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Debatte
Was ist eigentlich typisch deutsch?

Was ist für Sie typisch deutsch?
Was ist für Sie typisch deutsch? FOTO: Bretz, Andreas
Düsseldorf. Deutschland diskutiert, ob Menschen mit deutschem Pass und schwarzer Haut als Nachbarn willkommen sind. Dahinter steht die Frage, was einen zum Deutschen macht. Von Dorothee Krings

Die Deutschen haben es schwer mit dem Deutschsein. Vielleicht ist das ihre Stärke. Zu viel Selbstgewissheit macht ja bequem, borniert, unsensibel für die Welt. "Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage ,Was ist deutsch?' niemals ausstirbt", schrieb Nietzsche im 19. Jahrhundert. Natürlich hat das mit ihrer Geschichte zu tun. Nicht nur mit der Schuld am Zweiten Weltkrieg. Auch davor war Deutschland nie einig Vaterland, war immer gespalten in Preußen und Habsburger, in Protestanten und Katholiken, in West und Ost. Nur die Sprache schenkte inneren Zusammenhalt. Sie ist es auch, die dem Land den Namen gab: "deutsch" sind die, die "zum Volk der Deutschsprechenden" gehören. Und eigentlich war das schon immer eine taugliche Definition.

Deutsch ist, wer deutsch spricht?

Vor der Flüchtlingskrise war sie auch gefühlte Wirklichkeit. Das zeigte 2014 eine große Befragung des Berliner Instituts für empirische Migrationsforschung. 97 Prozent der Deutschen sagten damals, deutsch sei, wer deutsch spreche. Als zweites Kriterium nannten sie den Pass, dann die Abstammung. 2006 war den Deutschen eine unbeschwerte Fußball-Weltmeisterschaft gelungen, etwas später sollten sie die Willkommenskultur erfinden. Doch immer scheinen die Deutschen insgeheim erleichtert, wenn sie sich abgeklärt zu ihrem Deutschsein verhalten. Immer ist es, als liege da doch noch ein knurrender Hund im Hinterhof.

Denn natürlich ist die Frage nach dem Deutschsein mit dem Hinweis auf Sprache und Pass nur scheinbar erledigt. Sonst hätte es in dieser Woche keine Debatte gegeben um Jérôme Boateng, den deutschen Nationalspieler mit der dunklen Haut. Eigentlich war es ja verrückt, dass der Chefideologe der neuen Rechten ausgerechnet ihn zum Beispiel machte für einen Mann, den "die Leute" angeblich nicht zum Nachbarn haben wollen. Boateng wurde in Berlin geboren, wuchs bei seiner deutschen Mutter auf, spricht das glasklare Schnoddrig der Berliner. Zudem ist er im liebsten Sport der Deutschen Mitglied jener Mannschaft, die das Nationale schon im Namen trägt. Wer sollte deutscher sein als er?

Gibt es eine "deutsche Substanz"?

Doch das gilt eben nur, wenn Menschen ohne rassistische Ressentiments das deutsche Bürgerschaftsrecht zu ihrem Maßstab machen. Dann ist entscheidend, ob einer in Deutschland lebt, Deutsch spricht, die deutsche Verfassung anerkennt. Im Windschatten der Erregung über die Ausfälle gegen Boateng konnte Alexander Gauland jedoch vermeintlich überwundene Begriffe wieder in die Öffentlichkeit bringen und von "raum- und kulturfremden Menschen" raunen. Und auf einmal wird eben doch wieder diskutiert, ob einer, der Muslim ist, eine, die Kopftuch trägt, wirklich dazugehören sollen. Plötzlich wabern wieder Vorstellungen umher, es gäbe eine "deutsche Substanz", einen homogenen Kern von Menschen, die deutscher sind als der Rest. Und so wurde aus der juristischen Frage: Wer ist deutsch? plötzlich doch wieder eine emotionale. Eine, die auf Ausgrenzung zielt.

Was ist es aber mit dem Deutschsein, das doch jeder Deutsche empfindet - spätestens wenn er ins Ausland fährt, eine Weile in einer anderen Kultur zubringt, plötzlich spürt, wie wichtig ihm Pünktlichkeit, effizientes Planen, Ordnung, Sauberkeit, Sicherheit sind. All die Klischees, die man als Deutscher in Deutschland kaum wahrnimmt und eher belächelt. Doch dann reist man nach England und vermisst deutsches Brot oder lebt eine Weile in den USA und sehnt sich nach dem Besuch eines guten alten Stadttheaters, nach kleinen Buchhandlungen und erklärt stolz, dass BMWs deutsche Autos sind. Und dass man auf Autobahnen so schnell fahren kann, wie man will. Streckenweise zumindest.

"Natürlich bilden sich innerhalb nationaler Grenzen Eigenarten aus, die Menschen dieser Herkunft gerade bei Kontrasterfahrungen im Ausland an sich wahrnehmen", sagt Franco Zotta, Migrationsexperte bei der Bertelsmann-Stiftung. Es gibt also das typisch Deutsche, das auch Menschen aus anderen Kulturkreisen beschreiben, wenn sie Zeit mit Deutschen verbringen. Doch das sind in Wahrheit keine fixen Merkmale. Lange galten die Deutschen etwa als reservierte, strebsame Spaßbremsen. Dann war die Welt 2006 "zu Gast bei Freunden" und merkte, dass Deutsche feiern können. Das hat die Wahrnehmung verändert. Auch können deutsche Eigenarten alle annehmen, die in Deutschland leben, die Sprache lernen, teilhaben an den gesellschaftlichen Debatten. Oft genug sind Migranten - unabhängig von ihrem Pass oder Aufenthaltsstatus - ja deutscher als die Deutschen.

Doch was das ist, diese deutsche Identität, bleibt im Fluss. Es unterliegt dem Wandel, wird ausgehandelt von den Menschen, die in Deutschland Deutschsein praktizieren. Was Deutsch ist, das prägen also auch Menschen, die keine deutsche Staatsgehörigkeit besitzen. "Manche empfinden das als Zumutung", sagt Zotta, "sie wollen nicht ständig über das gesellschaftliche Miteinander verhandeln. Und sie wollen auch nicht, dass Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund sich da einmischen." Für sie seien dann Vorstellungen attraktiv, es gäbe so etwas wie einen fixen Kern deutscher Identität und auch einen festen Personenkreis, dem das Deutschsein zustehe.

"Komplexitäts- und Solidaritätsprobleme"

Die Vorstellungen von einer homogenen Nation, von einem durch Abstammung begrenzten Kreis derer, die deutsch sind, ist also eine Reaktion auf die Zumutungen der Moderne, in der alles ausgehandelt werden muss von den Geschlechterrollen über Familienmodelle bis zur Einführung des Euro. "Die Gegenwart stellt vor zahlreiche Komplexitäts- und Solidaritätsprobleme", sagt Armin Nassehi, Soziologe an der Ludwig-Maximilian-Universität München. "Die Vorstellung eines homogenen abgeschotteten Nationalstaats sieht aus wie die simple Lösung für diese Probleme." Darum versuche die neue Rechte den Nationalstaat des 19. Jahrhunderts als verlorenes Paradies zu imaginieren. Einen Staat mit Ius sanguinis, dem Recht des Blutes, in dem allein nach Abstammung entschieden wird, wer der Nation angehört.

Deutschland mit seiner zentralen Lage in Europa ist aber schon immer ein Einwanderungsland gewesen. Man muss gar nicht ins Ruhrgebiet reisen, um das zu sehen. Auf die Frage, was deutsch ist, hat es also noch nie eine einfache Antwort gegeben. Aber identitätsstiftende Erzählungen. Etwa vom Wiederaufbau nach dem Krieg, vom Wirtschaftswunder, von der deutschen Einigung. Mit solchen Erzählungen werden Werte tradiert wie Disziplin, Verlässlichkeit, Verantwortungsbewusstsein. Sie prägen, wie Deutsche sich sehen. Und auch, wie sie im Ausland gesehen werden.

"Negative Folgen benennen"

Migrationsforscher fordern daher, neue nationale Narrationen zuzulassen. Nicht nur davon zu erzählen, wie deutsche Familien sich den ersten Käfer kauften, weil Papa den festen Bürojob bekam und Mama abends noch nähte. Sondern auch von der Sprachvielfalt an deutschen Fließbändern der 50er Jahre zu berichten. Davon, wie Arbeiter aus Deutschland, Italien, der Türkei dort ihre Differenzen überwanden. Gemeinsam schufen, was wir heute das Wirtschaftswunder nennen.

"Es ist wichtig, negative Folgen von Zuwanderung, etwa die Ausbildung von Parallelstrukturen, zu benennen", sagt Nassehi, "aber wir sollten uns auch erzählen, wie gut Deutschland mit Vielfalt im Alltag umgeht und wie sehr der Zuzug von Menschen aus anderen Kulturkreisen das, was Deutschsein heißt, wie selbstverständlich verändert und bereichert."

Die Ausfälle gegen Boateng und die Welle der Solidaritätsbekundungen, die folgte, sind auch ein Narrativ. Es ist noch jung, aber es hat das Zeug zum Weitererzählen.

Quelle: RP
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