CDU-Politiker starb vor 20 Jahren: Das Mysterium Barschel
VON ANDRÉ SCHALL - zuletzt aktualisiert: 10.10.2007 - 21:36Düsseldorf (RPO). Vor 20 Jahren wurde Uwe Barschel, langjähriger Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, tot im Genfer Hotel "Beau-Rivage" aufgefunden. Seitdem ranken sich Gerüchte und Theorien um den angeblichen Selbstmord des CDU-Politikers. Sogar von einem Attentat der Stasi ist die Rede.
"Bitte nicht stören" stand auf dem Schild geschrieben, das an der Tür von Hotelzimmer 317 hing. Weil der Raum aber unverschlossen war, betrat "Stern"-Reporter Sebastian Knauer am 11. Oktober 1987 um 12:43 Uhr die Suite.
Als der Journalist den abgedunkelten Raum durchschritt und die Tür zum Badezimmer öffnete, erwartete ihn ein schlimmer Anblick. Uwe Barschel lag leblos in der mit Wasser gefüllten Wanne.
Wenige Tage zuvor hatte Barschel sein Amt als Landesfürst von Schleswig-Holstein verloren, weil ihm angeblich nachgewiesen wurde, an einer Schmutzkampagne gegen seinen Konkurrenten Björn Enholm beteiligt gewesen zu sein. Dies zumindest hatte Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer dem "Spiegel" unter Eid versichert und damit für den Höhepunkt einer beispiellosen Polit-Affäre gesorgt.
Keine Anzeichen für Fremdeinwirkung
Glaubwürdigkeit weg, Posten weg - kein Wunder, dass die Medien sofort spekulierten, Barschel habe aus Frust Selbstmord begangen. Die Ermittlungsergebnisse der Genfer Polizei zumindest stützten diese These. Die Beamten hatten keinerlei Anzeichen für Fremdverschulden gefunden. Bei der Obduktion entdeckten Mediziner das Medikament Cyclobarbital in tödlicher Dosis und nahmen an, Barschel habe sich die Substanz selbst verabreicht.
Es dauerte bis 1994, ehe Lübecker Staatsanwälte wegen eines Verdachts des Mordes Ermittlungen einleiteten. Sie zogen einen Züricher Toxikologen zu Rate, der zu dem Schluss kam, es sei sehr unwahrscheinlich, dass Barschel zum Zeitpunkt der Verabreichung des Medikaments noch handlungsfähig gewesen sei.
Plötzlich stellte sich die Sachlage anders dar. Wenn Barschel das Medikament nicht selbst eingenommen hatte, wer verabreichte es ihm dann? Ein Schluss drängte sich auf: Barschel konnte zum Zeitpunkt seines Ablebens nicht allein im Zimmer gewesen sein.
Theorie des "zweiten Manns"
Für einen "zweiten Mann" sprachen weitere Anhaltspunkte. Im Gesamt-Bericht des Verfahrens wurde erläutert, dass in einer Whisky-Flasche im Zimmer verdünnter Alkohol entdeckt wurde - sie hätte also ausgespült worden sein können.
Der Akte zufolge wies Barschel zudem ein Hämatom auf der rechten Stirnseite auf, das eine Gewalteinwirkung nahelegte. Im Flur wurde ein abgerissener Hemdknopf gefunden - die Ermittler hatten zunächst angenommen, Barschel habe ihn selbst abgerissen.
Weicht man von der mehrheitlich vertretenen Selbstmord-These ab, bleibt die Frage nach dem Täter. Der Bundesnachrichtendienst versorgte die Staatsanwaltschaft mit Informationen, nach denen das DDR-Ministerium für Staatssicherheit am Tode Barschels interessiert gewesen sei. Hatte die berüchtigte Stasi-Spezialeinheit "Arbeitsgruppe des Ministers/Sonderfragen" vielleicht ihre Finger im Spiel?
Mindestens 19 Mal reiste Barschel in die DDR. Dort nächtigte er im Hotel "Neptun", wo er angeblich neben jungen Frauen auch Stasi-Mitarbeiter traf. Mit denen soll der Politiker Waffengeschäfte in Länder geplant haben, die mit einem Embargo sanktioniert worden waren.
Auch Geheimdienste unter Verdacht
Auch andere Geheimdienste werden verdächtigt, am Tod Barschels beteiligt gewesen zu sein. Der Waffenhändler Dirk Stoffberg gab zu Protokoll, Robert Gates, später CIA-Chef und heute Verteidigungsminister der USA, habe Barschel nach Genf bestellt. Angeblich habe Barschel als Vermittler von Nukleartechnologie an den Iran und Irak fungiert, und sei deshalb zum Rapport gebeten worden.
Gerade als Stoffberg diesbezüglich eine eidesstattliche Erklärung unterschreiben wollte, starb er am 20. Juni 1994 mit seiner Freundin unter mysteriösen Umständen. Die offizielle Version: Selbstmord.
Das hielt die Lübecker Staatsanwälte nicht davon ab, weitere Ermittlungen anzustellen. Sie entdeckten Merkwürdiges: Tatsächlich habe ein Herr Gates beispielsweise am 6. Juni 1987 in derselben Lufthansa-Maschine wie Barschel gesessen. Der amerikanische Auslands-Geheimdienst bestritt jedoch, dass es sich bei dieser Person um Robert Gates handelte.
Die Ermittler gerieten in eine Sackgasse, aus der es bis heute keinen Ausweg gibt. Nicht zuletzt deshalb, weil wichtige Zeugen wie etwa der von Barschels Bruder Eike angestellte Privatdetektiv Jean-Jaques Griessen unter mysteriösen Umständen (Herztod bei einer Züricher Prostituierten) starben.
Der Fall Barschel beschäftigt auch 20 Jahre später die Öffentlichkeit. Die Bundesanwaltschaft erteilte der Familie Barschel, die eine Neuauflage der Emittlungen gefordert hatte, jetzt eine Absage. Das Verfahren werde nicht neu aufgerollt. Die Behörde sehe keinen Anlass, so die Begründung.
In unserer Aufstellung rechts oben stellen wir einmal die Mord-Theorie der Selbstmord-Theorie gegenüber.
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