| 12.52 Uhr

Wiedereinzug der FDP in den Bundestag
Christian Lindner lässt sich feiern wie ein Popstar

Bundestagswahl 2017: So feiert die FDP
Bundestagswahl 2017: So feiert die FDP FOTO: rtr, RO/KP/
Trotz großer Freude sehen die Liberalen ein "vertracktes" Wahlergebnis und äußerst schwierigen Sondierungen über eine Jamaika-Koalition entgegen. Der Parteichef stellt möglichen Koalitionspartnern bereits Bedingungen. Von Gregor Mayntz, Berlin

Es ist wie Silvester bei der FDP: 1500 Anhänger und Gäste trinken sich schon Stunden vor Schließung der Wahllokale in Stimmung. Und ab 17.59 Uhr und 50 Sekunden zählen sie laut rufend rückwärts: Zehn, neun, acht, noch sieben Sekunden bis zur Rückkehr der Liberalen in den Bundestag. Ohrenbetäubend ist denn auch der Jubel, als die Balken für die FDP in die Zweistelligkeit rauschen.

22 Minuten später bringt Bundesgeschäftsführer Marco Buschmann ein großes Transparent mit dem Wort "Danke" auf der Bühne an. Doch die Zahlen der Prognosen und Hochrechnungen bieten nicht nur Stoff für Freude. "Vertrackt" sagt einer, der im Parteipräsidium sitzt. Ihm schwant: Es wird schwer als Opposition neben der deutlich stärkeren AfD, und es wird noch schwerer auf dem Weg in eine Regierung neben den fast gleichstarken Grünen, einer tief gefallenen CDU und einer CSU, deren Nerven blank liegen.

Es ist 18.36 Uhr, als im Hans-Dietrich-Genscher-Haus der FDP dem gerade auf der Großbildleinwand ausgestrahlten Martin Schulz der Ton abgedreht wird. Es ist das Zeichen für den bevorstehenden Auftritt des erfolgreichen Parteichefs Christian Lindner. Die Lichtstimmung wechselt, Musik ertönt. Aber wie ein Popstar lässt Lindner minutenlang auf sich warten. Die Taktik ist klar: Stimmung steigern, sich dann um so frenetischer feiern lassen. Aus der Wahlnachbefragung wissen seine Anhänger, dass 42 Prozent der FDP-Wähler nur wegen Lindner den Liberalen die Stimme gaben. Hier in der Zentrale klingen Begeisterung und Rückhalt für Lindner sogar nach 100 Prozent.

"Wenn ihr nach jedem Satz jubelt, dann..."

Doch der Alleindarsteller der Wahlplakate kommt mit seinem Team auf die Bühne und beginnt betont bescheiden: Die vergangene Wahlperiode sei die erste ohne liberale Stimme im Parlament gewesen. Seine Feststellung, dass es zugleich die letzte gewesen sein solle, geht bereits im rhythmischen Klatschen unter. "Es gibt wieder eine Fraktion der Freiheit im Deutschen Bundestag", ruft Lindner.

Es klingt wie eine gelungene Selbstvergewisserung, als er daraufhin mit Betonung auf jede einzelne Silbe feststellt: "Nach einem Scheitern ist ein neuer Anfang möglich, vielen Dank." Lindner will noch hinzufügen: "Wenn ihr nach jedem Satz jubelt, dann..." Doch auch der geht im Jubel unter. Die Liberalen waren vier Jahre aus dem Parlament. Jetzt sind sie alle aus dem Häuschen.

Erst recht, als Lindner sagt, die Liberalen würden sich ihrer Verantwortung stellen. Wenig später ergänzt er in zahlreichen Interviews, dass der Auftrag zur Regierungsbildung an die CDU-Vorsitzende gegangen sei, diese ihn aber noch nicht angerufen habe. Die FDP werde sich Gesprächen nicht verschließen, aber auch eine Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen sei kein Selbstläufer. Ohne "sichtbare Trendwenden" laufe mit der FDP nichts. Und dann gibt er noch eine dringende Empfehlung an die politischen Mitbewerber: Keine vorzeitige Rollenfestlegung.

Das ist die zweite Reihe der FDP FOTO: dpa / Soeren Stache

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich SPD-Chef Martin Schulz bereits für die Oppositionsrolle entschieden. Das nimmt der FDP den Bewegungsspielraum. NRW-Politiker verwiesen darauf, dass das die SPD auch schon in NRW so gemacht habe. Dennoch finden es bei der FDP viele schäbig von den Sozialdemokraten, sich sofort aus dem Spiel zu nehmen. Als wenig später in der "Berliner Runde" Lindner zum Verhalten der SPD sagt, "Helmut Schmidt hätte sich dafür geschämt", bricht große Begeisterung in der FDP-Parteizentrale aus.

Extrem schwierige Sondierungen stehen bevor

Dort stehen die Zeichen trotz allem auf Optimismus. Natürlich würden die Sondierungen und Koalitionsverhandlungen mit CDU, CSU und Grünen extrem schwierig. "Es fehlt ganz einfach die Vertrauensgrundlage", sagt die frühere Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Aber sie ist sich sicher, dass man sich am Ende verständigen könne. Auch wenn es bis dahin lange dauern werde. FDP-Urgestein Gerhart Baum sieht es ähnlich und entwirft dann die Vision einer solchen Vierer-Koalition, in der die FDP es am Ende vielleicht sogar leichter haben werde, ihr eigenes Profil auch sichtbar zu machen.

Viele feiern bei der FDP an diesem Abend noch mit gemischten Gefühlen. Eine Partei, die allein von Zweitstimmen lebt, muss lange warten, bis alle Wahlkreise ausgezählt sind, das Bundesergebnis zusammengerechnet und dann wieder auf die Landeslisten heruntergebrochen ist. Man ist aber in der sicheren Erwartung weiterer Abgeordnetensitze durch zusätzliche Ausgleichsmandate. Die Nachricht, dass selbst die Mandate in Berlin zweistellig geworden sein sollen, macht schnell die Runde. Und in einer Partei, in der Gedanken an sozialliberale Politikentwürfe durchaus lebendig geblieben sind, herrscht auch großes Bedauern über das verheerende Abschneiden der SPD.

Gewinner und Verlierer der Bundestagswahl 2017 FOTO: dpa, kno

Siebzig, diese Zahl macht am späten Abend die Runde. So groß könnte die neue Fraktion werden. Auch wenn alle Namen möglicherweise erst am frühen Morgen feststehen – beim Wiedereinzug in den Bundestag will die FDP keine Minute vergeuden. Bereits heute wird sich die Fraktion als erste aller Parteien konstituieren. Auch dafür steht der Fahrplan: FDP-Vize Wolfgang Kubicki wird Lindner als neuen Fraktionschef vorschlagen. Davor, so die Ansage des schon mit etwas schwerer Stimme sprechenden Parteichefs, werde es eine lange Nacht werden, in der man noch "viel Kraft tanken" werde.

 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Bundestagswahl 2017: Christian Lindner (FDP) lässt sich feiern wie ein Popstar


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.