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Deutschland-Essay zur Wahl
Fahrtenbuch des Lebens – unterwegs als Taxifahrerin

Deutschland-Essay – unterwegs als Taxifahrerin
Deutschland-Essay – unterwegs als Taxifahrerin FOTO: M. Yüce
Kassel/Göttingen. Kaum jemand weiß besser, was Menschen bewegt, als Taxifahrer. Der Alltag, das Leben der Fahrgäste, Politik – alles hat Platz auf dem Beifahrersitz, auf der Kurzstrecke zum Krankenhaus oder in die Kneipe. Unsere Autorin war drei Tage in Kassel und Göttingen als Taxifahrerin unterwegs. Von Maja Yüce

Als Taxifahrer kennt man die Sorgen und Nöte seiner Fahrgäste, lernt die Menschen auf den Fahrten immer besser kennen, wird für Stammgäste zum Vertrauten. Denn meist sind es Krankenfahrten zu Ärzten, in Kliniken, zur Dialysestation oder zur Chemotherapie. "Oft fühlt man als Taxifahrer mit den Menschen", sagt Redakteurin Maja Yüce. Ihre Familie betreibt in zweiter Generation ein Taxiunternehmen.

Sie selbst fuhr während ihres Studiums Taxi. Und für diese Reportage schlüpfte sie wieder in die Rolle der Taxifahrerin. "Eigentlich bleibt all das, was im Taxi gesagt wird, im Auto", sagt sie. Das ist die Devise der Taxifahrer. Doch durfte sie diesmal eine Ausnahme machen. Allerdings wollten die Fahrgäste ihre Namen nicht veröffentlicht sehen, deshalb sind hier alle Namen geändert.

Frühschicht

8.30 Uhr. Fahrtziel: Kassel, Städtische Kliniken. Fahrgast: männlich, 72 Jahre, ehemaliger Schlosser, Rentner, Diagnose Lungenkrebs.

Von seinen Schmerzen, über die "scheiß Chemo" und über den Ärger mit den Söhnen redet Hans-Werner Peters ohne Umschweife. Über Politik zu reden, das mag er eigentlich nicht, sagt der 72-Jährige und schweigt. Doch hält er das nicht lange aus und schimpft los. "Die bescheißen uns alle nur und lügen uns an. Gerade bei der Rente. Wir bekommen nur ein paar Cent mehr und das feiern die feinen Politiker dann", sagt der hagere Mann. Die Krebsbehandlung hat ihn mitgenommen. Jacke und Jeans sind längst viel zu weit, so als habe er sie einem 15 Kilo schwereren Mann abgekauft.

Eine wirkliche Erleichterung sei das alles für ihn nicht, was die da in Berlin machen. Dabei habe er sein Leben lang hart gearbeitet, war kaum krank und hat drei Söhne. Und jetzt bleiben unterm Strich knapp 1000 Euro Rente. "Wenn wir unser Haus nicht schon abbezahlt hätten, wäre es ganz schwer, damit auszukommen", sagt er.

Das Zweifamilienhaus sei zu groß für ihn und seine Frau. Zu viel Arbeit. Die Söhne sind ausgezogen, keiner von ihnen wollte in dem Haus bleiben, das er doch für sie gebaut hat. Verkaufen will er es aber nicht. Zu viele Erinnerungen. Heimatgefühl. Und: "Was sollen denn dann die Leute denken?", sagt er. "Alles Verbrecher, diese Politiker." Es ist doch einfacher, auf die in Berlin zu schimpfen, als auch noch den Schmerz der Enttäuschung zuzulassen.

Nur das Gesundheitssystem funktioniere, sagt er bei der Ankunft vor der Klinik und klingt nachdenklich. "In anderen Ländern hätte ich diese Behandlung nicht bekommen – dann wäre ich nicht mehr da", sagt er, seine Unterlippe zittert.

9.10 Uhr. Fahrtziel: Bio-Markt. Fahrgast: weiblich, Verkäuferin, 46 Jahre, zu spät dran.

Silvia Emde hat den Schlüssel für den kleinen Bio-Markt, der ihr seit zehn Jahren gehört, zu Hause vergessen. Das ist ihr noch nie passiert, sagt sie, als sie sich in den Beifahrersitz fallen lässt. Sie ist angespannt. "Jetzt aber schnell", sagt sie, als das Taxi vor einer roten Ampel stoppt. Zwölf Kilometer sind es, bis zu ihr nach Hause. Die Strecke wollte sie nicht noch mal mit dem Rad fahren. "Mit dem Auto ist man ja doch schneller", sagt sie.

Zu Hause angekommen, läuft sie ins Haus, holt den Schlüssel und springt wieder in den Wagen. Es ist still im Taxi. Die Fahrt führt vorbei an Feldern, in der Ferne Windräder: "Ob die immer dort stehen, wo sie auch genug Strom erzeugen können?", fragt sie beiläufig. Ihre Antwort gibt sie sich selbst, "da machen sich bestimmt wieder einige die Taschen voll und die Landschaft wird zerstört". Misstrauen und wieder Schweigen.

11.30 Uhr. Fahrtziel: Göttingen, Uni-Klinik. Fahrgast: weiblich, Hausfrau, 62 Jahre, Brustkrebs.

Die Nachrichten laufen im Radio, als Renate Stock die Taxitür öffnet. Der Eier-Fipronil-Skandal macht sie wütend. "In der Zeitung stand auch, dass das Zeug krebserregend ist. Das ist doch unverantwortlich. Überall stecken krebserregende Stoffe drin", sagt sie. "Nagellack, Duschzeug, Pökelsalz. Eier. Überall!" Warum nicht mehr für die Gesundheit der Menschen getan wird, fragt sie und warum die Autoindustrie einen höheren Stellenwert bei den Politikern hat als das Wohl der Menschen. Antworten erwartet sie nicht. "Von den Nachwirkungen von Tschernobyl redet heute auch keiner mehr, dabei gibt es viel mehr Krebsfälle. Niemand sagt die Wahrheit."

Der Ärger sitzt tief, die Sorge auch. Und überhaupt: "Was ist mit dem Ozonloch? Das ist doch noch da und wächst, aber auch davon hört man kaum noch etwas. Was ist bloß los mit den Menschen?" Jetzt schaut sie aus dem Fenster. Autobahn. Stau. "Der Dieselskandal ist die nächste Frechheit. Das ist doch nur Geldmacherei und wir sterben – nach und nach." Es werde viel geredet und wenig gesagt, das sei das Problem. Aber bei all der Verpestung der Umwelt vergessen alle eines, sagt sie dann: "Im Himmel gibt es keine Grenzen." Als Renate Stock aussteigt, wartet auch auf sie eine Chemotherapie.

14 Uhr. Fahrtziel: Hausarztpraxis, Kassel. Fahrgast: weiblich, VW-Arbeiterin, 52 Jahre, Erkältung.

So einen Wagen fahre sie auch, sagt Petra Kördel beim Einsteigen. Einen VW Caddy. Diesel. Eigentlich habe sie den Wagen verkaufen wollen, doch Diesel wird man gerade nicht los, sagt sie. Verständnis dafür hat sie nicht. "Der Diesel-Abgasskandal wird hochgespielt. Zulasten der kleinen Leute", sagt sie. Sie arbeitet im VW-Werk Kassel, hat Angst um ihren Job. Es werden jetzt schon weniger Dieselfahrzeuge verkauft, das wirke sich auf uns alle aus.

"Es gibt doch genug andere Dinge, die die Umwelt noch mehr verschmutzen. Kreuzfahrtschiffe und Flugzeuge zum Beispiel", sagt Petra Kördel. So schlimm sei das mit der Manipulation an den Dieselfahrzeugen schon nicht. Ärgerlich sei nur, wie Wirtschaft und Politik mit dem Thema umgingen. "Da könnte ich verrückt werden." Dass längst nicht nur VW geschummelt habe, sei doch von Anfang an klar gewesen, da ist sie sich sicher. Und: "Wir mussten doch auch mit der Welt klar kommen, die uns unsere Eltern hinterlassen haben, das muss die nächste Generation dann eben auch. Das Leben schenkt uns allen nichts."

Am 24. September werde sie wohl nicht wählen gehen. Das erste Mal in ihrem Leben, betont sie. "Obwohl, eigentlich müsste man mal die AfD wählen, aus Protest", sagt sie. "Aber dann bekommen wir etwas, was wir auch wieder nicht haben wollen." Sie sei zwar mit vielen Dingen unzufrieden, aber die Schuld immer nur Ausländern zu geben, das sei falsch. "Wem geht es denn wirklich schlechter, weil ein paar Menschen mehr in Deutschland leben?" Klar, es laufen jetzt mehr dunkelhäutige Menschen und auch mehr Frauen mit Kopftüchern durch die Straßen, aber zu ihr seien immer alle nett gewesen.

15 Uhr. Fahrtziel: Bahnhof, Kassel. Fahrgast: männlich, Bundespolizist, 38 Jahre.

Eigentlich will er gar nicht zum Bahnhof fahren und eigentlich will er dort auch nicht in den Zug nach Frankfurt steigen, um dort den Schichtdienst anzutreten. "Der Job hat mir mal Spaß gemacht", sagt Andreas Bernd, Familienvater. Doch steige die Kriminalität immer weiter. Angst habe er keine, aber der Frust sei groß und die Belastung auch. "Wir brauchen mehr Leute", sagt er.

Auf der Ebene B des Frankfurter Hauptbahnhofes komme man kaum noch gegen Drogenhandel und Kriminalität an. Es komme sogar vor, dass Menschen verprügelt werden, weil sie keine Drogen kaufen wollen. "Die werden da ganz unverholen angeboten", sagt er und der Mann mit den kräftigen Oberarmen wirkt dabei hilflos. Seit Monaten ist er auf der Suche nach einem Tauschpartner. Nur zu gerne würde er Frankfurt den Rücken kehren, doch kein anderer Kollege will seinen Job haben.

Spätschicht

19.45 Uhr. Fahrtziel: Kassel, Stadtfahrt. Fahrgast: männlich (34), weiblich (32), auf dem Weg zu Hochzeitsvorbereitungen von Freunden

Sascha Traube und Mandy Nickel steht der Kopf ganz und gar nicht nach Gesprächen über Politik. Sie sind mit den Hochzeitsvorbereitungen von gemeinsamen Freunden beschäftigt. Es gilt, die Dekoration für die Hochzeit zu planen und zu basteln, deshalb sind die beiden Bekannten unterwegs zum Brautpaar. Ob sie zur Wahl gehen, wissen sie noch nicht.

20.30 Uhr. Fahrtziel: Kneipe, Kassel. Fahrgäste: vier Frauen, Freundinnen, zwischen 28 und 35 Jahren.

Die Stimmung bei Melanie Schmidt, Sandra Franz, Alexandra Schröder, Beate Linde ist gut. Es wird gelacht und Sekt aus rosa Dosen getrunken. Nein, die Politik ist nicht ihr Thema, sagen sie. Da könne man eh niemandem trauen, da sind sie sich einig. "Ich sehe jeden Tag, wie das Leben endet", sagt Melanie Schmidt. Sie arbeitet in der Küche in einem Altenpflegezentrum. "Am Schluss ist niemand da und man leidet vor sich hin."

Klar, das sei erst bei den Leuten so, die im Obergeschoss der Einrichtung untergebracht sind. Bei den Schwerstpflegefällen. "Gegen diese Einsamkeit im Alter müsste die Politik auch was tun. Es ist nicht immer gut, wenn alle immer älter werden." Die vier jungen Frauen mit ihrem Sekt werden ernst. Politik taugt dazu, die Partylaune zu trüben. Eine Etage tiefer gehe es den Leuten besser, sagt Küchenkraft Beate Linde. "Die können noch miteinander reden und haben auch Spaß."

Dann schmieden sie einen Plan: Eine Alten-WG wollen sie gründen. Dann könnten sie gegenseitig füreinander da sein. Die Stimmung steigt wieder. Jetzt geht es um einen Partykeller in der Alten-WG, und darauf wird angestoßen.

22 Uhr. Fahrtziel: Kassel, Heimfahrt. Fahrgast: 18-Jähriger, kommt vom Besuch bei seinen Großeltern.

Fahrradwege und Bildungspolitik seien die Themen, die ihn aufregen, sagt Philipp Koch, der gerade sein Abitur mit der Note 1,4 abgeschlossen hat. Doch von Grund auf unzufrieden sei er nicht. Vielmehr nerve ihn die Einstellung der meisten Bürger gegenüber der Politik. "Diese Politikverdrossenheit, irgendwelche Protestwähler, Menschen, die lauthals Lügenpresse schreien und vor allem Menschen, die immer nur sagen: ‘Ich finde alles scheiße'". Damit erreiche man nichts.

Das Problem der Demokratie sei gar nicht die Politik alleine, sondern der Umgang mit ihr. "Es müssten viel mehr Leute auf die Straße gehen und gegen Dinge, die sie stören, friedlich protestieren statt zu schweigen, nicht zur Wahl zu gehen oder mit Gewalt zu protestieren." Doch leider sei der Protest und das Aufbegehren ein Mittel, das die extremen Gruppen nutzten und nicht die eigentliche Mehrheit.

Frühschicht

11 Uhr. Fahrtziel: Wickenrode, von der Klinik in Kassel nach Hause. Fahrgast: männlich, 72 Jahre, ehemaliger Schlosser, Rentner, Diagnose Lungenkrebs.

Diesmal spricht Hans-Werner Peters kaum ein Wort. Beim Einsteigen in den Wagen braucht er Hilfe. Als er sitzt, wollen ihm die Beine einfach nicht in den Wagen folgen. Er musste über Nacht in der Klinik bleiben. Jetzt geht es für ihn nach Hause. Mit seinen Händen hält er fast krampfhaft eine Nierenschale aus Pappe fest – falls er sich mal wieder übergeben muss. Die Chemotherapie raubte ihm nicht nur die Haare, sie raubt ihm jedes Mal aufs Neue auch die Kraft, den Mut. Und die Wut.

Das Taxi darf jetzt vor seiner Haustür halten. Das war bei den ersten Fahrten, gleich nach der Diagnose, noch nicht so. "Damit die Nachbarn nichts von der Krankheit erfahren", sagt er leise. Doch nun fehlt ihm mittlerweile die Energie, um wie vorher eine Straße früher auszusteigen und die paar Meter zu Fuß zu laufen. Politik ist für ihn kein Thema mehr, es hat in diesem Wagen keinen Platz mehr.

Die Autorin ist Redakteurin bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen.

Wie geht es Deutschland vor der Wahl? Mit dieser Frage im Gepäck haben wir Reporterinnen und Reporter losgeschickt, um Deutschland den Puls zu fühlen. Herausgekommen ist ein Deutschland-Essay. Aufschlussreiche Geschichten aus dem Inneren der Republik. Alle Themen aus dem Projekt Deutschland-Essay 2017 finden Sie hier.

 
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