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Foto auf dem Cover des SZ-Magazins
Steinbrück zeigt den Stinkefinger

Foto auf dem Cover des SZ-Magazins: Steinbrück zeigt den Stinkefinger
Das Bild von Peer Steinbrück mit ausgestrecktem Mittelfinger ist auf dem Cover des Magazins der Süddeutschen Zeitung zu sehen. FOTO: SZ-Magazin/ Alfred Steffen
Berlin. Vielleicht ist das ein bisschen viel "Klartext" so kurz vor einer Bundestagswahl. Vom Titel des Magazins der "Süddeutschen Zeitung" grüßt an diesem Freitag hunderttausende Leser ein Peer Steinbrück, der den "Stinkefinger zeigt. In Sachen maximale Aufmerksamkeit dürfte er damit einen Volltreffer gelandet haben.

Im beliebten Ohne-Worte-Interview des Magazins, wo spielerisch mit Gestik und Mimik geantwortet wird, soll der SPD-Kanzlerkandidat auf folgende Frage antworten: "Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi - um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?". Steinbrück schaut etwas finster rein: Der Mund offen, die Arme verschränkt, den Mittelfinger der rechten Hand gen Kamera gestreckt. Just zu einem Zeitpunkt, wo die Häme über ihn weg war, spätestens seit dem TV-Duell.

Steinbrück verteidigt seine Geste

Steinbrück selbst verteidigte seine Geste am Donnerstagabend: "Da werden einem Fragen gestellt, die man übersetzt in Gebärden, in Grimassen, in Emotionen", sagte Steinbrück am Rande einer SPD-Kundgebung in München über die besondere Interviewform des Magazins. "Das schauspielert man dann. Und ich hoffe, dass die Republik auch den Humor hat, dann diese Grimassen und diese Gebärdensprache bezogen auf die Fragen richtig zu verstehen."

Bisher ist der "Stinkefinger" von Stefan Effenberg Richtung deutsche Fans bei der Fußball-WM 1994 besonders in Erinnerung - Steinbrück spielt nun in dieser Liga mit. Sein Sprecher wollte das Bild in Erwartung der möglichen Aufwallung nicht freigeben. Steinbrück antwortete laut SZ-Magazin nur: "Nein, das ist okay so".

Nun gibt es zwei Denkrichtungen: Steinbrück inszeniert sich als ein Rock'n'Roller der Politik, selbst sagte er erst kürzlich: "Bei mir rockt es". SPD-Chef Sigmar Gabriel nannte ihn eine "coole Sau". Sozusagen das Gegenstück zu Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die ihre zur Raute geformten Hände zum Markenzeichen erkoren hat. Deutschlands größtes Wahlplakat (2378 Quadratmeter) am Berliner Hauptbahnhof zeigt die Merkel-Raute - dieses Bild steht nun gegen den "Stinkefinger".

Merkel-Raute gegen Stinkefinger?

Das Bild ist ohne Zweifel ironisch gemeint - der Umgang mit dem 66-Jährigen wirft sicher auch die Frage auf: wie viel Augenzwinkern vertragen Politik und Öffentlichkeit? Gerade, wo sich immer wieder über gestanzte und stromlinienförmige Worte mokiert wird. Für den politischen Gegner ist es natürlich ein willkommener Anlass, an seinen Qualitäten zu zweifeln.

Steinbrück hat diesem Wahlkampf seinen Stempel aufgedrückt, am 16. Juni kulminierte der ganze Druck beim Parteikonvent nach berührenden Schilderungen seiner Frau ("Und dann wird er nur noch verhauen") darin, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Er ist halt eine Marke.

An der SPD-Basis dürfte der Fingerzeig Richtung Medien auf Zustimmung stoßen - immer wieder wurde er bei Veranstaltungen aufgefordert, doch mal mehr klare Kante gegen "diese Berliner Edelfedern" zu zeigen. Aber die Geste hat es in sich, Wähler könnten abgeschreckt werden. Seine persönlichen Werte hatten nach dem TV-Duell zugelegt, die Botschaften kommen langsam an - und Steinbrück konnte die Kanzlerin etwa beim Thema Pkw-Maut in die Enge treiben.

Er hätte gerne mehr solcher Duelle - doch sie weicht ihm aus. Die "kognitive Dissonanz" sei durch das TV-Duell aufgelöst worden, sagt ein Mitglied aus Steinbrücks Kompetenzteam. Will heißen: Die 17,6 Millionen TV-Zuschauer hätten sich überzeugen können, dass viele der bisherigen Medienzuschreibungen gar nicht auf Steinbrück passten. Doch sollte er es irgendwie doch noch ins Kanzleramt schaffen - dieses Bild dürfte dann gegen Steinbrück verwendet werden. Es könnte zum Beispiel gut das Bild von ihm in der Schweiz illustrieren, der er als Bundesfinanzminister etwas großspurig mit der Kavallerie drohte.

Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn hat sich empört über die "Stinkefinger"-Geste geäußert. "Erst die Kavallerie, dann die Clowns, jetzt der Stinkefinger. Da verwechselt jemand das Kanzleramt mit dem Kasperletheater. Peinlich, peinlich, peinlich", sagte Spahn unserer Redaktion.

Scharfe Kritik von der FDP

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) kommentiert im Kurznachrichtendienst Twitter: "Das kann doch wohl nicht der Stil eines Bundeskanzlers sein." FDP-Chef Philipp Rösler hat das Foto kritisiert und die Eignung des Sozialdemokraten als Kanzler angezweifelt. "Die Geste verbietet sich als Kanzlerkandidat. So etwas geht nicht", sagte der Vizekanzler am Donnerstag am Rande des Wahlkonvents seiner Partei in Mainz. Der hessische FDP-Politiker Jörg-Uwe Hahn twitterte: "Ein Stinkefinger ist nicht lustig. Ein Bundeskanzlerkandidat sollte Vorbild sein."

Linken-Chef Bernd Riexinger sieht in der Geste hingegen das "offizielle Ende der Kanzlerkandidatur von Peer Steinbrück". Damit beschimpfe er die Wähler, sagte er der Onlineausgabe der "Mitteldeutschen Zeitung". Die SPD spiele nicht mehr auf Sieg, sondern nur noch auf Platz, sagte Riexinger.

Der Politikwissenschaflter Gero Neugebauer von der Freien Universität Berlin sagte AFP am Abend, er sei "gar nicht so sehr überrascht" von Steinbrücks Auftreten. Gleichzeitig mahnte er, "Symbole in der Politik" dürften nicht überbewertet werden. Steinbrück habe schließlich offen gelassen, wen er mit seiner Geste gemeint habe.

Steinbrücks Sprecher Rolf Kleine sagte dagegen zu "Spiegel Online": "Ich sehe in dem Foto keine Schwierigkeit. Warum sollte ich eine Schwierigkeit sehen?"

(dpa/afp)
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