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Öffnungszeiten
Regierung fördert flexiblere Kita-Betreuung

Zahl der Kinder in Kitas nach Bundesländern
Zahl der Kinder in Kitas nach Bundesländern FOTO: dpa, Caroline Seidel
Berlin. Wohin mit den Kindern in der Spätschicht? Was, wenn beide Eltern am Wochenende arbeiten müssen? Nicht immer können Großeltern einspringen. Kitas mit erweiterten Öffnungszeiten erhalten künftig Mittel von der Bundesregierung. Von Jan Drebes

Um die Beine der Kameraleute und Ton-Assistenten wuseln kleine Kinder, ein Mädchen will den Arm von Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) nicht mehr loslassen. Gemeinsam mit Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) steht Schwesig im Gruppenraum der "Juwo-Kita" im Berliner Bezirk Friedrichshain. Die Ministerinnen fragen einige Mütter und Väter, ob es für sie als Schichtarbeiter im angrenzenden Krankenhaus nicht sehr praktisch sei, dass diese Kita besonders flexible Arbeitszeiten habe. Erwartungsgemäß ernten sie Zustimmung der Eltern. Bei dem Termin geht es auch darum, vor laufender Kamera zu glänzen.

Anlass der Inszenierung ist das Förderprogramm "Kita Plus" der Bundesregierung, das gestern gestartet ist. Damit sollen Kindertagesstätten und Betreuungspersonal wie Tagesmütter und -väter dann finanzielle Zuschüsse erhalten, wenn sie besonders flexible Betreuungszeiten anbieten. Das Ziel: Eltern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern.

100 Millionen Euro stehen derzeit für das Programm zur Verfügung. Nach Schwesigs Berechnungen könnten damit rund 300 Kitas gefördert werden, der Andrang ist jedoch schon größer. 550 Bewerbungen zählte das Familienministerium zuletzt, vor allem aus Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen. 160 Anträge seien bereits förderungswürdig, die anderen Bewerber müssten noch nachbessern. Schwesig stellte aber trotz der begrenzten Mittel in Aussicht, dass jeder gefördert werde, der Bedarf habe und die Kriterien erfülle. Zur Not müssten die Mittel der Bundesregierung verdoppelt werden, sagte Schwesig. Auch Nahles kündigte an, sich für mehr Geld aus dem Bundeshaushalt für das Projekt einsetzen zu wollen.

Als Richtschnur für flexiblere Öffnungszeiten nannte das Familienministerium die Zeit vor 8 Uhr und nach 16 Uhr. Auch Betreuungsangebote an Wochenenden oder in der Nacht sollten möglich sein. Schwesig betonte, sie wolle den bundesweiten Bedarf nicht vorschreiben und nicht jede Kita dazu verpflichten, derlei Angebote zu machen. Allerdings solle in jeder Region eine solche Einrichtung verfügbar sein, sagte die Familienministerin im Anschluss an die Kita-Besichtigung bei einer Pressekonferenz. Dabei komme es nicht darauf an, die Kinder insgesamt länger am Tag aber zu unterschiedlichen Zeiten zu betreuen.

Nahles betonte, dass das vermeintlich normale Bild einer Vollzeittätigkeit zu üblichen Arbeitszeiten längst ohnehin nicht mehr existiere. Fast jeder zehnte Arbeitnehmer sei mittlerweile nachts tätig und mehr als ein Viertel arbeite am Wochenende. Besonders Menschen mit Schichtarbeit, wie Pflegepersonal oder Angestellte im Einzelhandel, seien daher auf flexible Betreuungsangebote angewiesen, sagte Nahles. Allerdings hätten sich die Betreuungsangebote zumeist nicht diesem rapiden Wandel der Arbeitsrealitäten angepasst.

Nach Nahles Worten sind 40 Prozent der alleinerziehenden Frauen auf staatliche Leistungen angewiesen – häufig, weil sie nur Teilzeit arbeiten könnten. Eine Ausweitung des Betreuungsangebots für Kinder könnte diesen Frauen erleichtern, eine Vollzeitstelle anzunehmen und am Ende wieder Kosten bei Sozialleistungen einsparen helfen. Wenn die Betreuung stimme, könne dies auch als Teil der Armutsbekämpfung verstanden werden, sagte Nahles weiter.

Beim Familienbund der Katholiken stößt eine Flexibilisierung der Kita-Betreuung grundsätzlich nicht auf Ablehnung, Präsident Stefan Becker warnt jedoch vor Nebenwirkungen. "Die Betreuung am Abend oder in der Nacht erfordert nochmal ein besonderes Augenmerk auf das Wohl der Kinder und stellt höchste Anforderungen an die Qualität der Einrichtung", sagte Becker auf Anfrage. Die sei aber leider oft nicht gegeben. "Auf keinen Fall darf das Angebot dazu führen, dass individuelle Betreuungszeiten ausgedehnt werden. Auch darf es kein Freibrief für Arbeitgeber sein, keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Kindern", sagte Becker. Ein größeres Angebot von 24-Stunden-Kitas müsse deshalb einhergehen mit einem größeren Angebot von familienfreundlichen Arbeitszeiten.

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