Generalinspekteur verteidigt Luftangriff vor Kundus: Deckung von ganz oben
zuletzt aktualisiert: 12.09.2009 - 17:28Berlin (RPO). Deutschlands ranghöchster Soldat, Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, hat die folgenschwere Entscheidung des deutschen Offiziers Georg Klein, zwei Tanklaster vor Kundus bombardieren zu lassen, mit Vehemenz verteidigt. Auch Innenminister Wolfgang Schäuble nimmt den Oberst in Schutz, stößt damit aber in der Bundesregierung auf Widerspruch.
Erstmals hat sich in einem Interview der ranghöchste deutsche Soldat zu den tödlichen Bombenabwürfen vor Kundus geäußert. Generalinspekteur Schneiderhan stellte sich in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ausdrücklich hinter den vielfach kritisierten Bundeswehroberst Georg Klein. Er hatte die Entscheidung zur Bombardierung der beiden von den Taliban gekaperten Tanklaster nahe Kundus gegeben. Mehr als 50 Menschen kamen ums Leben, darunter auch Zivilisten.
Er gehe davon aus, dass "die Entscheidung, die entführten Tank-Lkw aus der Luft zerstören zu lassen, erst nach sorgfältiger Beurteilung der Gesamtlage und in der Absicht getroffen wurde, erheblichen Gefahren für die eigenen und verbündeten sowie für die afghanischen Sicherheitskräfte zuvorzukommen."
Schneiderhan hatte noch am Freitag im bundeswehr-internen Fernsehen den Soldaten in Kundus sein Vertrauen ausgeprochen : "Sie haben mein persönliches Vertrauen in Ihre Leistungsfähigkeit und Ihr Verantwortungsbewusstsein". Er gehe davon aus, dass die Entscheidung für das Bombardement das Resultat einer ganz sorgfältigen Beurteilung der Lage gewesen sei, "so wie wir es als Soldaten kennen".
Befehlskette im Fokus
Auch aus dem Verteidigungsministerium erhielt Klein zuletzt Rückendeckung. Dessen Sprecher Thomas Raabe wies darauf hin, dass Klein bereits nachprüfbare Mindestbedingungen habe nennen müssen, um die Luftnahunterstützung durch US-Jagdbomber überhaupt zu bekommen: "Man kann nicht einfach fragen: Habt Ihr mal ein paar F-15 für mich?" Damit bestätigte Raabe indirekt, dass schon in einem früheren Stadium auch höhere Stellen in Afghanistan mit der Möglichkeit eines Luftschlags befasst gewesen sein müssen, wie das führende Ex-Generäle mutmaßen.
Raabe wollte jedoch wegen der laufenden Untersuchung keine Details nennen. In der letzten Phase habe Klein jedoch nur noch mit den amerikanischen Kampfjet-Piloten Kontakt gehabt. Der Bundeswehrverband mutmaßt, dass es auch beim Abschuss der Tanklaster eine Befehlskette gegeben hat. "Aus meiner Erfahrung geht ein solcher Befehl nicht ohne Rückversicherung", sagte Verbandschef Oberst Ulrich Kirsch.
Unterstützung durch Schäuble
Auch Innenminister Wolfgang Schäuble verteidigte mit Nachdruck den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr gegen Kritiker. Er verwies auf die Terrorgefahr in Deutschland. Diese sei zwei Wochen vor der Bundestagswahl weiter hoch, sagte der CDU-Politiker der "Welt am Sonntag". Schäuble rechtfertigte in dem Interview auch den von der Bundeswehr angeforderten Angriff in Nordafghanistan. Der Minister sagte: "Unsere Soldaten leisten einen zunehmend gefährlicheren Dienst. Dafür haben sie Anspruch auf Unterstützung." Die Bundeswehr sei Opfer von Anschlägen, nicht deren Ursache.
Ausdrücklich wies Schäuble auch die Forderung des ehemaligen Verteidigungsministers Volker Rühe (CDU) nach einem konkreten Abzugstermin zurück. "Es wäre völlig falsch, einen Termin zu nennen. Eine solche Ankündigung würde nur von den Falschen von den Taliban bis hin zur Linkspartei missbraucht", sagte er.
Widerspruch von Wieczorek-Zeul
Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul ließ dagegen Kritik anklingen. Die Arbeit der Entwicklungshelfer in Afghanistan werde nun noch schwieriger, sagte die SPD-Politiker laut "Spiegel". Deutschland habe "auf den Strategiewechsel der US-Regierung und der NATO zugunsten der Vermeidung von zivilen Opfern gedrängt". Doch nun drohe der von der Bundeswehr angeforderte Luftangriff "diesen Strategiewechsel im Bewusstsein der Menschen zu konterkarieren".
Wieczorek-Zeul drang darauf, dass die Afghanen möglichst bis 2015 "die volle Verantwortung für die Sicherheit der Bevölkerung übernehmen sollen". Erst danach könnten Truppen abziehen.
In der Region um das deutsche Lager in Kundus wurde derweil wieder gekämpft. Bei einer gemeinsamen Offensive der afghanischen und internationalen Truppen wurden nach Polizeiangaben elf Taliban-Kämpfer getötet.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum