Der Bundeskanzlerpräsident (II): Das Muster seines Lebens
VON SVEN GÖSMANN - zuletzt aktualisiert: 23.12.2008 - 08:05Düsseldorf (RP). Schon früh erschuf er für sich das Format des tatkräftigen Machers. Formal war er nicht zuständig, 1962 bei der großen Sturmflut in Hamburg, griff aber nach den Kompetenzen: „Es gab Verwirrung, unklare Anweisungen, niemand wollte Verantwortung übernehmen.“ Nur Schmidt.
Das blieb das Muster seines Lebens. Er drängte sich nicht, er drängelte nicht, aber er beobachtete aufmerksam und war zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle. Dem populären Willy Brandt überließ er die erste sozialdemokratische Kanzlerschaft, früh überzeugt, dass dieser scheitern könnte. 1974 war dann seine Stunde gekommen. Fraktionschef Herbert Wehner sagte nur knapp: „Du musst das machen.“
War er auch ein großer Kanzler?
Schmidt war der erste „ernste Mann für ernste Zeiten“. War er ein großer Kanzler? Als er 1982 nach acht Jahren abtrat, war er das jedenfalls nur im Urteil weniger. Heute gewinnt der einstige „leitende Angestellte der Bundesrepublik“ (Selbstcharakterisierung) in jedem Sender jede Wahl zum Staatsmann des Jahrhunderts.
Längst vergessen, gab es auch eine große Erleichterung in der schon damals notorisch oppositionssüchtigen SPD. Schmidt hatte in der Frage der Nato-Nachrüstung gegen den linken Friedenskurs seiner Partei regiert. Es war der Höhepunkt seiner Entfremdung mit den Linken in seiner Partei und in der Gesellschaft.
Er ist auch eingeknickt
Der späte Schmidt wurde so etwas wie der Taufpate der Grünen. Sein heute gern zitierter Satz „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ bedeutete für die Generation, die dem Visionär Willy Brandt in die Politik und in die SPD gefolgt war, die Aufgabe des Zukunftsversprechens von Politik.
In vielen sozialen Fragen knickte der selbst ernannte Macher Schmidt dagegen häufiger ein, als es vielen heute bewusst ist. Den Ausbau des Sozialstaates, der zu Staatsverschuldung und Bürokratisierung führte, stoppte er nicht. Sein wirtschaftliches Credo „Fünf Prozent Inflation sind leichter zu ertragen als fünf Prozent Arbeitslosigkeit“ klang gut, führte aber letztlich zu beidem.
Als Schmidt weinte
Sein größter Verdienst bleibt, das Land durch die Stürme des Deutschen Herbstes geführt zu haben. Im Fall der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer durch die RAF blieb Schmidt unnachgiebig. Mit der Befreiung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ 1977 aus der Hand ihrer palästinensisch-deutschen Entführerbande zeigte Schmidt die Stärke der wehrhaften Demokratie. „Hätte es Tote auf unserer Seite gegeben, wäre ich sofort zurückgetreten.“
Der Hanseat, der Gefühle selten zeigt, weinte, als ihm sein Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski telefonisch die Nachricht von der glücklichen Befreiung aus Mogadischu überbrachte. Doch Schleyer wurde ermordet. Das empfindet Schmidt als Schatten auf seiner Lebensgeschichte.
"Staatsschauspieler"
Der intensivste Moment des Doku-Dramas „Todesspiel“ ist jener, in dem der Filmemacher Heinrich Breloer Schmidt nach Schleyer fragt. Schmidt schweigt für das Fernsehen kaum erträgliche 15, 20 Sekunden lang. Er zaudert, er hadert. Das geht ihm wohl bis heute so. Irgendwann dann hat er sich für diese Frage eine längere, konsequente Aussage zur Wichtigkeit der Einhaltung von Staatsräson zurechtgelegt.
Es kommt so gut wie nie vor, dass Schmidt sich bei Gefühligkeit erwischen lässt. Schon seine frühen politischen Gegner meinten ihre Bewunderung für seine „Darstellungskünste als Staatsschauspieler“ (Franz Josef Strauß) zwar abwertend, verrieten gleichzeitig aber auch ihren Neid.
Medienkanzler noch vor Schröder
Schmidt war schon ein Medienkanzler, als Gerhard Schröder noch als linker Anwalt in Hannover Kommunisten vor dem Berufsverbot bewahrte. Er war sich auch für Populäres nicht zu schade. Seine Forderung nach dem fernsehfreien Sonntag traf ebenso die Gemütslage eines bürgerlichen Publikums wie seine Auftritte als Pianist mit Mozartwerken und mit seinem Literatenfreund Siegfried Lenz.
Gleichzeitig stilisierte Schmidt seine kleinbürgerliche Lebensgestaltung zum Gegenentwurf aller Moden und Zeitgeist-Nachläufer. Der bescheidene Bungalow in Hamburg-Langenhorn, von dem der ihn besuchende sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew nicht glauben wollte, dass die Deutschen ihren Regierungschef wirklich so wohnen lassen, die Prinz-Heinrich-Mütze rundeten dieses Bild ab.
Schmidts Hartnäckigkeit in Fragen der Bildung wie seine harte Haltung gegenüber Linken, das Zelebrieren seines volkswirtschaftlichen Sachverstands machten ihn auch für bürgerliche Kreise wählbar.
Warum Schmidt in seine Partei immer ein Fremdkörper geblieben ist, er auf Helmut Kohl nur mitleidig herabsah und wer bei den Schachpartien mit Steinbrück am häufigsten gewinnt - >>>hier kommen Sie zu Teil drei.
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