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Ex-Piraten-Politikerin Marina Weisband
"Wir Münsteraner reden wenig über die AfD"

Marina Weisband: "Wir Münsteraner reden wenig über die AfD"
Marina Weisband 2016 bei einer Talkshow-Aufzeichnung in Köln. FOTO: Henning Kaiser
Düsseldorf. Nirgendwo in Deutschland hat die AfD so wenige Zweitstimmen bekommen wie in Münster - hier liegt die Partei bei 4,9 Prozent. Was ist an der Stadt so anders? Ein Gespräch mit der Münsteranerin Marina Weisband. Von Dana Schülbe

Die Deutsch-Ukrainerin und ehemalige Piraten-Geschäftsführerin Marina Weisband ist in Wuppertal aufgewachsen, 2006 aber nach Münster gezogen. Ihre Traumstadt, wie sie sagt. Im Interview erklärt sie, was die Stadt so besonders macht - und warum die AfD kaum eine Chance hat.

4,9 Prozent in Münster für die AfD – der niedrigste Wert in ganz Deutschland. Was sagen Sie zu diesem Wahlergebnis und zum bundesweiten Ausgang der Bundestagswahl?

Weisband Ich bin mit dem Wahlergebnis von Münster sehr viel zufriedener als mit dem bundesweiten. Was das Ergebnis im Bund angeht, hatte ich im Vorfeld schon damit gerechnet. Aber es hat mich dann doch aus den Socken gehauen. Dass jetzt wieder so offen stark rechts gewählt wird, ist sehr verunsichernd.

Warum hat die AfD in Münster keine Chance?

Weisband Münster hat eine weltoffene Kultur vor allem durch die Universität. Aber es wäre klischeehaft zu sagen, Studenten würden nicht rechts wählen. In der Stadt gibt es auch eine etwas andere Parteienlandschaft. Wir haben hier eine relativ linke SPD, relativ linke Grüne und eine recht offene CDU. Das widerspricht der Theorie, dass die CDU nach rechts aufschließen müsste. Je rechter sie sich gibt, desto mehr Leute wählen das "Original", die AfD. Das kann also nicht die Lösung sein, Münster ist der Beweis dafür. Wir haben aber auch einen Bürgerhaushalt. Die Menschen können also auf einer Plattform eigene Vorschläge machen, wie sie die Haushaltsmittel einsetzen würden. Das ist für die Stadt zwar nicht verbindlich, aber man bekommt das Gefühl, die Politik sei offen für die Wünsche der Menschen.

Wie engagiert sind die Bürger der Stadt im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und beim Einsatz für Flüchtlinge?

Weisband Als die AfD in Münster tagte, war die Stadt sehr geschlossen und entschlossen in ihrem friedlichen Protest. Das war aber nicht das erste Mal. Als die NPD einst versuchte, in Münster Mitglieder zu werben, gab es riesige Proteste und Gegendemonstrationen. Was die Flüchtlinge betrifft: Wir haben tatsächlich recht viele hier und jede Menge Helfer. So wollte mein Mann eigentlich auch mithelfen, doch er konnte nicht, weil es schon zu viele Freiwillige gab.

Hat die Stadtverwaltung auch einen Anteil daran?

Weisband Ich habe das Gefühl, dass die Stadt sehr offen kommuniziert, etwa in Bezug auf die Unterbringung von Flüchtlingen. Die Verwaltung, aber auch die örtlichen Medien sind diesbezüglich sehr transparent. Dadurch haben die Münsteraner nicht so das Gefühl, sie würden von den Ereignissen überrollt.

Was macht die politische Kultur und das Lebensgefühl von Münster aus?

Weisband Wir reden wenig darüber, ob Flüchtlinge gut oder schlecht sind, und wir reden wenig über die AfD. Wir konzentrieren uns mehr darauf, wie sich die Stadt entwickeln soll. In Münster geht es im politischen Diskurs eher um Dinge wie den Ausbau des Hafens, den Erhalt von Stadtvierteln oder bezahlbaren Wohnraum. Wir konzentrieren uns nicht auf die Themen der Rechten und lassen uns diese nicht von ihnen nicht diktieren, sondern kümmern uns mehr um Dinge, die viele Leute betreffen.

Sie bezeichnen die Stadt gern als ihre Traumstadt…

Weisband Ich bin 2006 hier hingezogen. Ich mag die offene Atmosphäre, das Gefühl, in einer Art Großstadt im Kleinen zu leben. Münster hat zum Beispiel kulturell genauso viel zu bieten, trotzdem ist es klein, kuschelig und gemütlich. Ich komme aus Wuppertal. Da gab es nicht so ein großes Zusammenhaltsgefühl wie hier. Es wurde auch nicht so viel in den öffentlichen Raum investiert wie hier. Und das nicht nur von der Verwaltung, sondern auch von den Menschen selbst, die sich gemeinsam um den öffentlichen Raum kümmern.

Was wünschen Sie sich von den anderen Parteien in der nächsten Legislaturperiode?

Weisband Ich möchte, dass sich der Diskurs weniger um die AfD dreht. Auch die viele Berichterstattung in den Medien hatte meiner Ansicht nach einen Anteil an deren Erfolg. Wir sollten uns jetzt vor allem den Koalitionsverhandlungen widmen, denn bei den möglichen Konstellationen sind riesige Kompromisse vonnöten. Das wird viele Menschen enttäuschen. In dieser Situation ist es wichtig, dass die Verhandlungen sehr transparent und nachvollziehbar geführt werden, dass die Menschen mitgenommen werden. Gebt ihnen Infos und respektiert sie und erklärt, warum bestimmte Punkte nicht umgesetzt werden können!

Mit Marina Weisband sprach Dana Schülbe.

 
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