Unterwegs mit Jürgen Rüttgers (3): Der Bummel durch Sao Paulo
VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 29.10.2008 - 11:34Sao Paulo (RP). Empfänge, Briefings, Ortstermine. Außer bei den Busfahrten durch verstopfte Straßen hat die Delegation vom Alltag in Sao Paulo noch wenig mitbekommen. Soeben hat Jürgen Rüttgers beim brasilianischen Industrieverband ein Plädoyer für den Kampf gegen den Turbokapitalismus gehalten, jetzt ist etwas Luft im Programm. Der Ministerpräsident nutzt die Zeit für einen Bummel im Zentrum der Mega-Metropole.
Rüttgers spaziert, eskortiert von seinen drei Leibwächter, über die pulsierende Avenida Paulista. Als die Delegation an einem Straßenkaffee vorbeikommt, wird der Ministerpräsident durch einen Gruß gestoppt. "Hallo, Herr Rüttgers", ruft ein junger Mann Regierungschef von der Terrasse aus zu. Der hält an für einen kurzen Plausch.
So ein Zufall. Max Welpelo stammt aus Nordrhein-Westfalen. Der Kölner macht eine dreiwöchige Rundreise durch Brasilien. "Sie haben es gut", sagt Jürgen Rüttgers. Das findet der Tourist aus dem Rheinland auch.
Er geht einmal um den nächsten Häuserblock. Rüttgers erzählt, dass sich im Vergleich zu seinem letzten Besuch in Sao Paolo viel verändert habe. Der Bürgermeister hat die Obdachlosen aus den Prachtmeilen vertrieben. In der Avenida von Paulista ist von den sozialen Problemen der Stadt nichts zu spüren.
Jetzt geht es mit dem Bus zum Besuch der Firma Kostal. Die Firma wurde 1912 in Lüdenscheid gegründet. Das Unternehmen produziert Lenkstockschalter für die Automobilindustrie. In Europa ist Kostal OSTAL mit einem Marktanteil von mehr als dreißig Prozent Marktführer in diesem Produktbereich. "Wir sind Zulieferer des neuen Ford-Fiesta, der in Köln gebaut wird", sagt Geschäftsführer Carsten Wolff.
Das Unternehmen hat für den Empfang des Ministerpräsidenten auf dem Firmenparkplatz ein Zelt aufgebaut. Dort erläutert Kostal-Chef von Sao Paolo sein Erfolgsrezept. "Der Fortschritt liegt in der Reduzierung von Komplexität", erläutert Wolff. Kostal habe bewiesen, dass "gekonnte Reduktion" funktioniert.
Dieses Credo gefällt Jürgen Rüttgers. "Das Konzept sollte die Spezies der Politiker kopieren", sagt er in seiner kurzen Ansprache. Damit sei viel gewonnen. "Zum Beispiel beim Erbschaftsrecht." Vor dem Rundgang durch das Unternehmen müssen sich die Besucher einen weißen Kittel überstreifen. Ein Gurt, der an den Schuhen befestigt wird, soll statische Aufladung verhindern. "Ich finde es gut, dass sie so geerdet sind", sagt Rüttgers und lacht. Nicht die großen Player, sondern der Mittelstand sei das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.
Am Nachmittag geht es zum Stadtflughafen von Sao Paolo, der spektakulär im Häusermeer liegt. Gleich fliegt Delegation in die brasilianische Hauptstadt Brasilia weiter. Im militärischen Bereich des Airports bleibt noch Zeit zum Plaudern bis zum Abflug.
Jemand erzählt, dass vor zwei Jahren eine Maschine der Tam-Air am Stadtflughafen verunglückt ist. Der Jet raste bei schlechtem Wetter über winzige die Piste hinaus direkt in das Verwaltungsgebäude der Fluggesellschaft, wie durch ein Wunder starben nur zwei Menschen. Auch die Delegation wird Tam-Air fliegen. Ein schlechtes Omen?
Natürlich nicht. Flug Tam JJ 3722 hebt zwar etwas verspätet, aber rechtzeitig vor dem Ende der Startbahn nach Brasilia ab. Vor dem Start hatten sich einige einheimische Passagiere bekreuzigt.
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