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Mauerfall Panorama 9. November
  Foto: RPO
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43 Momente des 9. November 1989: Das Protokoll des Mauerfalls

VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 08.11.2009 - 22:43

Düsseldorf (RP). Es ist 19.02 Uhr am 9. November 1989, als die Nachrichtenagentur Reuters meldet, die Ausreise über alle DDR-Grenzübergänge sei ab sofort möglich. In dieser Nacht stürmen Tausende West- und Ost-Berliner die Mauer am Brandenburger Tor. Und feiern die neue Freiheit. Das Protokoll eines wahrhaft historischen Tages.

8 Uhr, Auffanglager Wackersdorf, Bayern Die 19-jährige DDR-Jungschauspielerin Anja Kling und ihre Schwester Gerrit, die mit ihren Freunden am 3. November über die tschechische Grenze nach Westdeutschland geflohen sind, werden zu einem Aufnahmegespräch nach Schwandorf gefahren. Dort werden sie 14 Stunden in der Schlange stehen. Jede von ihnen wird am Ende dieses Tages gerade 100 Mark Begrüßungsgeld und 150 Mark Friedlandhilfe erhalten haben, als sie hören, dass die Mauer offen ist.

9 Uhr, Bonn Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) eröffnet die 174. Sitzung des Deutschen Bundestags. Auf der Tagesordnung stehen unter anderem die Reform der Rentenversicherung, eine Befragung der Bundesregierung zur Situation in den Aufnahmelagern für die DDR-Flüchtlinge, die sich seit dem Sommer in allen westdeutschen Städten füllen, und eine aktuelle Stunde zur Schätzung der Getreideernte in der Europäischen Gemeinschaft.

9.30 Uhr, Ost-Berlin, DDR-Innenministerium Vier Ministeriums- und Stasimitarbeiter entwerfen für das Politbüro der SED eine neue Ausreisereiseregelung. Gerhard Lauter, Oberst der Volkspolizei, drängt darauf, nicht nur die ständige Ausreise, sondern auch „Privatreisen“ zu erlauben, um nicht noch mehr DDR-Bürger zum dauerhaften Verlassen der DDR zu treiben. Stasi und Innenministerium schwebt vor, dass dazu Anträge bei den Volkspolizeikreisämtern gestellt werden müssen. Mit einem Ansturm direkt auf die Grenzübergänge rechnen sie nicht.

10 Uhr, Ost-Berlin Das SED-Zentralkomitees tagt. Gegen Mittag segnen Mitglieder des Politbüros in einer Raucherpause den Entwurf Gerhard Lauters ab. Das Papier wird an den Ministerrat geschickt.

14.30 Uhr, Ost-Berlin SED-Generalsekretär Egon Krenz trifft sich mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau. Themen des Gesprächs, über das Rau anschließend auf einer Pressekonferenz berichtet, sind die Flüchtlingsprobleme, Ausreiseregelungen und freie Wahlen in der DDR. Seine Vorstellungen und die von Krenz darüber, was freie Wahlen sind, lägen noch deutlich auseinander, so Rau. Die für den nächsten Tag geplante Ausreiseregelung ist kein Thema. Anschließend reist Rau nach Leipzig weiter, wo er am Abend im Rathaus die „NRW-Kulturwochen“ eröffnen wird.

16 Uhr, Ost-Berlin Egon Krenz liest im SED-Zentralkomitee die Reiseregelung vor. Günter Schabowski, der die Regelung für den 10. November bekannt geben soll, ist nicht anwesend. Gegen 17.30 Uhr erhält er die Beschluss-Vorlage des Ministerrats und die Presseerklärung von Krenz. Krenz wird später behaupten, er sei natürlich davon ausgegangen, dass Schabowski die Pressemitteilung kenne, die er verlese.

18 Uhr, Ost-Berlin Die Pressekonferenz des Zentralkomitees der SED mit Günter Schabowski beginnt. Riccardo Ehrman, für die italienische Nachrichtenagentur Ansa als Korrespondent in Ost-Berlin tätig, kurvt auf der Suche nach einem Parkplatz entnervt um das Pressezentrum an der Mohrenstraße. Weil er zu spät ist und keinen Platz mehr im Kinosaal bekommt, hockt der 60-Jährige vor dem Podium zu Füßen Schabowskis, der ihn fast eine Stunde ignoriert, bevor er „unserem italienischen Freund“ das Wort für die entscheidende Frage erteilt.

18.30 Uhr, Warschau Bundeskanzler Helmut Kohl ist seit dem Nachmittag zu einem Staatsbesuch in Polen. 250 Bonner Journalisten sind angereist, Kohl selbst wird von 148 Personen begleitet. Kurz vor dem offiziellen Bankett trifft er mit Arbeiterführer Lech Walesa zusammen. Der Solidarnosc-Chef prophezeit dem Kanzler, dass die Mauer „in ein bis zwei Wochen“ gefallen sein wird.

18.53 Uhr, Ost-Berlin Der Journalist Riccardo Ehrman wird endlich seine Frage an Schabowski los: „War der Reisegesetzentwurf vor ein paar Tagen nicht ein Fehler?“ Schabowski stottert herum, die Journalisten horchen erst auf, als er sagt: „...haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergänge der DDR auszureisen.“ Erst dann liest er den Entwurf vor, den Krenz ihm gegeben hat, und verkündet die Reisefreiheit. Der „Bild“-Reporter Peter Brinkmann fragt nach, wann die Regelung in Kraft treten soll. Schabowski: „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich.“

18.57 Uhr, Ost-Berlin, Grenzübergang Bornholmer Straße Stasi-Oberstleutnant Harald Jäger verfolgt die Pressekonferenz in der Kantine: „Das ist doch geistiger Dünnschiss“, sagt Jäger. Wenige Minuten später stehen die ersten DDR-Bürger am Grenzübergang.

19 Uhr, Mainz Das ZDF beginnt seine „heute“-Nachrichten mit dem Appell von Bundesinnenminister Schäuble (CDU), den Schritt zur Ausreise sorgfältig zu überlegen. Der Städtetag will sogar mit der DDR darüber verhandeln, wie der Flüchtlingsstrom gestoppt werden kann. Dann geht es um die Rentendebatte im Bundestag. Erst an dritter Stelle kommt die Schabowski-Meldung, das ZDF spielt das Vorlesen des Zettels ein. Und danach geht es, als ob nichts wäre, weiter mit Meldungen.

19.02 Uhr, Bonn Die Nachrichtenagentur Reuters meldet: „Ausreise über alle DDR-Grenzübergänge ab sofort möglich.“ DPA tickert die Nachricht um 19.04 Uhr.

19.08 Uhr, West-Berlin Der Chefredakteur der Berliner Morgenpost lässt durch eine Sekretärin einem anrufenden Journalisten ausrichten, es sei Unsinn, an der Mauer auf Ost-Berliner zu warten. Vor morgen früh 8 Uhr tue sich gar nichts. Das habe ihm der Regierende Bürgermeister Walter Momper (SPD) eben noch versichert. Mit dem Fall der Mauer rechnet am 9.November im Springer-Hochhaus niemand. Der Verlag verleiht an diesem Abend „Das goldene Lenkrad“ für neue Automodelle. Als Momper von einem Sicherheitsbeamten über die Schabowski-Pressekonferenz informiert wird, verabschiedet er sich bei Friede Springer mit der Begründung, dass die DDR die Mauer aufmachen würde. Er erntet ungläubiges Lächeln.

19.10 Uhr, Ost-Berlin An der Schönhauser Allee hat auch eine 35-Jährige die Schabowski-Übertragung im DDR-Fernsehen gesehen und ruft ihre Mutter an: „Mama, wenn die Mauer fällt, dann gehen wir in West-Berlin im Kempinski Austern essen.“ Doch noch ist ihr das alles zu ungewiss. Sie fährt zum Prenzlauer Berg, wo sie sich im Schwimmbad im Ernst-Thälmann-Park jeden Donnerstag mit einer Freundin zur Sauna trifft. Hinterher gibt es ein Pils in der Kneipe „Zur alten Gaslaterne“. Aus dem Radio erfährt sie, dass die Mauer jetzt wirklich offen ist. Sie geht wie so viele zum Grenzübergang Bornholmer Straße und unternimmt einen ersten Ausflug in den Wedding. Ihr Name: Angela Merkel.

19.35 Uhr, West-Berlin Der Regierende Bürgermeister Walter Momper hat sich mit Blaulicht zum Sender Freies Berlin fahren lassen und erklärt jetzt in der Berliner „Abendschau“ die neue Reiseregelung. „Die Grenze wird uns nicht mehr trennen“, sagt Momper, setzt aber hinzu: „Praktisch ab morgen geht es los!“ Zu diesem Zeitpunkt glaubt Momper offenbar immer noch nicht, dass die Mauer an diesem Abend fällt.

19.41 Uhr, Bonn Die Deutsche Presseagentur legt nach. Jetzt heißt es bei ihr: „Die DDR-Grenze zur Bundesrepublik und nach West-Berlin ist offen.“ Um 19.56 Uhr schickt DPA noch eine Meldung.

20 Uhr, Hamburg Die Tagesschau beginnt mit der Grenzöffnung und der Schabowski-Pressekonferenz die Sendung. Erst nach der Tagesschau machen sich DDR-Bürger in größerer Zahl auf den Weg zu den Grenzübergängen. Bis dahin haben sich laut Lagebericht der Volkspolizei an den Berliner Grenzübergängen Bornholmer Straße, Invalidenstraße und Heinrich-Heine-Straße insgesamt nur 80 Ost-Berliner versammelt.

20.05 Uhr, Warschau Während des Staatsbanketts erfährt Bundeskanzler Helmut Kohl, was in Ost-Berlin gerade geschieht. Er erhält einen Anruf seines Vertrauten Eduard Ackermann aus Bonn. So soll das Gespräch verlaufen sein: „Herr Doktor Kohl, halten Sie sich fest, die DDR-Leute machen die Mauer auf.“ Kohl: „Sind Sie sicher?“ Ackermann: „Das Fernsehen überträgt live aus Berlin, ich kann es mit eigenen Augen sehen.“ Kohl: „Das ist ja unfassbar!“ Kohl bricht den Staatsbesuch ab, kann aber erst am nächsten Tag von Warschau über Hamburg nach Berlin fliegen.

20.15 Uhr, Stuttgart Zum Achtelfinalspiel VfB Stuttgart gegen FC Bayern München im DFB-Pokal warten im Neckarstadion 67.750 Zuschauer auf den Anpfiff durch Schiedsrichter Hans-Peter Dellwing. Kurz vor dem Spiel erfährt der VfB-Vorstand von den Ereignissen in Berlin. Um die Zuschauer im Stadion zu informieren, werden Live-Bilder von der Mauer auf die Video-Wand im Stadion übertragen. „Ich kann mich an keinen erinnern, der bei diesen Bildern keine Gänsehaut bekommen hat“, so VfB-Vorstand Ulrich Ruf rückblickend.

20.16 Uhr, Hamburg Die ARD entscheidet sich, bei ihrem Plan zu bleiben, und das Spiel live zu übertragen. Der VfB gewinnt 3:0 gegen die Bayern. Anschließend sendet die ARD erst noch eine Zusammenfassung des Spiels Kaiserslautern-Köln, bevor sie Hanns-Joachim Friedrichs mit den Tagesthemen auf Sendung gehen lässt.

20.22 Uhr, Bonn Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger (SPD) unterbricht aufgrund der Nachrichtenlage die Sitzung des Bundestags. 20.30 Uhr, Sevilla Eiskunstläuferin Katharina Witt filmt in Spanien für „Carmen on Ice“. Da es tagsüber noch über 30 Grad heiß ist, wird erst am Abend gearbeitet. Für die Rolle trägt „das schönste Gesicht des Sozialismus“ Schmuck von Tiffany, den Paloma Picasso entworfen hat. Von der Öffnung der Mauer bekommt der einzige Weltstar der DDR an diesem Abend nichts mit.

20.30 Uhr, Ost-Berlin, Grenzübergang Bornholmer Straße Jetzt stehen hunderte DDR-Bürger vor dem Grenzübergang. Stasi-Oberstleutnant Harald Jäger weiß, dass er den Übergang nicht wird halten können. 16 Grenzer gegen bald Tausende. Und Jäger begreift: „Wenn wir schießen, dann hängen wir da vorne am Fahnenmast.“

20.46 Uhr, Bonn Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger eröffnet die unterbrochene 174. Sitzung des Bundestags wieder. Rudolf Seiters (CDU), Chef des Kanzleramts und Minister für besondere Aufgaben, erklärt: „Ich habe gerade mit dem Bundeskanzler telefoniert. Die vorläufige Freigabe von Besuchsreisen und Ausreisen aus der DDR ist ein Schritt von überragender Bedeutung. Damit wird praktisch erstmals die Freizügigkeit für die Deutschen hergestellt.“ Das Protokoll vermerkt anhaltenden Beifall bei allen Fraktionen, bevor Seiters fortfahren kann: „Mauer und Grenze in Deutschland werden damit durchlässiger.“ Hans-Jochen Vogel (SPD) formuliert es wenige Minuten später noch deutlicher: „Diese Entscheidung bedeutet, dass die Mauer nach 28 Jahren ihre Funktion verloren hat.“

21 Uhr, Ost-Berlin Stasi-Generalmajor Heinz Fiedler hat die Leiter Passkontrolleinheiten der Grenzübergänge versammelt, um die Ausreise-Regelung für den nächsten Tag vorzubereiten. Er schickt die Leiter ohne Anweisungen für den weiteren Abend mit den Worten zu den Grenzübergängen zurück: „Wie ich meine Berliner kenne, gehen die um 23 Uhr ins Bett.“

21.05 Uhr, Bonn Die Abgeordneten des Deutschen Bundestags erheben sich und singen die Nationalhymne. Auf Geschäftsordnungsantrag des Marburger SPD-Abgeordneten Jahn wird die Sitzung um 21.10 Uhr geschlossen.

21.08 Uhr, Stuttgart Die ARD nutzt die Halbzeitpause im Spiel Stuttgart-Bayern für eine kurze „Brennpunkt-Sendung“.

21.34 Uhr, Washington US-Präsident George Bush und Außenminister James Baker haben nur über Agenturmeldungen von der Öffnung der DDR-Grenzen gehört. Dies begrüßen sie, halten sich aber sehr zurück. George Bush wird später erklären, er habe Gorbatschow nicht in Bedrängnis bringen und jede Eskalation vermeiden wollen. Auch die britische und französische Regierung erfahren aus dem Fernsehen, was in Berlin los ist.

21.53 Uhr, Ost-Berlin Das Fernsehen der DDR unterbricht einen laufenden Spielfilm, um die Reiseregelung nochmals zu verlesen. Um 21.57 Uhr wird die Verlesung wiederholt, diesmal allerdings mit dem Hinweis, Reisen in die BRD müssten erst beantragt werden.

22 Uhr, West-Berlin, Schöneberger Rathaus Momper hat den Berliner Senat zu einer Sondersitzung einberufen, Polizei und Verkehrsbetriebe nehmen ebenfalls teil. Zuvor versucht er lange vergeblich, die drei Stadtkommandanten der Westmächte zu erreichen. Er erreicht sie schließlich auf der Geburtstagsfeier des Regisseurs Ulrich Schamoni, der an diesem Tag 50 wird. Die Berliner Verkehrsbetriebe setzten einen Smog-Fahrplan mit einem Zwei-Minuten-Takt der U-Bahn in Kraft, um ein Verkehrschaos zu vermeiden. Nach der Sitzung fährt Momper wieder zum Sender Freies Berlin. Die grenznahen Sendestationen übertragen jetzt statt des ARD-Fußballspiels eine Sondersendung des SFB in die DDR.

22.10 Uhr, Ost-Berlin Die Sitzung des Zentralkomitees ist beendet, Egon Krenz sitzt allein in seinem Büro und ist sauer. Das ZK ist seinem Willen nicht gefolgt, mehrere seiner Kandidaten für das Politbüro sind durchgefallen. Stasi-Chef Erich Mielke ruft an und informiert Krenz über die Lage an den Grenzstellen. Krenz wird später behaupten, er habe - vor die Entscheidung gestellt, die Dinge laufen zu lassen oder Panzer zu schicken - Mielke angewiesen: „Also macht die Schlagbäume hoch!“ In Wahrheit hat es während des gesamten Abends und der Nacht weder von Krenz noch von Mielke einen Befehl zur Grenzöffnung gegeben.

22.15 Uhr, Frankfurt/Oder Der Boxer Axel Schulz feiert seinen 21. Geburtstag, in der Ein-Zimmer-Wohnung (Miete: 36 DDR-Mark) ist es voll. Doch nach und nach verschwinden immer mehr Gäste. Nicht, weil Axel ein schlechter Gastgeber wäre, sie fahren nach Berlin, das nur eine Autostunde entfernt ist. Axel Schulz bleibt zu Hause: „Ich hatte ja am nächsten Morgen Training.“

22.30 Uhr, Ost-Berlin, Grenzübergang Bornholmer Straße Stasi-Oberstleutnant Harald Jäger ist nach Rücksprache mit seinen Vorgesetzten zur „Ventil-Lösung“ übergegangen: DDR-Bürger, die sich besonders lautstark beschweren, dürfen durch. Die Passbilder ihrer Personalausweise werden mitgestempelt, um sie bei der Rückkehr erkennen und ausbürgern zu können. Doch es funktioniert nicht: „Wir haben kein Ventil geöffnet, sondern nur den Druck erhöht.“

22.42 Uhr, Hamburg Hanns-Joachim Friedrichs beginnt die Tagesthemen-Sendung mit den Worten: „Guten Abend, meine Damen und Herren. Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab, aber heute Abend darf man einen riskieren: Dieser neunte November ist ein historischer Tag: Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind, die Tore in der Mauer stehen weit offen.“ Noch immer gibt es keine Bilder von Ost-Berlinern, die in größeren Gruppen über die Grenze kommen - weil die meisten TV-Teams sich am Übergang Invalidenstraße postiert haben. Dort ist die Grenze weiter dicht. Die ARD behilft sich damit, dass sie den pensionierten Berliner Polizisten Nat Fleischer berichten lässt, was er kurz zuvor an der Bornholmer Straße erlebt hat.

23 Uhr, München-Grünwald Die Kabarettistin Maren Kroymann sitzt in ihrem Hotelzimmer vor einem Fernseher und weint. Seit 1971 lebt sie in Berlin, ausgerechnet an diesem Tag dreht sie in der bayerischen Landeshauptstadt für eine Serie: „Ich hätte mich in den Arsch beißen können, dass ich da nicht am richtigen Ort war.“ Der Entertainer Jürgen von der Lippe ist irgendwo in Deutschland auf Tour. Er erreicht seine Frau zu Hause in Berlin. „Sie war völlig fertig. Sie hat mit Freunden einen Vopo-Posten überrannt, saß auf der Mauer und war mitten im Geschehen, worum ich sie sehr beneidet habe, aber ich war ja nun einmal auf Dienstreise.“

23 Uhr, Ost-Berlin An der Bornholmer Straße wird die Lage gegen 23 Uhr für die Kontrolleure bedrohlich. Tausende Menschen drücken auf den Grenzübergang. Die Ventillösung hat sich als unklug erwiesen. Als einige ausreisen dürfen, verstärkt sich das Gedränge derjenigen, die noch warten müssen. Als der Drahtgitterzaun vor dem Grenzübergang beiseite geschoben wird, bangen die Grenzwächter um ihr Leben. Oberstleutnant Harald Jäger beschließt, alles aufzumachen und die Kontrollen einzustellen. Tausende von Menschen strömen in die Grenzanlage, überrennen die Kontrolleinrichtungen, laufen über die Brücke und werden auf der West-Berliner Seite begeistert begrüßt.


23.10 Uhr, Berlin, Sender Freies Berlin Walter Momper bekommt im Sendestudio einen Zettel mit der Nachricht von der Öffnung des Grenzübergangs Bornholmer Straße gereicht. Momper fürchtet, dass ein Sturm losbricht, wenn er den Zettel vorliest. Kurz darauf gibt es bereits die ersten Live-Bilder. Momper verabschiedet sich mit den Worten: „Meine Damen und Herren, Sie werden verstehen, dass ich jetzt arbeiten gehen muss.“ Momper fährt zum Grenzübergang Invalidenstraße, wo sich mehrere Tausend Ost-Berliner versammelt haben - und die TV-Teams stehen. Momper klettert auf einen Tisch in der DDR-Abfertigungsstelle und lässt sich ein Megaphon anreichen: „Liebe Berlinerinnen und Berliner, hier spricht Ihr Regierender Bürgermeister...“ Der Rest geht im Jubel unter.


23.30 Uhr, Ost-Berlin, Grenzübergang Bornholmer Straße Harald Jäger gibt auf, der Übergang ist nicht zu halten, längst fürchten die Grenzer um ihr Leben. Jäger informiert seine Vorgesetzten: „Ich stelle die Kontrollen ein und lasse die Leute raus. Wir fluten jetzt!“

0 Uhr, Ost-Berlin Der sowjetische Vize-Botschafter Igor Maximytschew entscheidet sich, Moskau vorerst nicht zu informieren.

0.20 Uhr, Ost-Berlin Die Führung der Nationalen Volksarmee weiß nicht, was sie jetzt tun soll. Die in Berlin stationierten Grenzregimenter (rund 12000 Soldaten) werden in erhöhte Gefechtsbereitschaft versetzt. Da im Laufe der Nacht keine Befehle folgen, blasen die Kommandeure die Maßnahmen eigenmächtig ab.

1 Uhr, Berlin Zwischen 1 und 2 Uhr stürmen Tausende West- und Ost-Berliner die Mauer am Brandenburger Tor und laufen über den Pariser Platz und durch das Tor. Sie tanzen auf der Mauer und beginnen, den Betonwall mit Hämmern und Meißeln in kleine Souvenir-Brocken zu zerlegen. Die Ost-Berliner strömen auf den Kurfürstendamm, wo bis in die Morgenstunden gefeiert wird.

2 Uhr, Ost-Berlin Das DDR-Innenministerium lässt über die Radio-Nachrichten verbreiten, die Grenze könne „als Übergangsregelung“ bis 8 Uhr morgens unter Vorlage des Personalausweises passiert werden.

3 Uhr, Berlin Walter Momper kommt nach Hause. Er ist völlig fertig. In vier Stunden wird er nach Bonn fliegen, abends wieder in Berlin sein und mit Helmut Kohl und Willy Brandt vor dem Brandenburger Tor völlig schief die Nationalhymne singen. Als Momper sich hinlegt, sind Anja und Gerrit Kling auf dem Weg nach Nürnberg. Sie werden dort am Morgen eine Lufthansa-Angestellte überzeugen, sie für 250 Mark pro Person (eigentlich kostet das Ticket 330 Mark) nach Berlin fliegen zu lassen - nur sechs Tage nach ihrer Flucht. Angela Merkel ist längst wieder in ihrer Wohnung an der Schönhauser Allee und schläft. 16 Jahre später wird sie die erste Kanzlerin des wiedervereinigten Deutschland sein, dessen Geburt sie in der Sauna verschwitzte.

Quelle: RP

 
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