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Vor der Bundestagswahl
Der Wähler, das unberechenbare Wesen

Bundestagswahl 2017: Diese Wähler-Typen gibt es
Der Wahlzettel für die Bundestagswahl. FOTO: dpa, fis vge fux
Berlin. Vom Last-Minute-Wähler über den Briefwähler bis zum Nichtwähler – 46 Prozent wissen laut Allensbach-Demoskopen vier Wochen vor der Bundestagswahl noch nicht, wo sie ihr Kreuz machen. Wir haben uns einige Trends und Gruppen angeschaut. Von Oliver Burwig und Gregor Mayntz

Man stelle sich einen Tisch mit einer großen Gesellschaft in einem Lokal vor, an dem fünf Leute Pizza, drei Pasta und zwei Schweinebraten haben wollen, sich aber zehn noch nicht entschieden haben - wer würde präzise vorhersagen, ob hier am Ende mehr Pizza, mehr Nudeln oder mehr Fleisch gegessen wird? 46 Prozent wissen laut Allensbach-Demoskopen vier Wochen vor der Bundestagswahl noch nicht, wo sie ihr Kreuz machen. Und dennoch wagen die Meinungsforscher Woche für Woche neue Vorhersagen. Dabei zeigten die letzten Landtagswahlen, wie schnell die Vorhersagen daneben liegen können.

Schauen wir auf einige Trends und Gruppen:

  • Die Last-Minute-Wähler: Früher gab es zehn Tage vor der Wahl die letzten Umfragen, dann wurde der Wähler sich selbst überlassen. Schon bei der letzten Bundestagswahl galten die 72 letzten Stunden als entscheidend, fuhren die Parteien ihre Kampagne noch einmal hoch. Inzwischen gelten die letzten 48 Stunden als besonders wichtig. In Rheinland-Pfalz, im Saarland, in NRW und Schleswig-Holstein war wenige Tage vor der Wahl eine Trendumkehr zu spüren, die sich dann bis zum Sonntag durchsetzte. Seit den 40er Jahren wird das als "bandwagon"-Effekt beschrieben, wonach am Ende viele dort sein wollen, wo die Musik spielt, bei den gespürten Siegern. Es ist also eine Stimmungs- oder Bauch-Entscheidung, die Manipulationsversuche am Wahlwochenende begünstigt.
  • Die unentschlossenen Wähler: Ihr Anteil steigt. Von 26 Prozent 1998 über 35 (2005) und 39 vor vier Jahren auf jetzt 46 Prozent, die vier Wochen vor der Wahl noch mit sich ringen. Allerdings steigt gleichzeitig der Anteil derer, die die Wahl einen Monat vorher für entschieden halten, jedenfalls in der Frage, wer ins Kanzleramt einzieht. Nach den Zahlen von Allensbach sind die Unentschlossenen jedoch nicht nach allen Seiten offen. Elf Prozent schwanken zwischen Union und SPD, und je neun zwischen Union und FDP sowie SPD und Grünen. Das kann für die Grünen überlebenswichtig sein.
  • Die Nichtwähler: Eine Untersuchung aus den 90er Jahren kam nach Angaben des Mainzer Parteienforschers Jürgen Falter zu dem Ergebnis, dass unter den damaligen Nichtwählern kaum Protestwähler waren, sondern sich die meisten nicht für Politik interessierten. Das sei durch sämtliche Bildungs-, Berufs- und Lagergruppen gegangen. Ein großes Problem gebe es bei der Erforschung der Nichtwähler, da viele nicht an Umfragen teilnähmen. Viele hätten Angst, ausgespäht zu werden. Falter vermutet, dass neben dem politischen Desinteresse auch eine Resignation das Nichtwählen begünstigt. Da es stets Koalitionen mit Kompromissen gebe, könnten Versprechen oft nicht eingehalten werden. Das vermittele den Eindruck, dass man mit seiner Stimme letztlich doch wenig ausrichten könne.
  • Die Briefwähler: Seit 60 Jahren kann auch per Briefwahl abgestimmt werden. Einst nur für Behinderte, Kranke oder anderweitig Verhinderte gedacht, steht sie nun allen offen, die am Wahltag nicht ins Wahllokal gehen können oder wollen. Seit 1990 ist der Anteil der Briefwähler von neun auf 24,3 Prozent (2013) gestiegen. Wie viele es dieses Mal sind, weiß der Bundeswahlleiter erst am Abend des Wahlsonntages, weil die Methode bis dann noch genutzt werden kann. Alle großen Parteien sprechen Briefwähler gezielt an, profitieren dürfte davon vor allem die Union. Sie fuhr 2013 mit 43 Prozent der Briefwahlstimmen fast doppelt so viele ein wie die SPD (24,4).
  • Die deutschtürkischen Wähler: Rund 1,25 der 61,5 Millionen Wahlberechtigten haben türkische Wurzeln. Nach einer Wählerbefragung zur letzten Bundestagswahl entschieden sich 64 Prozent der Deutsch-Türken für die SPD, jeweils zwölf Prozent für Grüne und Linke und nur sieben Prozent für die Union. Wie sich der Appell von Türkei-Präsident Erdogan auswirkt, Union, SPD und Grüne nicht zu wählen, ist unklar. Beim Verfassungsreferendum standen Türken in Deutschland mehrheitlich hinter Erdogan.
  • Die russlanddeutschen Wähler: Die Mehrheit der 3,2 Millionen Aussiedler in Deutschland - und damit die größte wahlberechtigte Zuwanderergruppe - bilden die Russlanddeutschen. Sie hätten zuletzt immer mehr der Union den Rücken gekehrt, hieß es wiederholt, und zwar zugunsten der AfD. Vereinzelt weisen auch Zahlen aus mehrheitlich von Aussiedlern bewohnten Wahlbezirken darauf hin, etwa aus dem Pforzheimer Stadtteil Haidach, wo die AfD bei der letzten Landtagswahl über 50 Prozent bekam. Aktuelle repräsentative Studien gibt es allerdings nicht. Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Migration und Integration publizierte Zahlen aus dem Jahr 2015, wonach 4,7 Prozent der Aussiedler die AfD bevorzugen. 45 Prozent unterstützten weiterhin CDU und CSU, 26 Prozent die SPD. Das Fazit der Studienautoren: Aussiedler wählen nicht mehr aus Tradition, selbst die bei Ex-Sowjetbürgern oft verhasste Linke sei für sie "wählbar" geworden.
Quelle: RP
 
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