Umstrittener Film: "Das Tal der Wölfe" - Der türkische Rambo
VON THOMAS SEIBERT - zuletzt aktualisiert: 20.02.2006 - 10:18Istanbul (RP). Ein Actionfilm, in dem es ordentlich kracht und knallt und in dem die Guten gewinnen und die Bösen verlieren - mit diesem Grundmuster ziehen Filmhelden von James Bond bis Rambo massenweise Zuschauer in die Kinos. Nun hat auch die Türkei ihren Rambo: Necati Sasmaz spielt in dem Streifen „Tal der Wölfe“ den türkischen Agenten Polat Alemdar. Doch der türkische Rambo ist anders als seine westlichen Vorbilder. Denn im „Tal der Wölfe“ sind die Amerikaner die Bösen.
Alemdars Landsleute von der Regierung bis zu Normalbürgern bejubeln die anti-amerikanische Saga mit einer Begeisterung, die einigen im Westen schon unheimlich ist: Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) forderte sogar, der Film solle aus deutschen Kinos entfernt werden. Türkische Regierungsvertreter in Ankara betonten dagegen, man solle den Film nicht so ernst nehmen. Mit Blick auf die im Karikaturenstreit immer wieder erhobene Forderungen des Westens nach Meinungsfreiheit sei Stoibers Haltung zudem „sehr merkwürdig“, verlautete in Ankara.
Ausgangspunkt der Handlung ist eine wahre Begebenheit. Im Juli 2003 wurden elf türkische Soldaten in Nordirak vorübergehend von amerikanischen Einheiten festgenommen. Den Türken wurden Säcke über die Köpfe gestülpt, als sie abgeführt wurden - dass Soldaten eines NATO-Partners behandelt wurden wie Terroristen, hat die türkische Armee den USA bis heute nicht verziehen.
Ein Kriegsverbrechen nach dem anderen
Im Film begeht ein türkischer Offizier wegen der Demütigung Selbstmord, informiert aber vorher in einem Abschiedsbrief seinen Freund, den Geheimdienstagenten Alemdar. Dessen Name bedeutet auf Deutsch „Bannerträger“ - und ist Programm: Alemdar reist in den Nordirak, um aufzuräumen. Dabei trifft er auf arrogante und blutrünstige amerikanische Soldaten, die ein Kriegsverbrechen nach dem anderen begehen und sogar in den Handel mit Organen irakischer Gefangener verstrickt sind (mit Hilfe eines jüdischen Arztes). Trotz oder gerade wegen seines Strickmusters hat der Film in der Türkei eingeschlagen wie kein anderer Streifen vor ihm. Zwei Wochen nach dem Kinostart haben sich 3,1 Millionen Menschen in der Türkei „Tal der Wölfe“ angeschaut, in fast 500 Kinos im ganzen Land wird der Film gezeigt. Auch bei Türken in Deutschland, Österreich und den Niederlanden ist der Film ein Hit.
Zum Teil erklärt sich der Erfolg damit, dass „Tal der Wölfe“ die Kino-Fortsetzung einer äußerst erfolgreichen Fernsehserie ist, die jede Woche Millionen Türken vor den Bildschirm zieht. Necati Sasmaz spielt auch in der Serie den Agenten Alemdar, ist dem türkischen Publikum also bestens bekannt.
Ihren besonderen Kick erhält die Kinofassung aber durch ihre starken anti-amerikanischen Tendenzen. Schon im vergangenen Jahr wurde ein anti-amerikanischer Kriegsroman in der Türkei zum Beststeller. Im „Tal der Wölfe“ ist der als Bösewicht fungierende amerikanische Offizier ein christlicher Eiferer, dessen Soldaten in Nordirak eine Hochzeitsfeier zusammenschießen und Kinder vor den Augen der Eltern ermorden. Geheimagent Alemdar nimmt als „Bannerträger“ der Gerechtigkeit Rache an den Amerikanern, deren Irak-Politik von den meisten Menschen in der Türkei als Ausdruck zügelloser Machtgier verdammt wird. Zumindest im Kino können es die Türken den Amerikanern mal so richtig zeigen.
Viel Lob von türkischen Politikern
Das trifft offenbar nicht nur bei türkischen Normalbürgern einen Nerv. Als der Film bei einer Gala in Ankara vorgestellt wurde, lobten Spitzenpolitiker wie Parlamentspräsident Bülent Arinc „Tal der Wölfe“ in den höchsten Tönen. Premiers-Gattin Emine Erdogan nahm in der Vorstellung sogar neben Hauptdarsteller Sasmaz Platz und zeigte sich hinterher begeistert von dem Filmabenteuer. Eine amerikanische Zeitung fragte daraufhin, was die Türken wohl denken würden, wenn Laura Bush von einem anti-türkischen Film schwärmte. US-Soldaten in Europa wurden inzwischen aufgefordert, sich von Kinos fernzuhalten, in denen „Tal der Wölfe“ läuft.
Angesichts der Aufregung um den Film sah sich der türkische Außenminister Abdullah Gül bereits gezwungen, ein paar beruhigende Worten zu sprechen. Im Vergleich zu einigen Hollywood-Streifen sei „Tal der Wölfe“ doch harmlos, sagte der Minister, der den Film selbst allerdings nicht gesehen hat. Zugleich warnte Gül den Westen und auch seine eigenen Landsleute davor, den Streifen zu ernst zu nehmen: „Es ist doch nur ein Film.“
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