TV-Duell: Paarlauf statt Streit
VON EVA QUADBECK - zuletzt aktualisiert: 13.09.2009 - 22:43Berlin (RP). Das TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel nd ihrem Herausforderer Frank-Walter Steinmeier ist das Medienereignis des Bundestagswahlkampfs. Die einhellige Meinung: Am Ende kommte sich keiner der Kontrahenten in dem Fernsehstudio in Berlin durchsetzen.
Kanzlerin Merkel mag keinen großen Bahnhof. Die schmucklose Kulisse des Fernsehstudios am östlichen Stadtrand von Berlin kommt ihr entgegen. Um 19.25 Uhr fahren drei dunkle Audi vor. Merkel steigt aus dem ersten Wagen. Sie wirkt gut gelaunt und ausgeruht. Sie ist schon fertig für den Auftritt, geschminkt, geföhnt und trägt einen Hosenanzug in Dunkelblau. Dazu eine Korallenkette auf weißem Shirt. Sie nickt den Kameras zu, formt ihre Hände kurz zum bekannten Merkel-Dreieck: Fingerspitzen und Daumenspitzen zusammen, die sie wie ein kleines Schutzschild vor den Bauch hält. Dann begrüßt die Senderverantwortlichen und verschwindet in der Tür unter dem Schild "Studio Berlin".
Ihr Herausforderer Außenminister Steinmeier war zehn Minuten zuvor vorgefahren. Für ihn hatte sich hinter den Absperrungen eine Unterstützer-Gruppe mit Trommeln und SPD-Fahnen versammelt. Steinmeier hat neben seinen Beratern und Unterstützern auch Ehefrau Elke Büdenbender mitgebracht. Sie trägt eine schwarz-weiße Bluse und lächelt, während sie aus dem Auto steigt. Steinmeier, dunkler Anzug, rote Krawatte, winkt in Richtung Kameras. Merkels Gatte Joachim Sauer, der seine Frau bei öffentlichen Auftritten nur selten begleitet, zieht es vor, das TV-Duell zu Hause in der gemeinsamen Berliner Wohnung anzuschauen.
Beide Seiten, SPD und Union, haben rund 30 Leute mitgebracht. Sie sind nicht nur gekommen, um die Duell-Gegner zu coachen. Vielmehr schwärmen sie auf den rund 2400 Quadratmeter-Fläche aus, wo sich Politikberater und Journalisten vor und in weißen Clubsesseln aus Leder tummeln. SPD-Chef Franz Müntefering ist ganz auf Wahlkampf gebürstet: "Steinmeier ist sozial und demokratisch. Merkel ist die Spitzenkandidatin von Schwarz-Gelb. Das wird heute noch deutlicher werden", betont er.
Im winzigen Studio B in Berlin-Adlershof sind Merkel und Steinmeier ohne ihre Polit-Flüsterer. Nur die Duellanten, die Moderatoren, Kameraleute und Techniker dürfen das blaue Rund betreten. Ein paar Blätter unbeschriebenes Papier und ein Stift liegen vor den Kandidaten.
Steinmeier steigt kernig in die Sendung ein. Auf die erste Frage, warum Merkel nicht mehr Kanzlerin sein soll, tönt er: "Weil ich der bessere Kanzler bin." Danach verliert er sich aber im großkoalitionären Klein-Klein, legt den Kopf dabei ein wenig schief und leckt sich nervös die Lippen. Merkel erwischt den besseren Auftakt, führt gleich die positive Entwicklung bei den Arbeitslosenzahlen ins Feld. Von dem Einwurf, sie klinge mehr nach Duett als Duell, lässt sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Die Bewertung "überlassen wir den Zuschauern", meint sie.
Die beiden Kontrahenten haben sich sorgfältig auf die Fernseh-Auseinandersetzung vorbereitet. Beide hatten das Wochenende von Terminen freigeräumt. Steinmeier, der sich erstmals als Kanzlerkandidat duelliert, hat sogar trainiert, seine wichtigsten Aussagen in die für eine Antwort knapp bemessene Zeit von 60 oder 90 Sekunden zu packen. Bei einigen Themen zeigt sich, dass sie in dem 60-90-Rede-Rhythmus geprobt sind.
Zum Thema Finanzen sagt Steinmeier den Satz: "Eine Wirtschaft ohne ethische Grundlage kann nicht bestehen." Da rühren sich erstmals erleichtert die Hände seiner Unterstützer: Steinmeier hat Tritt gefasst. Die Moderatoren versuchen immer wieder die Minuten-Botschaften der Spitzenkandidaten durch provokatives Nachfragen zu unterbrechen. Die Kanzlerin lässt sich nicht irritieren. Mehrfach mahnt sie: "Lassen Sie mich meinen Satz zu Ende bringen." Punkten kann sie dennoch nur wenig.
Merkel und Steinmeier, die vier Jahre lang vertraulich und effektiv zusammengearbeitet haben, wirken wie ein Ehepaar, das sich scheiden lassen will, aber eigentlich nicht so genau weiß, warum. Sie grenzen sich voneinander ab, aber ein Duell liefern sie sich nicht. Für die Moderatoren ist es Schwerstarbeit, Spannung in das Duell dieser beiden nüchternen Sachpolitiker zu bringen. "Herr Steinmeier wollten Sie unterbrechen. Jetzt nicht mehr?", fragt Plasberg zwischendrin ein wenig ratlos, um eine Debatte beim Thema Opel in Gang zu bringen. Merkel klinkt sich wieder mit einem "Das will ich ergänzen" ein.
Selbst beim Thema Atompolitik schlägt kein Funke. Steinmeier nennt das Atomkraftwerk Krümmel ein "Einschalt-und-Ausschaltmonster" und schmunzelt seiner Formulierung kurz hinterher. Von Merkel und Steinmeier könnten sich Paarläufer beim Eistanz noch eine Scheibe abschneiden: Am Ende des Atom-Themenblocks stellt die Regie fest, dass Merkel und Steinmeier in der Sendung bisher beide jeweils 13 Minuten und 19 Sekunden gesprochen haben.
Die Umgangsformen von Merkel und Steinmeier sind in der Live-Sendung ebenso gut, wie es von Kabinettssitzungen berichtet wird. Sie hören sich zu, lassen sich ausreden, gehen auch bei sachlichen Unterschieden konstruktiv miteinander um. Beim Kontrovers-Thema Gesundheit rügt Moderator Peter Limbourg Steinmeier sogar, dass er das Bild, was denn nun an Kosten auf die Versicherten unter Schwarz-Gelb zukommen könnte, sehr verhalten gemalt habe.
Mit dem Schlusswort schwärmen in der Halle neben dem Studio die "Meinungsforscher" aus, die eine erste Bewertung gleich nach der Sendung abgeben müssen. Die meisten in Adlershof sehen Merkel und Steinmeier nahe beieinander. Einhellige Kritik: Die inhaltliche Darbietung war eher konfus. Keiner der Kontrahenten konnte sich deutlich absetzen.
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