| 08.38 Uhr

Reaktionen auf das TV-Duell
"Wie die Wartezeit beim Einwohnermeldeamt"

TV-Duell der Kanzlerkandidaten 2017: Angela Merkel gegen Martin Schulz
Düsseldorf. Das TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz sorgt für Diskussionen. Die Debatte dreht sich nicht nur um Merkel und Schulz, sondern auch um die Moderatoren und die Themenauswahl. Wir haben die wichtigsten Statements nach der Sendung gesammelt.

Unionsfraktionschef Volker Kauder sieht die Wahl am 24. September nicht entschieden. CDU und CSU gingen nun mit großer Zuversicht in den Schlussspurt, sagte Kauder. Er mahnte jedoch: "Wir wissen aber auch: Die Wahl wird nicht in einem TV-Duell entschieden."

Bundesjustizminister Heiko Maas sagte, der Auftritt von Schulz habe der SPD Mut gemacht. "Martin Schulz und der gesamten SPD wird das Duell Rückenwind geben." Schulz sei überzeugend, souverän und leidenschaftlich gewesen, erklärte der SPD-Politiker. Ein schlichtes "Weiter so" der Kanzlerin reiche nicht.

CDU-Generalsekretär Peter Tauber sagte im ZDF, die Menschen hätten Merkel "besonnen, ruhig und bodenständig" erlebt. Sein SPD-Kollege Hubertus Heil sagte, Schulz habe "Kanzlerformat" gezeigt.

Merkel vs Schulz: Die Bilder vom TV-Duell 2017 FOTO: dpa, wst

Schulz Bewerbung als Außenminister

Einen kräftigen Schub für den Endspurt im SPD-Wahlkampf erwartet die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Schulz sei "sehr klar in allen Fragen" gewesen, sagte sie der dpa.

Der CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg wertete Schulz' Auftritt als Bewerbung für das Amt des Außenministers. "Wobei ich auch hoffe, dass die nächste Konstellation keine große Koalition ist", sagte Guttenberg in der ARD-Sendung "Anne Will".

"Über 60 Minuten TV-Duell - Nix zu Klima, nix zu Bildung, nix zu Digitalisierung. Wann geht's eigentlich mal um die Zukunft?", schrieb Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir nach der Sendung bei Twitter.

"Ein ziemlich glanzloses Duell" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

"Dass von Merkel keine Dynamik für Veränderung kommt, war zu erwarten, aber auch von Martin Schulz kamen keine Impulse für einen echten sozialen und ökologischen Wandel in diesen dramatischen Zeiten", sagte Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt.

"Das war kein TV-Duell, sondern 90 quälende Minuten GroKo-Therapiegespräch", schrieb ebenfalls auf Twitter Linken-Spitzenkandidat Dietmar Bartsch. Er sprach von "kaum erträglicher Merkel-Schulz-Konsens-Soße". Linken-Parteichef Bernd Riexinger beklagte, dass sozialpolitische Themen kaum zur Sprache gekommen seien.

Auch FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner bedauerte, dass wichtige Themen nicht angesprochen wurden. "Wieso gab es beim TV-Duell nichts zu Bildung, Digitalisierung, Euro, Energie, Klima, Innovation, Bürokratie?", fragte er auf Twitter und fügte hinzu: "Ich finde, es hat sich angefühlt wie die Wartezeit beim Einwohnermeldeamt."

AfD-Chefin Frauke Petry hat das TV-Duell der Kanzlerkandidaten vor der Bundestagswahl als belanglos kritisiert. "Ich habe trotz überraschend kritischer Fragen der Journalisten noch nie in 90 Minuten so viele Plattitüden und Phrasen auf einen Haufen gehört, so viel Oberflächliches und Belangloses am Stück", sagte sie. 

Der Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung von CDU und CSU, Carsten Linnemann, sagte: "Schulz ist rhetorisch geschickt, ein Meister der markigen Worte. Sein Problem ist aber, dass seine Einwände nicht auf fruchtbaren Boden fielen. Schließlich hat die SPD im Bundestag die Entscheidungen der großen Koalition immer mitgetragen."

Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Stuttgart-Hohenheim, sagte dem "Handelsblatt": "Viele Gemeinsamkeiten, wenig Unterschiede. Bestimmt nicht der Start für eine Aufholjagd von Martin Schulz."

Der Politikberater Michael Spreng sagte, Schulz habe bei einigen Themen punkten können, etwa bei Maut, Türkei und Rente. "Aber diese Punkte waren nicht so stark, dass jetzt die Umfragen in die Höhe schießen", sagte der frühere Berater des ehemaligen Unions-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber (CSU).

Kritik an den Moderatoren

Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler hält das Format des TV-Duells für überholt. "Die Sendung war leblos und frei von jeder Überraschung." Fast alle wichtigen Zukunftsfragen, vor denen Deutschland stehe, seien ausgeklammert worden. "Die Sendung war mehr Parallelslalom als Duell", sagte Gäbler. "In diesem Nebeneinander demonstrierten die Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Martin Schulz inhaltlich eigentlich nur, dass eine große Koalition jederzeit wieder möglich ist."

Der Journalistik-Professor kritisierte auch die Moderatoren der vier Sender ARD, ZDF, RTL und Sat.1: "Die viel zu zahlreichen Moderatoren traten in einen Überbietungswettbewerb, beide Politiker ausschließlich mit Fragen zu traktieren, wie sie von rechts gestellt werden.

Das Lexikon zur Bundestagswahl 2017 FOTO: dpa, Julian Stratenschulte

Der Wähler, um den es ja angeblich gehen soll, schaute im wahrsten Sinne des Wortes in die Röhre." Er sei in die Rolle eines ungefragten Zuschauers gedrängt gewesen. "Der Appell an die übertragenden Sender kann nur lauten: So nicht noch einmal!"

Häme für Claus Strunz

Moderator Claus Strunz hat während des TV-Duells von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz im Netz viel Häme geerntet. Bis zum Ende der Sendung gab es auf Twitter mehrere Tausend Nachrichten zu dem Sat.1-Moderator. Schon am Anfang der Live-Übertragung musste sich Strunz von Schulz korrigieren lassen: Er hatte den SPD-Chef mit einer Flüchtlingsaussage verkürzt zitiert.

Später fragte Strunz Kanzlerin Merkel und Schulz, ob sie es gut fänden, dass die Fußball-WM 2022 in Katar stattfindet. "Echt jetzt, Strunz fragt wirklich nach der WM in Katar?", schrieb Linke-Parteichef Bernd Riexinger auf Twitter. 

Ein anderer Twitter-Nutzer teilte ein kurzes Video des legendären Ausrasters des früheren Bayern-Trainers Giovanni Trapattoni, der 1997 an die Adresse seines damaligen Spielers Thomas Strunz zeterte: "Was erlauben Strunz?" Ironisch kommentierte Satiriker Jan Böhmermann: "Ich guck nur wegen Claus Strunz. #TVDuell".

Lesen Sie hier Pressestimmen zum TV-Duell.

Hier können Sie das Protokoll der Sendung nachlesen.

(csr/dpa)
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Reaktionen auf das TV-Duell mit Merkel und Schulz: "Wie die Wartezeit beim Einwohnermeldeamt"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.