Erfolgsfaktor Wohlgefühl: Das Flair von Heiligendamm
VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 07.06.2007 - 23:10Heiligendamm (RPO). Das G-8-Treffen ist ein Musterbeispiel dafür, wie die großen Linien der Politik auch in einer Welt mit vielen demokratischen Staaten letztlich von wenigen gezeichnet werden können – und es entscheidend darauf ankommt, eine Atmosphäre des Vertrauens unter den Chef-Entscheidern zu schaffen, wenn etwas bewegt werden soll. Angela Merkel hat das in Heiligendamm meisterhaft geschafft.
In unserer Fotostrecke (Bildplatz oben rechts) zeigen wir Bilder aus Heiligendamm, wie man sie sonst nur selten zu Gesicht bekommt. Mächtige Politiker - sonst von Sicherheitsleuten abgeschirmt - in lockerem, offenbar vertrauensvollem Umgang miteinander.
Vieles lässt sich planen bei einem solchen Gipfel. Aber Szenen wie diese nicht: Sichtlich gelöst und heiter sitzt George W. Bush, der mächtigste Mann der Welt, an einem einfachen Holztisch am Kurhaus von Heiligendamm. Neben ihm genießt Gastgeberin Angela Merkel die Abendsonne. Bush nippt hin und wieder an seinem (alkoholfreien?) Pils, Merkel bestellt sich bald schon den zweiten Weißwein.
Zu Merkels Linken sitzen Tony Blair und Romano Prodi bei ihrem Bier. An der Stirnseite des Tisches genehmigt sich José Manuel Barroso einen Sekt, während Stephen Harper eine Coke trinkt. Es ist typische Plauderstimmung. Man nickt sich zu, hat erkennbar bestes Einvernehmen. Man versteht sich. Daran ändert sich auch nichts, als die Runde nach und nach immer größer wird, die Stühle auseinander gerückt werden, damit noch mehr Platz nehmen können. Erst Shinzo Abe, dann Nicolas Sarcozy, schließlich Wladimir Putin.
Kenner des politischen Prozesses wissen: Routine kann jeder Stab verwalten. Auch die Feinheiten sind die Sache von Experten. Aber wenn es darum geht, das große Rad zu bewegen, dann kommt es immer wieder auf die Chefs an. Und die können gerade Kniffliges nicht mal eben am Telefon regeln, die müssen auch persönlich den Eindruck gewinnen, dass sie das Richtige tun, wenn sie das Volk in ihrer Heimat mit Veränderungen vertraut machen sollen. Wie etwa, den Klimaschutz, den die „spinnerten“ Europäer immer so wichtig nehmen, nun tatsächlich Chefsache für die ganze Welt werden soll.
Unverhofft gelöst
Dass Angela, George, Tony, Romano, José, Stephen, Shinzo, Nicolas und Wladimir am Abend dieses 7. Juni 2007 derart heiter miteinander umgehen würden und fröhlich plaudernd bald darauf auch noch den Heiligendammer Landungssteg entlangschlendern würden, hätten sie noch vor einer Woche vermutlich selbst nicht vermutet. Sicher trug das Wetter entscheidend dazu bei. Sonnenschein den ganzen Tag. Da ändern sich Stimmungen sowieso.
Seit die Welt in einem Super-Fußball-Sonnen-Sommer zu Gast bei Freunden in Deutschland sein konnte, kennt man die Zutaten, damit aus einer Weltmeisterschaft ein Sommermärchen wird. Ein eisig kalter verregneter Donnerstag an der Ostsee hätte zwar die immensen Vorbereitungen der Gipfel-Diplomatie nicht entscheidend torpedieren können, aber das letzte Quentchen zum Sprung über die selbst gesetzten Linien wäre wohl weniger beherzt ausgefallen.
Die Auswahl der Lokalitäten trug sicherlich dazu bei. Denn kaum hatte Merkel am Mittwoch mit allen anreisenden Gästen in Einzelgesprächen letzte Anstrengungen für ihre Herzensanliegen an der Klimaschutz-Front geführt, lud sie nicht etwa in dem Fünf-Sterne-Ambiente von Heiligendamm zum Begrüßungs-Dinner, sondern reiste mit den Herren und ihren Damen ins alte Gut Hohen Luckow. In dem 300 Jahre alten Gittersaal war trotz seiner Größe kein Platz für steife Distanz. Die Botschaft kam an: Herzlich und freundschaftlich soll es an diesen drei Tagen von Heiligendamm zugehen.
Eiszeitbrecher Mecklenburg
Man kennt es von Helmut Kohl und Michael Gorbatschow. Erst als sich die beiden persönlich näher kamen und gegenseitiges Vertrauen aufbauen konnten, ließen sich die gewaltigen sowjetischen Hindernisse auf dem Weg zur deutschen Einheit beiseite räumen. Dass Merkel, ursprünglich mal Kohls „Mädchen“, auch auf diesem Gebiet viel von ihrem einstigen Gönner gelernt hat, konnte sie letzten Sommer bereits beim Wildschweinessen in Trinwillershagen beweisen, als sie die unter Vorgänger Gerhard Schröder entstandene Eiszeit in den deutsch-amerikanischen Beziehungen vollständig schmelzen ließ.
Nun also wieder Mecklenburg-Vorpommern. Als Merkel noch nicht ahnen konnte, dass ihr am Donnerstag der Durchbruch beim Klimaschutz gelingen würde, klang ihre Einschätzung der lokalen Bedingungen noch wie ein Appell: „Meeresluft ist klare Luft. Die ordnet die Gedanken und konzentriert sie vielleicht ein bisschen auf das Wesentliche.“ Das „Bisschen“ ist typisch für Merkel. Sie nimmt sich bei ihren Vorstößen verbal gerne zurück. Zeigt aber in der Sache um so mehr Hartnäckigkeit.
In Heiligendamm war am Donnerstag Morgen auch schon zu besichtigen, wie die einzelnen Gipfelteilnehmer persönlich „drauf“ sind. Während sich die Gäste ansonsten mit den zum Areal gehörenden Caddys von der Unterkunft zu ihren ersten Terminen chauffieren ließen, setzte sich Putin selbst ans Steuer und gab Gas. Wenig später überraschte er Bush und die Welt mit seinem Vorstoß, die anti-iranische Raketenabwehr gemeinsam auf die Beine zu stellen. Noch in München hatte Putin bei der Sicherheitskonferenz im Februar den Kalten Krieger gegeben, in Heiligendamm erlebte die internationale Gemeinschaft den Russen vier Monate später als konstruktiven Problemlöser.
Möglicherweise ist es ja auch der von einem solchen Treffen schon im Vorfeld ausgehende Druck, bei einem solchen Ereignis, das auf Anfeindungen bei Hunderttausenden trifft und Erwartungen bei Millionen hervorruft, nicht mit leeren Händen erscheinen zu können. Und wenn dann auch noch die zwischenmenschliche „Chemie“ ins Spiel kommt, entdecken die Mächtigen dieser Welt erst Recht, dass „Wachstum und Verantwortung“ nicht einfach nur eine inhaltsleere Motto-Floskel bleiben kann.
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