die Freiheitsglocke. Gauck setzte sich als geborener geistiger Anführer mit an die Spitze der Protest-Bewegung, die zu friedlicher Revolution, Mauerfall, Deutscher Einheit und gründlicher Durchleuchtung und Aufarbeitung der Stasi-Verbrechen führte.
Als der Ehrengast Gauck einmal im sächsischen Landtag über das DDR-Unrechtsregime, die Despotie von SED und Stasi und den Wert von Freiheit in Staat und Wirtschaft sprach, verweigerte ihm die Linkspartei-Fraktion demonstrativ Gehör und Respekt. Einer wie Gauck hielt und hält es aber im Grunde für ehrenhaft, von Reaktionären offen missachtet zu werden.
Reden jenseits der Belanglosigkeit
Gauck ist fähig zur freien Rede, auch jenseits politischer Belanglosigkeiten. Er tritt, von Eitelkeit nicht frei, oft wie ein Demokratie-Lehrmeister auf; er vermag wie kaum ein Zweiter in der Bundesrepublik zu erklären, was Staat und Gesellschaft im Innersten zusammenhält: nämlich die Freiheit und der verantwortliche Gebrauch derselben. Letzteres hat ihm keine Geringere als die CDU-Vorsitzende, Bundeskanzlerin Angela Merkel, attestiert, als sie dem geistig und körperlich vital wirkenden Rostocker bei dessen Feier zum 70. Geburtstag im Januar rhetorische Kränze flocht.
Gauck neigt nicht zu Bescheidenheit bei der Selbsteinschätzung, er kennt seine Wirkung. Er wäre, hätten ihn nicht Sozialdemokraten und Grüne unter seither republikweitem Applaus nominiert, gerne auch einem Ruf von CDU, CSU, FDP gefolgt. Der blieb aber aus. Viele bei Union und Liberalen werden sacht oder heftig mit dem Kopf nicken, wenn sie Gaucks Originalton hören: "Ich bin mit meinem Denken vielen Freunden aus dem sogenannten bürgerlichen Lager so nah, dass es merkwürdig wäre, wenn ich aus diesem Lager keine Zustimmung erführe."
Bei SPD und Grünen, die Gauck auf den Schild gehoben haben, gibt es nach Aussage des die Gemüter bewegenden Außenseiter-Kandidaten linke Positionen, die nicht völlig zu seinen politischen Grundüberzeugungen passen. Für ihn, so doziert Gauck, der sich kokettierend als linken, liberalen Konservativen bezeichnet, sei der Wert der Freiheit von allergrößter Bedeutung – und das sehe man im linken politischen Spektrum zuweilen doch ganz anders.
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