Abkehr von dreigliedrigem Schulsystem: CDU-Bundesvorstand beschließt Oberschule
zuletzt aktualisiert: 27.06.2011 - 22:00Düsseldorf (RPO). Das dreigliedrige Schulsystem ist in Deutschland Geschichte - wenn es nach den Vorstellungen der CDU geht: Der Bundesvorstand der Partei hat am Montagnachmittag ein Bildungskonzept beschlossen, das unter anderem Haupt- und Realschule unter einem Dach bündeln will.
"Wir wollen das differenzierte, auf Leistung und Durchlässigkeit und Chancengerechtigkeit setzende Bildungssystem demografiefest und zukunftssicher machen", sagte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe in Berlin. Das letzte Wort soll der Bundesparteitag im November in Leipzig haben.
Nach Plänen der Parteispitze sollen Schüler nach der vierten Klasse künftig entweder auf die sogenannte Oberschule, in der Real- und Hauptschule zusammengelegt werden sollen, oder aufs Gymnasium gehen. Erarbeitet wurde das Konzept von einer Kommission unter Leitung von Bildungsministerin Annette Schavan und dem sächsischen Kultusminister Roland Wöller (CDU).
Schavan will Hauptschule weiterentwickeln
Schavan betonte, die CDU reagiere mit dem Konzept auf aktuelle Entwicklungen. Insbesondere der Rückgang der Schülerzahlen und die steigende Zahl von Kindern mit Migrationshintergrund stelle Deutschland vor neue Herausforderungen.
Schavan stellte auch klar, dass das Bildungskonzept nicht das sofortige Aus für die Hauptschule bedeute. Niemand müsse eine funktionierende Hauptschule auflösen, vielmehr müsse diese weiterentwickelt werden, sagte sie. Es gehe darum, nicht immer neue Schulformen zu entwickeln, sondern sich auf zwei Wege zu konzentrieren: das Gymnasium und die Oberschule.
Mit ihrem Vorschlag folgt die CDU dem sächsischen Schulmodell. Kultusminister Wöller unterstrich, es handle sich daher bei dem Bildungskonzept nicht um ein "Reißbrettentwurf". Das geplante Zwei-Wege-Modell mit Oberschule und Gymnasium sei vielmehr bereits Realität. Nicht nur in Sachsen, sondern auch in Bremen, Hamburg, Berlin und Niedersachsen. Wöller stellte klar, es gehe nicht darum, "Schulformen gegeneinander auszuspielen".
Klöckner nennt Debatte über Bildungspolitik überfällig
Doch innerhalb der CDU gibt es Bedenken. Der nordrhein-westfälische CDU-Generalsekretär Oliver Wittke plädierte im WDR dafür, die Hauptschule zumindest auf dem Land zu erhalten. In den Städten hingegen werde diese Schulform von den Eltern nicht mehr gewünscht und könne abgeschafft werden.
Die rheinland-pfälzische CDU-Landesvorsitzende, Julia Klöckner, warnte davor, dass nur noch das Zwei-Säulen-Modell im Vordergrund stehe und dabei der Leistungsgedanke bei Schulabschlüssen in den Hintergrund trete. Zugleich wies sie daraufhin, dass innerparteiliche Debatten "nicht schlimm, sondern überfällig" seien.
Die FDP kritisierte, mit ihrem Bildungspapier verabschiede sich die CDU von einer modernen bürgerlichen Bildungspolitik. Mit dem Konzept werde die CDU schulpolitisch beliebig, sagte FDP-Bildungsexperte Patrick Meinhardt.
Gröhe widersprach dem Eindruck, die CDU passe sich mit ihrem Konzept den Vorhaben anderer Parteien an. Es gebe eine klare Unterscheidbarkeit, beispielsweise indem die elterliche Verantwortung gestärkt werden solle, sagte er.
Vorsichtige Zustimmung von Gewerkschaftsseite
Vorsichtige Zustimmung für die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule kam von der Lehrergewerkschaft GEW. Allerdings sei das Konzept halbherzig, da die CDU weiterhin am Gymnasium festhalten wolle und auch das Konzept der Sonder- und Förderschulen nicht infrage gestellt werde, sagte Marianne Demmer, Leiterin des GEW-Vorstandsbereichs Schule. Der Deutsche Gewerkschaftsbund lobte die geplante Oberschule. "Die Hauptschule ist eine Schulform ohne Zukunft", sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock.
Zweite Kehrtwende nach Atomausstieg
Für die CDU ist die Entscheidung eine weitere Kehrtwende nach dem Atomausstieg. Noch beim Landtagswahlkampf für Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr verteidigte die Partei die Hauptschule. Trotz stark rückläufiger Schülerzahlen und großer Skepsis vieler Eltern. Die Hauptschule hatte in den vergangenen Jahren, in einigen Fällen freilich zu Unrecht, den Ruf als Verlierer-Schule bekommen. Auch ein solider Hauptschulabschluss führe oftmals in die Arbeitslosigkeit, so die weit verbreitete Meinung.
Glänzende Ergebnisse in Sachsen
Das neue Konzept orientiert sich aus gutem Grund am sächsischen Vorbild. Der Freistaat schneidet bei den wichtigsten Rankings zum Thema Bildung regelmäßig auf dem besten Platz ab. Beim Bildungsmonitor 2010 setzte sich Sachsen ebenso an die Spitze wie bei den vergangenen Pisa-Vergleichstudien und landete damit vor Bayern und Baden-Württemberg, deren Landesregierungen sich gern ihrer bildungspolitischen Erfolge rühmen.
Und auch ein zweiter Blick in die Ergebnisse lohnt sich. Mehr als zwei Drittel (52% der Mittelschüler, 92% der Gymnasiasten) von sächsischen Neuntklässlern erreichten oder übertrafen bereits in der neunten Klasse das für den Abschluss der zehnten Klasse definierte Niveau. Im Jahr 2008 unterstellten Wissenschaftler Mittelstufenschülern in Sachsen, ihren Altersgenossen im schlecht bewerteten Bremen leistungsmäßig um zwei Schuljahre voraus zu sein.
Oberschule heißt in Sachsen Mittelschule
Sachsen setzt seit Jahrzehnten auf ein zweigliedriges Schulsystem. Von der ersten bis zur vierten Klasse lernen die Kinder gemeinsam auf der Grundschule. Anschließend erhalten sie eine Empfehlung – für die Mittelschule oder das Gymnasium. Auf der Mittelschule stehen den Kindern je nach Leistungsvermögen drei Abschlüssse zur Verfügung: Hauptschulabschluss, qualifzierender Hauptschulabschluss (berechtigt zum Besuch von Berufsfachschulen und Wirtschaftsschulen) und Realschulabschluss. Auf dem Gymnasium erwerben Schüler weiterhin das Abitur.
Sachsen rühmt sich, dass auf den Mittelschulen, die für "allgemeine und berufsvorbereitende Bildung" zuständig sind, viele Möglichkeiten der persönlichen Leistungsförderung bestehen. Das Motto des Bildungsministeriums lautet "Jeder zählt". Inwiefern jedoch wirklich die zweigeteilte Gliederung für den sächsischen Erfolg verantwortlich sein kann, ist unter Experten umstritten.
Chaotischer Schulstreit in NRW
Einheitsschule – das ist und bleibt das Schimpfwort der CDU im Schulstreit mit NRW. Hier plant die rot-grüne Minderheitsregierung eine Gemeinschaftsschule als Variante der Gesamtschulen, die den Schülern aber mehr Möglichkeiten zur Differenzierung bietet. Im Streit bleiben die Fronten verhärtet. "Die Gemeischaftsschule ist für uns auch nicht Teil des integrativen Schulsystems, sondern das ist ganz allein die eingeführte Gesamtschule", sagte der CDU-Schulexperte Thomas Sternberg am Sonntag unserer Redaktion.
Demgegenüber hatte CDU-Generalsekretär Oliver Wittke Mitte des Monats vor Journalisten erklärt, die Union sei bereit, Rot-Grün das integrative Schulsystem mit Gesamt- und Gemeinschaftsschulen zuzugestehen und die entsprechende Änderung des Schulgesetzes mitzutragen. Im Gegenzug müsse die Landesregierung Realschule und Gymnasium in der Verfassung absichern.
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) hatten alle im Landtag vertretenen Parteien zu einem Schulgespräch am vergangenen Freitag eingeladen. Aus Protest dagegen, dass auch die Linkspartei am Tisch saß, war die CDU dem Treffen ferngeblieben. Die FDP lehnte ebenfalls gymnasiale Standards an den Gemeinschaftsschulen ab.
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