Nahrungsmittelsicherheit auf dem G-8-Gipfel: Das globale Monopoly
VON NILS DIETRICH - zuletzt aktualisiert: 10.07.2009 - 15:00L’Aquila (RPO). Der Klimawandel und die Wirtschaftskrise sind die dominierenden Themen des G8-Gipfels in L’Aquila. Erst am Freitag ist mit der weltweiten Nahrungsmittelsicherheit ein brisanter Punkt auf der Agenda: China und die Golfstaaten, aber auch europäische Unternehmen schaffen sich im großen Stil Zugang zu landwirtschaftlichen Anbauflächen in Entwicklungsländern. Dieses Vorgehen birgt sozialen und ökologischen Sprengstoff.
Es ist ruhig geworden in Madagaskars Hauptstadt Antananarivo. Die Schulen sind wieder geöffnet, Menschen kehren an ihre Arbeitsplätze zurück, der Luftverkehr hat sich normalisiert. Im letzten März zeigten die Abendnachrichten andere Bilder von dem bettelarmen Inselstaat: Blutige Unruhen auf der Straße, das Militär putschte Präsident Marc Ravalomanana aus dem Amt. Ein Geschäft mit dem südkoreanischen Mischkonzern Daewoo brachte den Volkszorn zum Überkochen.
Der Politiker wollte 1,3 Millionen Hektar, die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche der viertgrößten Insel der Welt, an die Asiaten verpachten. Die planten den Anbau von Getreide und Palmöl und versprachen im Gegenzug milliardenschwere Investitionen. Allerdings ist Madagaskar selbst auf Nahrungsmittelimporte angewiesen.
Explosive Mischung
„Es ist problematisch, wenn eine wackelige, nicht besonders demokratische gesinnte Regierung solche Verträge zwischen Staaten oder Staat und Investor abschließt, ohne Transparenz, ohne Konsultation der Bevölkerung. Das ist immer eine ganz explosive Mischung“, erklärt Michael Brüntrup vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik. Dabei ist Madagaskar kein Einzelfall. China wollte sich in Mosambik Landflächen sichern und diese von 10.000 importierten Landsleuten bewirtschaften lassen. Nach Protesten der Bevölkerung scheiterte das Geschäft. Die Philippinen ließen ebenfalls einen Deal platzen.
In anderen Ländern agieren Akteure wie China, Saudi-Arabien, Katar, Südkorea oder Indien hingegen weitestgehend geräuschlos – oder, je nach Lesart, im Verborgenen. Ihre Investitionsziele sind vor allem Staaten, in denen nicht viele Fragen gestellt werden: Sudan, Äthiopien oder Kasachstan. Kritiker sprechen bereits von einer „neuen Form des Kolonialismus“.
Die Dimension der Investitionen ist gigantisch: Nach einer Schätzung des International Food Policy Research Institute (Ifpri) in Washington wechselten seit 2006 zwischen 15 und 20 Millionen Hektar Land den Besitzer. Dabei steht die Entwicklung erst am Anfang. Bereits 2003 stellte die UN-Welternährungsorganisation FAO fest, dass zur Versorgung der Weltbevölkerung bis 2030 zusätzliche 120 Millionen Hektar Anbaufläche notwendig sein werden.
Landnahme mit Folgen
Vor allem die gestiegenen Nahrungsmittelpreise und die zunehmende Verstädterung sind Auslöser des globalen Wettlaufs um die günstigen Agrarflächen, vornehmlich in Afrika und Asien. „In vielen Ländern gab es im Zuge der Nahrungskrise Exportbeschränkungen, die die auf dem internationalen Markt verfügbaren Güter verknappt haben. Deswegen hat sich eine Vielzahl von Staaten dazu entschieden, sich nicht nur auf den Ankauf dieser Stoffe auf den internationalen Märkten zu verlassen und selbst Nahrungsmittel zu produzieren“, sagt Ruth Meinzen-Dick vom Ifpri. Aber auch die veränderten Ernährungsgewohnheiten spielen eine Rolle. Immer mehr Menschen können sich Fleisch leisten, aber die Produktion von einem Kilo Rindfleisch verschlingt beispielsweise sieben Kilo Getreide.
Die Folgen des sogenannten „Land-Grabbing“ (Landnahme) sind vielfältig. „Viele Länder haben genug Probleme, sich selbst mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Wenn nun Nahrungsmittel in reiche Länder exportiert werden, kann dies zu weiteren Problemen führen“, fügt die Expertin an. Speziell in Afrika ist die Situation undurchsichtig. Oftmals bewirtschaften die Menschen Landflächen zur Selbstversorgung, doch vor Vertreibung sind sie nicht geschützt. In der Regel gehört das Land dem Staat, die Nutzung erfolgt nur auf Basis eines Gewohnheitsrechts. Das wirft nach Ansicht von Meinzen-Dick Fragen auf: „Was passiert mit den Menschen, die das gekaufte oder gepachtete Land vorher benutzt haben? Werden sie von der Nutzung ausgeschlossen oder durch den Investor in irgendeiner Form mit einbezogen?“
In dem globalen Monopoly spielen aber nicht nur Staaten, sondern auch Unternehmen und private Investoren mit – zum Teil aus Deutschland. Die zunehmende Beliebtheit von Biokraftstoffen treibt Amerikaner und vor allem Europäer in die Länder südlich der Sahara. Eines dieser Unternehmen ist die börsennotierte Flora Eco Power aus München, die auf dem Land Grabbing-Index des Ifpri steht. Auf Anfrage wollte der Biofuel-Produzent zu den Aktivitäten in Afrika keine Stellung nehmen.
Deutsche Unternehmen mischen mit
Flora Eco Power lässt u. a. in Madagaskar und Äthiopien Castor- und Jatropha-Pflanzen anbauen. Auf der Unternehmenswebsite werden ethische Standards propagiert: Die Bevölkerung werde mit Wasser versorgt und es würden keine Flächen in Anspruch genommen, die vorher für die Nahrungsmittelproduktion genutzt wurden. Dieses Argument lässt Brüntrup nicht gelten: „In Afrika gibt es Nutzungsrechte für Vieh, die Weiden brauchen, für Frauen, die Holz oder andere Forstprodukte sammeln – die werden sehr oft vergessen. Für die muss ein Ausgleich geschaffen werden.“
Die Wahrung der Biodiversität ist ein weiteres Thema. Die Naturschutzorganisation Pro Wildlife berichtete 2007, dass Flora Eco Power angeblich im großen Stil Buschland planiert habe und in ein Schutzgebiet für seltene Elefanten vorgedrungen sei. Der Anbau in Afrika ist ein heikles Thema – selbst große Konzerne wie die britische Sun Biofuels oder D1-BP Fuel Crops Limited, ein Joint Venture von BP und D1 Oils, geben sich bezüglich ihrer genauen Geschäftspraktiken wortkarg.
Dabei müssen die ausländischen Direktinvestitionen in Afrika nicht grundsätzlich schlecht sein. „Es geht darum, wie diese Deals gemacht werden. Sowohl der Investor als auch die Leute müssen davon profitieren“, sagt Meinzen-Dick. Die deutsche Prokon Unternehmensgruppe produziert in Tansania Biokraftstoffe und setzt diese vor Ort ab. Doch es wurden keine Ländereien gekauft oder gepachtet. Der Vertragsanbau, das „Contract-Farming“ ist scheinbar eine funktionierende Alternative. Die Bauern der Region können die ungenießbaren Jatropha-Pflanzen in Mischkulturen parallel zu den übrigen Feldfrüchten anbauen.
Marktzugang für kleine Bauern
Die Konditionen sind - und das ist keine Selbstverständlichkeit - transparent. „Wir haben uns verpflichtet, alles, was produziert wird, zu einem marktgängigen Preis abzunehmen. Wir zahlen mindestens 80 Prozent des Weltmarktpreises, das haben wir mit der Distriktverwaltung vereinbart“, beschreibt Prokon-Geschäftsführer Lorenz Kirchner das Vorgehen. Sein Ziel: „Wir wollen ein Geschäft machen – und das heißt, dass beide Seiten etwas davon haben.“
„Das ist der beste und sicherste Weg für kleine Bauern, an Produktionsmittel und einen Marktzugang zu kommen“, sagt Brüntrup. Zudem besteht die Möglichkeit, über die reine Selbstversorgung hinaus ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Immerhin sei der jetzige Preisanstieg genau das, was Agrarökonomen seit langem fordern, denn dadurch lohnten sich Investitionen in die Landwirtschaft erst: „Das passiert jetzt, und nun sieht man, dass dies auch Probleme verursacht. Es ist nicht nur eine Chance, sondern auch ein Risiko.“
Der Handlungsdruck und damit auch das Risiko wird in Zukunft steigen. Immerhin springen inzwischen Spekulanten, Banken und private Investoren auf den fahrenden Zug auf. Der Agrarexperte Detlef Schön von dem Investmenthaus Aquila Capital, das u. a. in Brasilien nachhaltig investiert, prognostiziert einen Investitionswettlauf um die strategische Ressource Land: "Irgendwann hat jeder die gleiche Analyse vollzogen und ist zu dem Schluss gekommen, dass mit Wasser versorgte Agrarflächen knapp werden. Wir können den Planeten nicht aufblasen, und es werden jede Stunde 9000 mehr Leute - da bietet es sich an, sich die Ressourcen zu sichern."
Trotzdem oder gerade deswegen kommt das Thema beim G8-Gipfel auf den Tisch. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur AFP sollen einheitliche Richtlinien, aber keine verbindlichen Regelungen für das Pachten und den Erwerb von Landflächen erarbeitet werden. Das Ifpri fordert bereits seit einiger Zeit einen solchen Code of Conduct, der die Wahrung der Menschenrechte und vor allem Transparenz sichern soll. Brüntrup ist skeptisch: „Ich habe das Gefühl, verbindliche Standards werden sich nicht durchsetzen lassen können.“
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum