Der Bundespräsident und das Internet: "WulffPlag" stochert im Nebel
zuletzt aktualisiert: 10.01.2012 - 09:46Berlin (RPO). Der Bundespräsident hat in seinem TV-Interview in der vergangenen Woche Millionen Zuschauern eine in Deutschland noch nie dagewesene Transparenz versprochen. "Alles" sollten seine Anwälte ins Netz stellen. Eine Woche später macht sich Enttäuschung breit. Wulffs Anwalt verweigert Antworten und beruft sich auf seine Schweigepflicht. Im Internet wollen sich User jetzt einen eigenen Reim auf die Affäre machen.
11,49 Millionen Bürger hatten am Mittwoch eingeschaltet, als sich der Bundespräsident im gemeinsamen Interview von ARD und ZDF zur Kreditaffäre äußerte. Wulff versprach damals eine Form der Aufklärung, wie sie in Deutschland noch nicht gegeben hat. "Ich glaube, diese Erfahrung, dass man die Transparenz weiter treiben muss, die setzt auch neue Maßstäbe. Morgen früh werden meine Anwälte alles ins Internet einstellen", versprach der ehemalige Ministerpräsident von Niedersachsen. Von "400 Fragen und 400 Antworten" sprach der Bundespräsident.
Eine Woche später klingt das schon anders. Einem Bericht des "Tagesspiegel" zufolge verweigert Wulffs Anwalt Gernot Lehr die Veröffentlichung einer detaillierten Dokumentation von Fragen und Antworten zu der Affäre um den umstrittenen Hauskredit und Kontakte zu befreundeten Unternehmern. Lehr beruft sich dem Bericht zufolge auf seine Schweigepflicht, unter die der "im Mandantenauftrag geführte Schriftverkehr zwischen Anwälten und Dritten" falle.
"Praktische Handhabbarkeit"
Bislang wurde der Frage-Antwort-Katalog aber nicht herausgegeben. Wulffs Anwalt Lehr verwies nun gegenüber dem "Tagesspiegel" auf eine auf den 5. Januar datierte schriftliche Stellungnahme seiner Kanzlei, in der die Antworten auf die Medienfragen zusammengefasst worden seien. Wegen der Schweigepflicht "sowie aus Gründen der praktischen Handhabbarkeit für alle Beteiligten ist eine zusammenfassende Stellungnahme erfolgt", sagte Lehr.
Neben der Kreditaffäre beschäftigt sich die Internet-Gemeinde vornehmlich mit der Nachricht, die Wulff auf der Mailbox des "Bild"-Chefredakteurs hinterlassen hat. Bis heute wird darüber gestritten, ob Wulff den kritischen Bericht lediglich verschieben oder sogar verhindern wollte. "Bild" hatte den Bundespräsident gebeten, den Wortlaut veröffentlichen zu dürfen, das Staatsoberhaupt lehnte dies ab. Da das Boulevard-Blatt zumindest Teile der Nachricht anderen Medien zugänglich machte, kursieren seit dem Wochenende einzelne Passagen in deutschen Medien.
"VroniPlag", "GuttenPlag", "WulffPlag Wikia"
Hier setzt die neue Website "WulffPlag" an, die seit ihrem Start immer mehr Teilnehmer findet. Anders als bei seinen berühmten Vorgängern "VroniPlag" und "GuttenPlag" geht es hier nicht darum, Lügner und Abschreiber zu identifizieren. Das Projekt versucht, aus den bereits bekannten Teilen des Wulff-Anrufs die komplette Nachricht zu rekonstruieren. Auf der Webseite mit dem leicht verwirrenden Namen "WulffPlag Wikia" liest sich der Anfang der Nachricht wie folgt:
„Guten Abend, Herr Diekmann. Ich rufe aus Kuwait an. Bin gerade auf dem Weg zum Emir...“[2] „und deswegen hier sehr eingespannt“[3] [auf der] Reise durch die Golfstaaten, habe täglich von acht bis elf Uhr Termine[4]. „Warum können Sie nicht akzeptieren, dass das Staatsoberhaupt im Ausland ist und zu warten,“[3] „bis ich Dienstagabend wiederkomme, also morgen, und Mittwoch eine Besprechung zu machen, wo ich mit Herrn ???[Anm. 2], den Redakteuren, rede, wenn Sie möchten, die Dinge erörtere, und dann können wir entscheiden, wie wir die Dinge sehen, und dann können wir entscheiden, wie wir den Krieg führen.
"Gelöschte Leserkommentare" im Internet
Als gesichert geltende Passagen werden dabei in Anführung gesetzt. Sinnvoll erscheinende Rekonstruktionen werden mit eckigen Klammern gekennzeichnet. Bei anderen Unklarheiten werden mittels Fußnoten weitere Erklärungen geliefert. Diese sind allerdings schon mal problematisch. Als eine "Quelle" wird ein "Leserkommentar" auf der Internet-Seite von "N24" angeführt, der heute "nicht mehr zu finden" sei. Die Bezeichnung "Quelle" verdient diese Angabe nicht. Andere "Rekonstruktionen" wirken recht gewagt.
Inzwischen beschäftigen sich auch die Medien mit ihrem Vorgehen in Sachen Wulff. Der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Michael Konken, sieht die "dominante Medienberichterstattung" inzwischen kritisch. Diese sei vielleicht auch etwas übers Ziel hinausgeschossen, sagte er Deutschlandradio Kultur.
Kampagnen-Journalismus sehe er im Moment zwar noch nicht, aber man müsse aufpassen, dass es nicht dazu komme, meinte Konken. Konkret sprach er die "Bild"-Zeitung an. Diese versuche vielleicht, die "seriösen Medien" für sich zu benutzen, um "die Botschaft zu platzieren: Dieser Bundespräsident ist nicht mehr haltbar".
Weiterlesen
Die neuesten Nachrichten und Berichte aus Politik, Wirtschaft, Panorama, Sport,
Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft, Multimedia, Auto,
Reise und Beruf - im Archiv auch gratis recherchierbar. Dazu die besten Bilder,
Live-Ticker, Kolumnen und Hintergrundberichte.

