Die Parteien im Check: So läuft Wahlkampf 2.0 im Internet
VON STEFAN KLÜTTERMANN - zuletzt aktualisiert: 27.08.2009 - 14:17Düsseldorf (RP). Merkel gegen Steinmeier, CDU gegen SPD der Kampf ums Kanzleramt tobt auch im Internet. In Videos, Blogs und Netzwerken buhlen alle Parteien um Wähler. Allein: Ein richtiges Konzept hat niemand, sagen Medienexperten.
Alle wollen so sein wie Barack Obama. Wollen sich so modern, so charismatisch geben wie der US-Präsident. Obama, der das Internet für den Wahlkampf entdeckte und wie keiner vor ihm nutzte. Obama, der über das World Wide Web die Massen in seinen Bann zog und erfolgreich Stimmen für den Kampf ums Weiße Haus sammelte.
Im politischen Berlin herrschte stummer Konsens unter den Parteistrategen: Ob im Willy-Brandt- oder im Konrad-Adenauer-Haus, Liberale wie Grüne alle stürzten sich auf das Internet, um im Jahr des Bundestagswahlkampfs dessen interaktive Möglichkeiten, kurz „Web 2.0”, zu nutzen.
Klemens Skibicki ist Professor für Marketing und Marktforschung an der Cologne Business School. Er hat die Aktivitäten von Politikern und Parteien in Netzwerken und auf Videoportalen untersucht. „Technisch beherrschen alle die Kommunikation über die Online-Netzwerke”, sagt Skibicki. „Aber keiner nutzt die Möglichkeiten des Web 2.0.”
Dialog mit dem Wähler
Das meiste bleibe einseitige Informationsausschüttung, wo sich ein Dialog mit dem Wähler anböte. Zu oft kommen die Plattformen als launige Spielwiese daher, wo die Bürger auf inhaltliche Diskussion erpicht wären. Die Chance, mehr Demokratie zu wagen, wird vertan. Markus Beckedahl, Betreiber des Internetangebotes „netzpolitik.org”, sagt: „Die Mitmachangebote aller Parteien sind recht langweilig, wirken bemüht und sehen fast alle gleich aus.”
Fast alle Spitzenpolitiker sind in sozialen Netzwerken wie Facebook, MeinVZ, StudiVZ oder Lokalisten mit eigenen Profilen vertreten. Angela Merkel verrät bei StudiVZ, dass sie gerne Richard Wagner und Karat hört, bei Facebook gibt sie preis, dass ihr Traum sei, einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn zu fahren. Sehen so nützliche Informationen für eine Wahlentscheidung aus?
„Wer zu viel Privates ins Internet stellt, macht sich lächerlich”, kritisiert der Erfurter Politikwissenschaftler Dietmar Herz. Und überhaupt: Mit (dem Nachrichtendienst) Twitter und StudiVZ erreichten die deutschen Politiker längst nicht so viele Menschen, wie sie sich erhofften nämlich nur die junge gebildete Wählerschicht, sagt Herz. Und will die etwa der Kanzlerin einen verklemmten Gruß senden Fachbegriff: gruscheln?
In den Netzwerken sind parallel zu den Politiker-Profilen massenhaft Gruppen und Beiträge unterwegs, die sich mit Steinmeiers Deutschland-Plan oder auch Westerwelles Krawatten beschäftigen. Manche heißen auch einfach „Wenn du CDU wählst, mach‘ ich Schluss!” Skibicki hat die Gruppen ausgewertet. Ergebnis: Die Kanzlerin hat analog zu aktuellen Umfragen auch im Netz die Nase vorn. 226 Gruppen beschäftigten sich Ende Mai netzwerkübergreifend in irgendeiner Form mit der CDU-Chefin.
Blockbildung gibt es übrigens auch im Web 2.0
Konkurrent Frank-Walter Steinmeier kommt zeitgleich nur auf 22. Oskar Lafontaine kann sogar eine mehr vorweisen, Guido Westerwelle erreicht 17 Gruppen und Grünen-Chefin Claudia Roth 14. Auch die Berliner Agentur „Newthinking Communications” stellte jüngst in ihrer fünften Studie zum Thema „Politik im Web 2.0” lapidar fest, die Kanzlerin spiele ihren Amtsbonus auf allen Plattformen aus. Blockbildung gibt es übrigens auch im Web 2.0: So versammeln sich laut Studie SPD- und Grünen-Anhänger eher bei Facebook , Union und FDP stärker bei StudiVZ.
Bei YouTube, dem Marktführer der Videoportale, tummeln sich die Parteien mit eigenen Kanälen. Die CDU setzt auf „CDU-TV”, sendet Reden von Angela Merkel, befragt Wähler und lässt Politiker die Inhalte des Wahlkampfprogramms aufsagen. Rund 266.000 Mal wurde der Kanal bisher aufgerufen, knapp 1300 haben ihn abonnniert.
Breites Potenzial von Anhängern
Die SPD geht mit ihrem Kanal „SPD Vision” an den Start. Prinzip und Inhalte sind vergleichbar, das Interesse in etwa auch (300.000 Aufrufe, 1370 Abonnenten). „TV Liberal” (FDP) und „Kanal Grün” (Grüne) senden ebenfalls im Auftrag der Parteizentralen. „Die Parteien lassen Dialog im Prinzip nur zu, wenn sie alles unter Kontrolle haben”, sagt Skibicki. Aus der SPD heißt es stolz, man könne mittlerweile auf ein breites Potenzial von Anhängern zurückgreifen.
Insgesamt bleibt der deutsche Online-Wahlkampf im Urteil der Medienexperten deutlich hinter dem US-Vorbild zurück. Der entscheidende Grund hat dabei mit dem Internet nichts zu tun. „Die Parteien hierzulande haben ein Problem: Sie haben keinen Politiker, der über ein ähnliches Charisma wie Obama verfügt”, sagt Skibicki.
Dessen Internetseite besuchten im Wahlkampf zwei Millionen Menschen, er sammelte 500 Millionen Dollar für seine Sache übers Netz. Er gab den Bürgern das Gefühl, an seiner Mission teilzuhaben, wichtig zu sein. Das schafft Merkel nicht. Das schafft Steinmeier nicht. Willy Brandt hätte es geschafft, ist sich Skibicki sicher. „Wenn es zu seiner Zeit Internet gegeben hätte, wäre der SPD die absolute Mehrheit sicher gewesen.”
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