| 10.16 Uhr

Alice Weidel in der Sat.1-Wahlarena
"Niemand redet so gut wie Herr Lindner"

Sat1-Wahlarena 2017 mit Grünen, FDP, Linken und AfD: "Arbeitsverträge sind keine Quckies"
Moderator Claus Strunz befragt bei Sat1 Katja Kipping (Linke), Katrin Göring-Eckardt (Grüne), Alice Weidel (AfD) und Christian Lindner (FDP) (v.l.). FOTO: dpa, hjb
Düsseldorf. Altersarmut, Terrorismus, Gesundheitsversorgung - in der Sat.1-Wahlarena stellten sich die Kandidaten der Grünen, Linken, AfD und FDP den drängendsten Fragen der Zuschauer. Christian Lindner stritt sich mit der Grünen-Spitzenkandidatin - und bekam Lob von unerwarteter Seite.  Von Franziska Hein

Ob und wie der FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner sich hinterher bei der AfD-Spitzenkandidatin bedankte, konnten die Zuschauer nicht mehr sehen: Aber dass Alice Weidel ihn indirekt zum Sieger in der Wahlarena kürte, dürfte den FDP-Politiker überrascht haben. "Niemand redet so gut wie Herr Lindner", sagte Weidel, als sie vom Moderator genötigt wurde, sich für den besten Kandidaten des Abends zu entscheiden. Lindner hatte der AfD vor allem beim Thema Einwanderungspolitik Zunder gegeben. 

Infos: Wahlprogramm der AfD für die Bundestagswahl 2017 FOTO: Bernd Wüstneck

Als Lindner für ein Einwanderungsgesetz plädierte, das qualifizierte Einwanderer für den deutschen Arbeitsmarkt aussucht, warf die AfD-Spitzenkandidatin ihm vor, das aus dem AfD-Wahlprogramm abgeschrieben zu haben. "Wir vertreten das seit 20 Jahren. Da war Ihre Partei noch nicht mal ein feuchtes Glimmen in den Augen von Herrn Gauland (der zweite AfD-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, Anm. d. Red.)", konterte Lindner. 

Die Top 10 der wichtigsten Wähler-Fragen

Am Mittwochabend hatte der private Fernsehsender Sat.1 Vertreter der kleinen Parteien in die Wahlarena geladen. Katrin Göring-Eckardt (Grüne), Christian Lindner (FDP) und Alice Weidel (AfD) kamen als jeweilige Spitzenkandidaten ihrer Parteien. Nur die Linkspartei schickte nicht Sahra Wagenknecht oder Dietmar Bartsch, sondern ihre Fraktionsvorsitzende aus dem Bundestag, Katja Kipping. 

Infos: Wahlprogramm der FDP für die Bundestagswahl 2017 FOTO: ap, SO

Das Sendungskonzept sah vor, dass die Kandidaten die zehn drängendsten Fragen der Deutschen beantworten, die der Sender zuvor ermittelt hatte. Die Fragen zu den Themen Innere Sicherheit, Altersarmut, Gesundheitsversorgung und Terrorismusbekämpfung stellten ein Polizist, ein Paketzusteller, eine Krankenschwester und eine Konzertbesucherin, die den Anschlag auf den Pariser Nachtclub Bataclan miterlebt hatte. Die Kandidaten hatten je 30 Sekunden Zeit, die Fragen zu beantworten. Danach durfte der Fragende entscheiden, wem er seine Stimme geben würde. 

Bei der Frage zur Inneren Sicherheit entschied sich der Polizist für Christian Lindner. Er forderte 15.000 neue Stellen für die Polizei. Die Forderung nach mehr Personal und besserer Ausrüstung brachten alle Kandidaten, die AfD forderte zusätzlich Bodycams und, dass man künftig DNA-Spuren auch für Rückschlüsse auf "Merkmale und Herkunft" verwenden dürfe. 

Infos: Das Wahlprogramm der Linken für die Bundestagswahl 2017 FOTO: dpa, pst fdt

Bei den Themen Verbesserung des Gesundheitssystems und Terrorismusbekämpfung überzeugte Katja Kipping die Krankenschwester (>>>hier stellte sich nachher heraus, dass sie Mitglied der Links-Partei ist) und die Konzertbesucherin. Die Konzertbesucherin wollte der AfD für ihr Statement zu diesem Thema sogar einen Punkt abziehen. Weidel hatte in ihrer Antwort den Anschein erweckt, dass Terrorgefahr nur von Flüchtlingen ausgehe. 

Der Paketbote, der von Altersarmut bedroht ist, entschied sich für Katrin Göring-Eckardt und das grüne Modell der Bürgerversicherung. Da habe er Mitgefühl gespürt. Der Paketbote hatte zuvor berichtet, dass er von seinem geringen Gehalt nicht fürs Alter vorsorgen könne. In der anschließenden Diskussion über die Frage, wie die Kandidaten Jobs schaffen wollen, von denen man leben könne, stritten sich Katrin Göring-Eckardt und Christian Lindner über die Frage des Mindestlohns und die Frage der richtigen Absicherung für das Alter. Als Lindner sagte, privates Wohneigentum wäre das wirksamste Mittel gegen Altersarmut, nannte Göring-Eckardt das "zynisch". "Sagen Sie mal jemanden mit 900 Euro im Monat, er soll sich eine Wohnung kaufen." 

Das Programm der Grünen für die Bundestagswahl

Katja Kipping forderte die Abschaffung von befristeten Arbeitsverträgen und weniger Minijobs. "Arbeitsverträge sind keine Quickies", sagte sie. Die Position der AfD klang wie eine Mischung aus dem Wahlprogramm der Sozialdemokraten und der Linken: Abschaffung der Leiharbeit und weniger Abgaben und Steuern für Geringverdiener. Minijobs nannte Weidel "staatlich subventioniertes Lohndumping". Das konnte Kipping nicht unkommentiert lassen. "Sie haben sozialpolitisch Kreide gefressen", warf sie Weidel vor. 

Zuschauer finden Christian Lindner eitel

Die Fragen zur Einwanderungspolitik, zur Flüchtlingsfrage und zu Abschiebungen stellte Moderator Claus Strunz. Damit kam die Sendung nicht auf zehn, sondern nur auf acht Fragen. Zusätzlich zu den Themenblöcken wurde jeder Kandidat noch vorgestellt. Dabei gingen die Zuschauer mit allen Kandidaten hart ins Gericht. Lindner wirkte zu arrogant, Göring-Eckardt zu langweilig, Weidel zu unsympathisch und Kipping zu bieder. Am besten schnitt noch der FDP-Spitzenkandidat ab. Mit seinem "Posterboy"-Image konfrontiert, erklärte er, als kleine Partei außerhalb des Bundestags müsse man eben auch provozieren und sich ästhetisch von anderen Wahlplakaten abheben. Abzüge gab es hier für Moderator Strunz, der immer wieder von "Postern" statt von Wahlplakaten sprach.

Über Katrin Göring-Eckardt erfuhr man, dass sie weiß, wo man in Thüringen die beste Bratwurst kaufen kann. Katja Kipping würde nur mit Christian Lindner in eine WG ziehen, wenn dieser ihr von Tinder-Abenteuern berichten könne, und Alice Weidel war so erschrocken über die negative Meinung der Zuschauer, dass sie ganz kleinlaut sagte, das liege vielleicht daran, dass man sie nicht kenne und dass sie an sich arbeiten müsse. 

 
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