Hintergrund: Denkwürdiger Abend in Wiesbaden
zuletzt aktualisiert: 27.01.2008 - 20:57Wiesbaden (RP). „S´ Lebbe geht weiter.“ So einfach und närrisch, wie ein hessischer Prinzgardist die Folgen der Wahl in seinem Land kommentierte, machte es sich an diesem denkwürdig spannenden Abend im Wiesbadener Landtag niemand.
Der am häufigsten gesprochene Satz dort war über viele ungewisse Abendstunden: „Das wird ein ganz, ganz knappes Wahlergebnis.“ Hin und wieder folgte die Steigerung von knapp: Es werde „hessich-knapp“.
Also alles wie immer? Das nur wahrlich nicht. Was am Abend passiert ist, hatte es so noch nicht in dem „politisch immer knappen Land Hessen“ gegeben. Eine Frau, Andrea Ypsilanti, stürmte innerhalb von wenigen Wochen von ziemlich weit unten in die Höhe. Und viele Männer, voran Ministerpräsident Roland Koch, standen verblüfft bis konsterniert im Schatten der nicht nur bei der CDU unterschätzten Ex-Stewardess, der seit Anfang des Jahres Flügen wuchsen, während der Hauptgegener Koch seinen Sinkflug begann.
Wer so wie Ypsilanti vorankommt, wer so fulminant die eigene Partei aus dem Tief zieht und die Sozialdemokraten am Wahlabend freudentrunken macht - für den gibt es sofort auch einen neuen Stakkato-Schlachtruf. Er lautete gestern in den zum Bersten gefüllten Landtagsgebäude: An-dre-a, An-dre-a, An-dre-a. Die vielen zusätzlichen Bravo-Rufe, die Ypsilanti in die SPD-Fraktionsräume begleiteten, klangen vergleichsweise gedämpft bei dem sonstigen krachenden Freuden-Taumel. „Licht an, sie kommt!“ Auch dieser Zuruf zeigte: Eine Frau - und allein sie stand im hellen Schein der Aufmerksamkeit.
Als Roland Koch eineinhalb Stunden nach der ersten für seine CDU deprimierenden Prognose zu seinen Sympathisanten kam, wurde trotzig geklatscht. “Roland-Roland-Rufe" gab es auch, aber sie hörten sich eher an nach „Es kann noch klappen, Kopf hoch, Roland.“ Ein parteipolitisches Paradoxon erlebte man auch bei den verdatterten Christdemokraten, die gegenüber der Landtagswahl 2003 um mehr als zehn Prozent abgerutscht sind: Als irgendwann am späten Abend Hochrechnungen signalisierten, dass die Linkspartei doch bei fünf Prozent landen und somit ins Parlament kommen werde, machten die CDU-Leute plötzlich Gesten höchsten Vergnügens. Die Linkspartei im Parlament, das hieße nämlich: Keine Mehrheit für Rot-Grün.
Koch, ein bekannt brillanter politischer Analytiker, zog ein selbstkritisches Fazit: Er und die CDU hätten die eigenen Anhänger nicht genügend mobilisiert gegen den Angriff von links. Das Resultat sei für die Union insgesamt, aber auch für ihn als den zuerst politisch Verantwortlichen nicht einfach. Und auch dies räumte Koch freimütig ein: Dass es der SPD-Gegenkandidatin Ypsilanti offenbar gelungen sei, SPD-Sympathisanten, die 2003 noch scharenweise nicht gewählt hätten, jetzt wieder zu aktivieren. Er verschweige nicht seinen Respekt vor der „Aufholjagd der Kollegin“. Die so als politische Motivations-Künstlerin von einem politischen Profi wie Koch Gelobte schien ihr Glück kaum fassen zu können.
Selbst wenn sie am Ende nicht Regierungschefin in Hessen werden sollte, so hat sie seit dem Abend in ihrem Bundesland, in der SPD und weit darüber hinaus an politischem Gewicht gewonnen. Dass die SPD vor der CDU rangiert, das war in Hessen zwar in den vergangenen Jahrzehnten oft so; aber dass man ein politisches Schwergewicht der Union so empfindlich werde stauchen können - das hatten die hessischen Sozialdemokraten nicht wirklich für möglich gehalten.
Die Hochrechnungen signalisierten die vielleicht mögliche Wiedergeburt eines Regierungsmodells, das bereits als gestrig galt: „Rot-Grün“. Für Ypsilanti bedeutet die wieder ins Blickfeld rückende politische Farbkombination einen hessischen Fingerzeig, der auf die Hamburg-Wahl am 24. Februar, vor allem aber auf die Bundestagswahl im Herbst 2009 weise. Die stundenlange Ungewissheit, wer nun regieren kann: Koch oder Ypsilanti, CDU/FDP oder SPD/Grüne oder gar SPD/CDU – für den erfahrenenen Solinger Werbeagenturchef Coordt von Mannstein hat das eine Wahlkampf-Vorgeschichte: Koch in Hessen habe polarisiert, was eigentlich die Hauptaufgabe eines Herausforderers sei und nicht eines Amtsinhabers. Und noch etwas lehre der Kampf: dass deutsche Wahlkämpfe immer amerikanischer würden, dass weniger auf Kompetenzwerte und mehr auf Sympathie und persönliche Ausstrahlung der Spitzenkandidaten geschaut werde.
Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung, ein enger politischer Freund von Koch, stand in Treue fest: Koch bleibe einer der Besten der Union, und im übrigen nehme er, Jung, an, dass CDU und FDP am Ende doch die Nase vorn hätten. Bundesjustirministerin Brigitte Zypries (SPD) blieb bei allem Lob über den „grandiosen Erdrutschsieg von Andrea Ypsilanti“ vorsichtig bei der Ministerpräsident-Prognose: „Warten wir's ab.“ Dem übermütig wirkenden hessischen SPD-Generalsekretär Norbert Schmitt klopfte die Skeptikerin auf die Schulter: „Entspanne dich.“
Sein CDU-Generalsekretär-Kollege Michael Boddenberg brummte betont gelassen: „Mal sehen, was der Abend noch bringen wird.“ Der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, schüttelte seinen Kopf und erinnerte daran, dass „vor einem halben Jahr doch niemand bei uns für denkbar gehalten hat, dass einer unserer drei Länderchefs in Hessen, Niedersachsen, Hamburg, die jetzt zur Wahl standen beziehungsweise im Februar stehen werden, überhaupt verlieren könnte.
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