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Politik-Beraterin Gertrud Höhler: "Wulffs taktisches Verhältnis zur Wahrheit"

VON BIRGIT MARSCHALL - zuletzt aktualisiert: 09.01.2012 - 16:53

Berlin (RP). Die Publizistin und Politik-Beraterin Gertrud Höhler spricht im Interview mit unserer Redaktion über die politischen Affären des Bundespräsidenten, sein Verhältnis zur Wahrheit und geht der Frage nach, warum der Bundespräsident von den Medien weitaus kritischer gesehen wird als von der Mehrheit der Bevölkerung.

Der Bundespräsident macht aus dem Schloss Bellevue eine Wulff-Firma, sagt Gertrud Höhler. Foto: Martin Oeser
Der Bundespräsident macht aus dem Schloss Bellevue eine Wulff-Firma, sagt Gertrud Höhler. Foto: Martin Oeser

Die Wahrnehmung der Bürger und der großen Mehrheit der Medien geht weit auseinander: Die Bürger sind zum Bundespräsidenten viel gnädiger. Woran liegt das?

Höhler Der Bürger gibt Wulff einen gewissen Präsidentenbonus. Er möchte weiter Ehrfurcht vor dem Amt haben. Und dass Politik und Politiker sowieso immer unglaubwürdiger werden, davon geht der Bürger aus. Wulffs Vergünstigungen oder sein Anruf beim "Bild"-Chefredakteur überraschen die Bürger nicht besonders.

60 Prozent der Befragten und damit die Mehrheit im ARD-Deutschlandtrend sagen, Wulff solle noch eine zweite Chance als Präsident bekommen. Was sagen Ihnen diese Zahlen?

Höhler Das ist überlebenswichtig für Wulff. Denn die politischen Beobachter in Berlin sind mehrheitlich der Überzeugung, dass sich Frau Merkel nach diesen Zahlen richten wird, wenn es darum geht, Wulff zu halten oder ihn zum Rücktritt zu zwingen. Wenn ein Übergewicht entstünde von Leuten, die sagen, eigentlich wollen wir Wulff jetzt nicht mehr, würde sich Merkel danach richten. Und tatsächlich: Die Kanzlerin bezieht eine Alleinstellung mit ihrem Bekenntnis zum Grundvertrauen in Wulffs Persönlichkeit und Amtsführung.

Ist Christian Wulff nach seinem Fernsehauftritt jetzt über den Berg?

Höhler Nein. Wir erleben eine Verschärfung des Tons gegenüber Wulff bei den meinungsführenden Journalisten, darunter auch solche wie FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher oder der frühere Fernsehjournalist Friedrich Nowottny. Die Ungeduld und Bereitschaft, über Wulff negativ zu urteilen, nimmt zu. Hans Leyendecker hat zu Recht gesagt: Der Präsident hat ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit. Darum fühlen wir uns so schlecht nach diesem Interview.

Können Sie diesen Eindruck genauer erklären?

Höhler Zunächst war man ja ganz verwirrt und dachte, da erklärt ein lieber Junge seinen Lehrern, warum er eigentlich die Vorwürfe nicht verdient. Dann wurde einem aber klar, dass hier jemand versucht, das Amt des Staatsoberhaupts auf seine Person zurechtzustutzen. Er macht aus dem Schloss Bellevue eine Wulff-Firma. In dieser Firma spielt nicht mehr eine Rolle, dass der Chef mit glasklaren, glaubwürdigen und ethisch unanfechtbaren Handlungen auftreten muss. In der Firma Wulff werden Fakten manipulativ weichgespült. Das scheint ihm zur zweiten Identität geworden zu sein. Das macht er wahrscheinlich schon so lange, dass es jetzt erst auffällt, wo er so ins Feuer gerät mit diesem höchsten Amt. Das höchste Amt treibt sozusagen Schwächen hervor, die man vorher hingenommen hat. Vorher war er Ministerpräsident in Hannover, wo vieles geht. Jetzt steht er auf der Berliner Bühne, und die Urteile werden gnadenloser.

Aber wird an dieser Stelle nicht wieder die schon angesprochene Spaltung zwischen politischer und journalistischer Klasse einerseits und der Bevölkerung andererseits deutlich?

Höhler Während fast alle Medien Wulff ablehnen, sagt die Mehrheit der Bürger, davon wollen wir nichts mehr hören! Viele Menschen denken, die Medien wollen den Mann fertig machen.

Haben Sie Verständnis für diese Meinung im Volk?

Höhler Ja, aber sicher! Viele Menschen sind "Bild"-Leser. Sie kaufen die "Bild", weil sie Vorsprünge hat und weil sie Aufregung liefert. Die sympathische Geschäftsführerin der Piraten, Marina Weisband, ein intelligentes, barockes Geschöpf, hat gesagt: "Wulff ist ein Symptom." Er zeigt, wie der politisch-journalistische Betrieb im Ganzen läuft. Es gibt eine Kollaboration zwischen Politik und Medien, die hin und wieder in Gegnerschaft umschlägt. Die "Bild" bedient die Gefühle des Volkes. Erst schreibt "Bild" Wulff und seine Frau hoch, sorgt für Glamour, dann entlarvt sie Wulffs taktisches Verhältnis zur Wahrheit. Dass das Volk nun trotzdem sagt "Nun räumt den Mann nicht gleich ab" hat vor allem damit zu tun, dass es einen Schutzreflex gibt: Immer, wenn Mehrheiten auf einen gehen, verteidigen ihn die Leute.

Wulff wird häufig mit Johannes Rau verglichen und dessen Krisenmanagement. Gibt es da Parallelen?

Höhler Es gibt vor allem große Unterschiede. Rau hatte einen Bonus, der den von Wulff weit übertrifft, weil er als Prediger der Nation einen Nimbus hatte, der in jahrzehntelanger politischer Tätigkeit entstanden war. Rau hatte eine Glaubwürdigkeit, die es buchstäblich überstand, dass da im rheinischen Klüngel ein paar Leute, die sich ewig kannten, untereinander ein bisschen Vorteilsnahme organisiert haben.

Quelle: RP/csi/felt


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