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Digitaler Wahlkampf
So machen AfD-Anhänger Stimmung auf Facebook

Bundestagswahl 2017: Wie die AfD Facebook zur Wählermobilisierung nutzt
Viel Rassismus, viel Unfug: Erkundungstour in Facebooks rechter Ecke. FOTO: Schnettler
Die AfD und deren Anhänger nutzen Facebook besonders stark zur Wählermobilisierung – ein Selbstversuch in der rechten Echokammer. Von Andreas Gruhn

Es dauert nur ein paar Minuten, bis Stephan Bescheid weiß: "Jede Woche werden ca. 7 Deutsche durch Migranten/Asylanten getötet und ca. 3000 mißhandelt, aber Altparteien wollen es weiter BUNT (Anm.: Fehler vom Original übernommen)." Es ist Anfang April, Stephans Existenz im sozialen Netzwerk Facebook noch ganz jung, und diese Frau mit blondem Haar schreibt über mordende Migranten. Sie nennt sich Anna B., und ob es die Person wirklich gibt – wer weiß das schon? Das Profil ist inzwischen gelöscht. Aber ihr Beitrag findet viel Beifall bei Empörten, männlich wie weiblich. Und unverblümt rechts. Willkommen in Facebooks rechter Ecke.

Stephan gibt es nicht, er ist eine Erfindung unserer Redaktion, eine digitale Persönlichkeit, die es ermöglicht, auf digitale Erkundungstour zu gehen. Er mag Rockmusik, deutsch. Interessiert sich für Fußball, deutsche Nationalmannschaft. Das glaubt Facebooks Algorithmus, nachdem er zu Beginn seiner Existenz vor gut sechs Monaten einen einzigen Klick in dem sozialen Netzwerk getan hat: Er hat die AfD geliket. Und sich damit in einen relativ gut abgeschotteten Bereich begeben, in dem es vor Hass, Zynismus, Gewaltaufrufen (ob ernst oder nicht) und Verschwörungstheorien lärmt. Fortan bekommt er es mit Asyl, Flüchtlingen, kriminellen Ausländern, sinnlosen EU-Vorgaben, Dexit, Vergewaltigungen durch "Nafris", der Umvolkung Deutschlands, Wahlbetrug, Diesel-Gate, Rezepten für Schwarzwälder Kirschtorte und linksextremistischer Gewalt zu tun.

Rechte Rumpelkammer

Es dauert nicht lange, bis die Algorithmen Stephan Vorschläge unterbreiten, was ihn vielleicht interessieren könnte: Anna B. zum Beispiel. Frauke Petry auch, die zu dem Zeitpunkt noch Spitzenfrau der AfD ist. Ein Blog namens "Deutschland braucht die Wende", das besonders zynisch kommentiert. Mit jedem Vorschlag, den Stephan mit "Gefällt mir" markiert, wächst sein digitales Umfeld. Filterblase nannte das der Internetaktivist Eli Pariser vor sechs Jahren, weil sie keine anderen Einflüsse mehr zulasse als diejenigen innerhalb der Blase. Der Begriff ist umstritten, was das parteipolitische Spektrum bei Facebook angeht. Unter den etablierten Parteien von links bis CDU gibt es kaum Unterschiede in der Soziosphäre. Bei der AfD schon. Deren Anhänger haben bei Facebook nur wenige Gemeinsamkeiten mit denen der anderen.

Beispiele für Posts. FOTO: Screenshots, Grafik: Schnettler

Aber auch die rechte Rumpelkammer lässt andere Inhalte zu, nur werden die übertönt. Und zwar von Inhalten, die am ehesten den Interessen des Nutzers entsprechen und die am meisten Anklang finden: wie in einer Echokammer. "Die Echokammer ist ein Phänomen der kognitiven Informationsverarbeitung. Im politischen Kontext widerspricht der Effekt dem Ideal des politischen Diskurses, nämlich dass sich nach freier und rationaler Diskussion die beste Idee durchsetzt", erklärt Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Hochschule für Politik der TU München. Will heißen: Diskussion und Auseinandersetzung mit anderen Meinungen und Argumenten finden nicht statt. Sie tauchen kaum auf.

Einmal im Monat veröffentlicht Anna B. fortan eine schier endlose Liste mit Straftaten: "Der blutige April 2017 – eine bei Weitem noch unvollständige Liste der (in den meisten Fällen) Migranten- & Flüchtlingskriminalität." Facebook schlägt die "Junge Freiheit" als interessant vor, ein Magazin, dessen erster Post ein Artikel mit der Überschrift ist: "Er will Deutsche töten –und darf im Land bleiben." Es schrammt oft an "Fake-News" vorbei, strafrechtlich relevant ist es selten. Die Nutzer wissen, wie weit sie gehen können, selbst bei Beleidigungen, sagt Forscher Hegelich. Und das lernt Stephan schnell. Es kommt auf den Dreh an. Unter einem Artikel über Muslimas in Schwimmbädern pöbelt ein Nutzer namens "Ru Hu": "Diese Frauen gehen ungewaschen in Schwimmbad, selbst erlebt, da kommt einem das kotzen".

Viel Rassismus, viel Unfug

Mitte Juni wird Stephan das Profil des österreichischen FPÖ-Politikers Heinz-Christian Strache zum "Gefällt mir" vorgeschlagen. Der Vorschlag ist gesponsert. Strache (später auch Donald Trump) kommt fortan regelmäßig in Stephans Newsfeed vor: "Unfassbar, was wir friedliebende Österreicher an gewalttätigen Migranten ertragen müssen." Oder: "Die Grünen interessieren sich vordergründig für die Anliegen afghanischer Sexualstraftäter." Es geht um einen Rechtsanwalt und Grünen-Politiker, der einen afghanischen Vergewaltiger verteidigte. Das findet Anklang, Micha K. ist fest überzeugt: "Alles sehr schlimm, aber unsere Regierung will weitere Flüchtlinge in Land holen, er vergeht kein Tag mehr ohne Messerattacken und Vergewaltigungen!" Polemik, vor allem gegen Kanzlerin Angela Merkel (die oft als IM Erika verunglimpft wird), greift um sich, sie gefällt, wird geteilt, wie jener Eintrag von Lisa V.: ",Papa, warum habt ihr damals zugelassen, dass sich Deutschland so verändert?‘ - ,Ach Kevin-Abdullah, damals war es uns eben wahnsinnig wichtig die AfD zu verhindern..." Viel Rassismus, viel Unfug, sagt Hegelich.

Nahezu alle Bekanntschaften, Blogger wie vermutliche Privatleute, haben eins gemein: Sie rufen mit viel Engagement dazu auf, AfD zu wählen. "Facebook ist für die AfD sehr wichtig für die Mobilisierung", sagt Forscher Hegelich. "Gerade im Wahlkampf sind die AfD und deren Anhänger dort so aktiv wie keine andere Partei." Das macht sich auch in den Likes bemerkbar: Die AfD versammelt mehr Fans um sich als SPD und CDU zusammen, wobei Hegelich darin auch Fake-Accounts und Social Bots (also Computerprogramme, die echte Personen simulieren) vermutet. So wie Stephan. Ob echt oder nicht – Posts sind real: Günther I. schreibt: "Vertrauen ist gut aber Kontrolle ist noch besser. Darum sollen wir der AfD unsere zwei Stimmen die wir zum vergeben haben."

Zwischendurch nimmt Stephan Kontakt zu Schreibern auf. Er will wissen, warum sie was posten. Als Antwort kommt mal ein Referat darüber, dass Deutschland immer noch Kaiserreich sei, wie Frank H. schreibt. Und Johannes H. antwortet: "Rechtsbruch, die Überfremdung unserer Heimat und die Umvolkung Deutschlands sind gewollt und werden von diesen BRD-Blockparteien vorangetrieben. Wir müssen diese Katastrophe stoppen, damit unsere Kinder noch eine Zukunft haben." Stephan gibt es nicht mehr, das Testprofil ist offline. Manfred A. aber gibt es noch. Er antwortet Stephan: "Wir sind viele, und wir werden immer mehr."

Wie geht es Deutschland vor der Wahl? Mit dieser Frage im Gepäck haben wir Reporterinnen und Reporter losgeschickt, um Deutschland den Puls zu fühlen. Herausgekommen ist ein Deutschland-Essay. Aufschlussreiche Geschichten aus dem Inneren der Republik. Alle Themen aus dem Projekt Deutschland-Essay 2017 finden Sie hier.

 
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