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Interview mit Bischof Müller: "C-Parteien fehlt christliches Profil"

VON REINHOLD MICHELS FÜHRTE DAS INTERVIEW - zuletzt aktualisiert: 28.01.2010 - 12:18

Düsseldorf (RP). Gerhard Ludwig Müller, Bischof von Regensburg, spricht über die Unionsparteien und Missbrauchsvorwürfe gegen die Priesterschaft. Zudem prangert der Geistliche im Gespräch mit unserer Redaktion den Atheismus und Feindseligkeiten gegenüber Christen an und nennt die Kirchenspaltung eine "Tragödie".

 Foto: ddp
Foto: ddp

Gibt es, wie Benedikt XVI. beklagt, im Westen eine "neue Feindseligkeit" gegen Kirche und Christentum?

Müller Die den Ton angeben wollenden politisch-kulturellen Kreise Europas sind oft peinlich berührt, wenn sich jemand als gläubig und kirchennah zu erkennen gibt. Nicht überall in Europa werden alle Menschen vor dem Gesetz gleich behandelt. Wenn Christen beleidigt oder angegriffen werden, wird das von Gerichten oft nicht so geahndet, als wenn das anderen Religionen gegenüber geschieht.

Werden Sie bitte konkret.

Müller Nehmen Sie das Kruzifix-Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte: eine unerträgliche Position, eine vom Gericht begangene Menschenrechtsverletzung an der Religionsfreiheit der Christen, indem das Kreuz als zentrales Symbol des christlichen Glaubens an die vergebende Liebe Gottes als menschenrechtsverletzend Nichtchristen gegenüber bezeichnet wird. Es wird fälschlicherweise davon ausgegangen, dass der öffentliche Raum reserviert ist für Areligiöse oder Antireligiöse.

Wie schätzen Sie den so genannten neuen Atheismus ein?

Müller Von atheistischen Positionen geht keinerlei orientierende, zukunftsweisende Kraft aus. Die Nichtglaubenden essen die Früchte von dem Baum, den sie vorher mit Begeisterung gefällt haben. Der Atheismus ist nur erdacht worden, um die Menschen zur Verantwortungslosigkeit zu erziehen und so leichter ideologisch manipulieren zu können – so könnten wir der flachen Religionskritik entgegenhalten. Es gibt keine atheistisch begründete Ethik.

Ist es nicht angesichts der Häme, die Christen vielerorts entgegenschlägt, und angesichts der Christen-Drangsalierungen in Teilen der Welt zwingend notwendig, nicht nur ökumenisch zu denken, sondern sich katholisch-evangelisch zusammenzutun?

Müller Den Luxus des Getrenntseins kann man sich überhaupt nicht erlauben. Die Kirchenspaltung ist kein Luxus, sondern eine Tragödie. Katholiken und Protestanten dürfen sich trotz dogmatischer Differenzen angesichts der Bedrohtheit des Christlichen insgesamt nicht gegeneinander ausspielen lassen.

Haben Sie andere Beispiele für Aggression und Ungerechtigkeit gegenüber Kirche und Religion?

Müller Wenn ein einzelner Staatsbürger, der in der Kirche als Priester dient, ein Kind sexuell missbraucht hat, werden gleich der ganze Priesterstand und die Kirche insgesamt verdächtigt. Es ist doch eigentlich Standard des Rechtsstaates, dass jeder nur für seine eigene Tat Verantwortung zu übernehmen hat und nicht auch derjenige, der in derselben Straße wohnt, zur selben Familie oder Firma gehört. Wenn sich ein Sportlehrer, Arzt, Richter oder Verwandter an einem Kind vergangen hat, kann man unmöglich alle Sportlehrer, Ärzte, Richter oder Verwandten unter Generalverdacht stellen. Kollektivschuld und Sippenhaft sind mit unserer Rechtstradition unvereinbar. Es ist verwerflich, dass Opfer einer Untat noch instrumentalisiert werden für antikirchliche Kampagnen.

Es gibt zwei Regierungsparteien, die das C im Namen führen. Sind Sie zufrieden mit deren Einstehen für das Christliche?

Müller Schlimmer als meine Enttäuschung ist die Selbstschädigung der C-Parteien. Sie vernachlässigen oft ihre Kernidentität und meinen, an allen Hecken und Zäunen Stimmen einsammeln zu müssen mit einem vagen Programm. Das Christliche ist etwas Konkretes. Die C-Parteien müssen um ihrer selbst willen abkehren von dem gegenwärtigen Opportunismus und sich auf ihre Grundlagen besinnen. Ich wähle doch niemanden, der nicht zu seinen Prinzipien steht. Partei-egoistischer Opportunismus führt letztlich auch zur Aushöhlung der Demokratie. Wir brauchen die Volksparteien mit einem klaren Profil und einer programmatischen Identität. Politiker sollen nicht populistisch sein, sondern populär, das heißt volksnah und dem Gemeinwohl verpflichtet.

Manche in der Union lassen sich von Demoskopen erklären, die überzeugten Christen seien als Wählerpotenzial ohne größeren Schaden mehr und mehr vernachlässigenswert.

Müller Ich warne die C-Parteien vor einer Milchmädchenrechnung, denn man erreicht nicht die nebulösen Mitte-Wähler, zu denen hin man sich öffnet, wenn man gleichzeitig seine Identität preisgibt. Die CDU/CSU hat sich geöffnet für neue Wählerschichten, aber unterm Strich immer mehr Wähler verloren. Zumindest die CDU steht vor der Gefahr, den Charakter als Volkspartei zu verlieren. Eine Partei, die etwa beim unbedingten Lebensschutz ins Wanken kommt, verrät sich selbst und auch die Demokratie. Der Mensch darf niemals instrumentalisiert werden. Die Würde jedes Menschen ist die Grenze für politische Kompromisse.


 
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