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20 Jahre Mauerfall (2): Das Volk geht auf die Straße

VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 27.07.2009 - 12:02

(RP). Lange Zeit glaubt die SED, die Lage in der DDR im Griff zu haben – bis aus Hunderten Demonstranten Zehntausende werden. Am Ende fordert eine halbe Million Menschen Reformen und Freiheit: Die Bürger schlagen der Staatsführung die Macht aus den Händen. Und nach dem Fall der Mauer ist plötzlich die Verheißung einer deutschen Wiedervereinigung da.

Es ist ein Hilfeschrei, dieses ungelenke Flugblatt voller Tippfehler, mit schiefen Zeilen, das an einem Mittwochabend plötzlich in Arnstadt auftaucht – am Bahnhof, an der Sparkasse, an der Post. Ein Hilfeschrei an die Bürger der kleinen thüringischen Kreisstadt. Und ein Aufruf zum Widerstand. "Kommt alle am 30. 09. 1989 um 14.00 Uhr zur friedlichen Kundgebung", steht da, "gegen die willkürliche Politik der SED!!!" Und ein Gedicht steht da, neun Strophen zu je drei Versen. Mit der Frage "Was für ein Leben?" beginnt jede. Die vierte endet: "Wo die Angst den Alltag bestimmt, wo das Ende kein Ende nimmt."

Das Flugblatt stammt von Günther Sattler, einem 25-jährigen Polizistensohn aus Arnstadt, der gerade seinen Wehrdienst abgeleistet hat. Seine linientreue Freundin wirft ihm die Haustürschlüssel ins Gesicht, als sie das Flugblatt liest. 200 Arnstädter aber kommen auf Sattlers Aufruf am 30. September auf den Holzmarkt. "Demonstration" mag man kaum nennen, was sich dort abspielt: Die Menschen stehen einfach da, und als niemand zu ihnen redet, reden sie eben miteinander. Sattler gibt sich nicht zu erkennen. Bald geht die schüchterne Versammlung wieder auseinander.

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Immerhin: Ein Anfang ist gemacht. Eine Woche später sind es schon 300 auf dem Holzmarkt. Dieses Mal aber schlägt die Bereitschaftspolizei zu – ganz buchstäblich: Die Arnstädter werden auseinandergeknüppelt. Einen Monat wird es noch dauern, bis aus Hunderten Zehntausende werden, bis auch in Arnstadt das Volk die Diktatur zum Teufel jagt. Jetzt aber, am 7. Oktober, glaubt die SED noch, die Lage unter Kontrolle zu haben.

300 Kilometer von Arnstadt entfernt, in Ost-Berlin, feiert die Partei zur gleichen Zeit den 40. Jahrestag der Gründung der DDR mit allerlei Gepränge. Dass der Pomp längst hohl geworden ist, hätten die greisen Herren des Politbüros längst bemerken können, wenn sie gewollt hätten. Aber sie verschanzen sich im festlich illuminierten Palast der Republik, während draußen Tausende nach Freiheit schreien. Volkspolizei und Staatssicherheit prügeln sie fort.

Noch ist der Punkt nicht überwunden, ab dem die Staatsführung nicht mehr zurück kann. Noch liegt die Drohung eines Blutbads in der Luft, einer "chinesischen Lösung" wie Anfang Juni in Peking, als Demonstranten zu Hunderten, vielleicht zu Tausenden umgebracht worden sind. Der entscheidende Tag ist Montag, der 9. Oktober 1989, als in Leipzig 70 000 Menschen auf die Straße gehen. "Ich habe Angst", hat ein Unbekannter einen Tag zuvor auf die Gebetswand in der Nikolaikirche geschrieben, "dass der Rest der Jugend noch ihr Blut für diesen sinnlosen Staat verliert."

Mittags gehen Gerüchte durch die Stadt, dass Polizei und Armee zu allem entschlossen seien. Angeblich haben sich auf den Dächern Maschinengewehr-Schützen postiert. Über den Karl-Marx-Platz zwischen Oper und Gewandhaus werde keiner hinauskommen, droht ein Polizeioberst. Stunden später sitzen sechs Leipziger Bürger, darunter Gewandhaus-Kapellmeister Kurt Masur, zusammen und verfassen einen knappen Text, der alle Seiten zur Besonnenheit aufruft. In den Kirchen der Stadt wird er während der Friedensgebete verlesen. In der Thomaskirche fügt der Superintendent einen Bibelvers aus den Sprüchen Salomons hinzu: "Durch Geduld wird ein Fürst versöhnt, und eine linde Zunge bricht die Härtigkeit."

Und dann gehen sie auf die Straße. Sie haken sich unter, rufen "Wir sind das Volk" und "Keine Gewalt". Zehn Minuten nach sieben abends weicht die Staatsgewalt zurück. Den Demonstranten steht der Altstadtring offen. Später wird sich SED-Generalsekretär Egon Krenz das Verdienst ans Revers heften, persönlich den Rückzug befohlen zu haben. Wahrscheinlicher ist, dass Partei und Polizei einfach von der Wucht der Masse überwältigt wurden. Zwei Journalisten filmen von einem Kirchturm aus den Demonstrationszug und schmuggeln die Bilder in die Bundesrepublik. Über das Westfernsehen erreichen sie bald darauf den Großteil der DDR-Bürger. Das gibt der Massenbewegung zusätzlichen Schwung. Wolfgang Tiefensee, damals in der Leipziger Opposition aktiv und später Oberbürgermeister der Stadt, hat den 9. Oktober ganz schlicht den "Tag der Freiheit" genannt.

Die Angst schwindet. In den folgenden Wochen brechen die Dämme. Nicht nur in den Metropolen – Arnstadt ist jetzt überall. Ende Oktober erzwingen im Kurort Gohrisch in der Sächsischen Schweiz die Bürger die Öffnung eines Gewerkschaftsheims und entmachten den überforderten, zaudernden Bürgermeister. Ende November stürmen Bürger von Freyburg an der Unstrut, südlich von Halle, die verwahrloste, abgesperrte Neuenburg hoch über der Stadt. Einen Tag später dringen Hunderte zum Jagdhaus von Ex-Regierungschef Willi Stoph bei Waren in Mecklenburg vor und bestaunen ungläubig den Luxus dort. Anfang Dezember treten die politischen Häftlinge des berüchtigten Gefängnisses Bautzen in Sachsen in den Hungerstreik.

Die Menschen schlagen in diesen Wochen der Staatsführung die Macht aus den Händen. Die SED hält die Demonstranten viel zu lange für "Konterrevolutionäre", die von Agenten aus dem Westen alimentiert werden. Dass sie selbst mit ihrem doktrinären Starrsinn die Proteste immer weiter befeuern und den wütenden Bürgern ungewollt die alles überragende Forderung nach Freiheit in den Mund legen, merken an der Spitze nur wenige. Die DDR-Bürger tasten sich in diesen Wochen immer weiter vor, überschreiten Grenzen, auch was das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten betrifft. "Es ging darum, seine Angst zu überwinden und nicht zu fliehen", urteilt der Soziologe Detlef Pollack.

Mit der Bürgerrechtsbewegung, den neugegründeten Oppositionsgruppen wie dem Neuen Forum oder "Demokratie Jetzt", hat diese Massenbewegung zunächst wenig zu tun – auch wenn beide in dieselbe Richtung arbeiten. Noch Anfang Oktober distanziert sich das Leipziger Neue Forum von den Montagsdemonstrationen mit der Begründung, man befürchte eine Eskalation der Lage. Nichtmitglieder von Oppositionsgruppen, sagen Wissenschaftler, nehmen ebenso häufig an Demonstrationen teil wie organisierte Oppositionelle. Die Friedliche Revolution von 1989 ist eine Revolution der Straße, ein klassischer Umsturz von unten.

Knapp vier Wochen nach dem Durchbruch von Leipzig, am 4. November, versammeln sich in Ost-Berlin schätzungsweise eine halbe Million Menschen – die größte nichtstaatliche Menschenansammlung, die die DDR je gesehen hat. Diese Kundgebung ist nun nicht mehr spontan, sondern ordnungsgemäß angemeldet und vorbereitet: vom Neuen Forum und von Künstlerverbänden. Die Opposition nimmt auch organisatorisch Gestalt an. Die Masse zieht zum Alexanderplatz, dort reden Politiker (Geheimdienstchef Markus Wolf wird ausgepfiffen) und Oppositionelle, unter anderem Ulrich Mühe und Jan Josef Liefers.

Die Transparente zeigen, welchen Esprit die Bewegung hat: "Krenzenlos sein" steht auf einem in Anspielung auf den SED-Generalsekretär, "Privilegien für alle" auf einem anderen, und: "Um lachen zu können, muss man ein Gesicht haben". Jeder Witz ist eine Revolution im Kleinen. Viele Redner fordern einen demokratisierten Sozialismus, eine menschlichere DDR. Fünf Tage später fällt die Mauer.

Mit der immer reißenderen Fluchtbewegung aus der DDR waren auch die Massendemonstrationen enorm angeschwollen. Wäre aber die Forderung nach offenen Grenzen der einzige Grund für Protest gewesen, dann hätte jetzt Schluss sein müssen mit dem Volksaufstand auf der Straße. Aber der Wunsch nach Veränderung ist noch größer. Der Austausch von drei kleinen Buchstaben zeigt das: Aus dem Revolutionsruf "Wir sind das Volk" wird Mitte Dezember in Leipzig erstmals "Wir sind ein Volk". Die ungeheure Verheißung einer deutschen Wiedervereinigung steht plötzlich am Horizont – noch fern und verschwommen, aber unübersehbar, seit Bundeskanzler Helmut Kohl Ende November im Bundestag seinen Zehn-Punkte-Plan "zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas" vorgestellt hat.

Am 19. Dezember 1989 trifft sich Kohl in Dresden zu Gesprächen mit DDR-Ministerpräsident Hans Modrow. Vor der Ruine der Frauenkirche ist eine kurze Rede Kohls an die Dresdner vorgesehen. Der Kanzler spricht gut zehn Minuten – nicht lange. Danach aber ist alles anders. Denn Kohl redet vor einer jubelnden Menge, die die grün-weißen Flaggen Sachsens schwenkt und die deutschen Farben Schwarz-Rot-Gold. Hammer und Zirkel im Ährenkranz, Symbol der SED-Diktatur, sind daraus längst verschwunden. Keine zehn Monate mehr, dann ist Deutschland wieder eins.

Quelle: RP

 
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