Schauspieler Walter Sittler: Das Gesicht des Widerstands
VON NILS DIETRICH - zuletzt aktualisiert: 13.09.2010 - 12:47Düsseldorf (RPO). Die Proteste gegen "Stuttgart 21" nehmen an Kraft zu. Das ist auch Walter Sittlers Verdienst: Der Schauspieler ist die Identifikationsfigur der S21-Gegner. Der Mann, der sonst eher für leichte TV-Rollen bekannt ist, nimmt seine Sache ernst. Der "Schwabenstreich" war seine Idee. Seine Anhänger wünschen sich, dass Sittler in die Politik wechselt.
Ob in den TV-Serien "Girlfriends" oder "Nikola": Häufig spielt Walter Sittler den leicht tollpatschigen Womanizer. Dass es sich dabei nur um eine Rolle handelt, war am Sonntagabend in der ARD zu sehen. Da war der Schauspieler bei "Anne Will" zu Gast. Das Thema lautete "Bürger auf den Barrikaden - Politik am Volk vorbei?" - und Sittler zeigte, dass er im Gegensatz zu mancher seiner TV-Rollen durchaus hart in der Sache sein kann.
Dass Sittler in der Sendung die Bürger repräsentierte, war kein Zufall. Seit über einem Jahr engagiert er sich an vorderster Front im Widerstand gegen den umstrittenen Neubau des Stuttgarter Bahnhofs. Bei Anne Will sprach er aber nicht nur über das Projekt, für das er seine Popularität gezielt einsetzt. Die Proteste gegen Stuttgart 21 gelten ihm auch als Zeichen für die schleichende Entfremdung von Politik und den Bürgern.
Sittler sieht ein grundsätzliches Problem im Verhältnis von Politikern und der Bevölkerung: Viele Bürger hätten das "Gefühl, ihnen wird ein X für ein U verkauft". In Stuttgart soll der Kopfbahnhof durch einen unterirdischen Durchgangsbahnhof ersetzt werden - das Projekt kostet nach derzeitigem Stand 4,1 Milliarden Euro und ist damit deutlich teurer als ursprünglich veranschlagt. Im August rollten die ersten Bagger, der Protest fand einen neuen Höhepunkt.
Sittler moniert nicht nur die seiner Ansicht nach unverhältnismäßig hohen Kosten des Projekts, sondern moniert den grundsätzlichen Stil der Verantwortlichen: "Man möchte von den Politikern erfahren, dass sie eine gewisse politische Ethik haben. Ich verlange eine gewisse Ehrlichkeit – ich verlange keine Heiligen. Aber diese Ehrlichkeit scheint es in einigen Projekten nicht mehr zu geben."
In Stuttgart ist Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) im Fadenkreuz der Kritiker. Der wollte ursprünglich eine Bürgerbefragung zulassen, wenn das Projekt teurer werden sollte als geplant. 2007 wollte er davon aber nichts mehr wissen. "Im konkreten Fall schöpfen die Regierenden ihre Möglichkeiten so weit aus, dass man das Gefühl hat, sie wollen gar nicht mehr zuhören", sagte Sittler kürzlich der "Stuttgarter Zeitung".
2009 wurde es Sittler schließlich zu viel. Damals war der Zeitpunkt gekommen, an dem man nicht mehr nur dagegen sein konnte, sondern auch mitmachen musste, wie der dreifache Vater sagt. Seither mischt Sittler kräftig mit, gibt nicht nur seinen Namen für die Sache her.
Der 1,94-Meter-Mann mit dem markanten Hut ist bei den Protesten nicht selten in der vordersten Reihe zu finden. Der so genannte Schwabenstreich, bei dem die Stuttgarter täglich um 19 Uhr für eine Minute lang gegen Stuttgart 21 anpfeifen, schreien oder klatschen, ist seine Idee gewesen.
Dabei ist Stuttgart nur Sittlers Wahlheimat, auch wenn er hier schon seit 22 Jahren wohnt. Der 57-Jährige wurde in Chicago als jüngstes von acht Kindern eines US-amerikanischen Literaturprofessors und seiner deutschen Frau geboren. Im Alter von sechs Jahren kam er nach Deutschland, wo er unter anderem im Vorzeige-Internat Salem aufwuchs. Über Umwege gelangte er zur Schauspielerei, seit Mitte der 90er Jahre ist er einem größeren Publikum durch seine Fernsehrollen an der Seite von Mariele Millowitsch bekannt.
Durch seine prominente Funktion bei Stuttgart 21 wird der "smarte Krawallmacher" ("Südkurier") nun immer häufiger gefragt, ob er nicht das Fach wechseln wolle. Viele könnten ihn sich gut als Oberbürgermeister der Schwaben-Metropole vorstellen. Einen Ausflug in die Politik hat er bereits gemacht: 2009 und in diesem Jahr saß er für die SPD in Bundesversammlung. Dabei möchte Sittler es auch belassen.
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